Transplantationsexperte schätzt ein

Wahnsinn! Mann (57) wird Schweineherz verpflanzt - ist das der Durchbruch?

Zum ersten Mal lebt jetzt ein Mensch mit einem genetisch modifizierten Schweineherz, dank Ärzten und Chirurgen aus Baltimore, USA. (Symbolbild)
Zum ersten Mal lebt jetzt ein Mensch mit einem genetisch modifizierten Schweineherz, dank Ärzten und Chirurgen aus Baltimore, USA. (Symbolbild)
© vchal

12. Januar 2022 - 13:22 Uhr

von Vera Dünnwald

Was für eine Sensation! Mediziner aus Baltimore (USA) feiern aktuell einen großen Erfolg, denn: Sie haben am vergangenen Freitag einem 57-Jährigen, herzkranken Amerikaner erfolgreich ein neues Herz transplantiert. Ein tierisches, genmodifiziertes Herz von einem Schwein, um genau zu sein. Was das für die Medizin bedeutet, erklärt Transplantations-Experte Prof. Dr. Christoph Knosalla. Wie ist die OP aus moralischer Sicht zu bewerten?

Bahnbrechend: Zum ersten Mal nimmt ein menschlicher Körper ein tierisches Organ an

Erstmals Schweineherz-Transplantation für einen Menschen
David Bennet ist der erste Mensch, der ein Schweineherz transplantiert bekommen hat.
© deutsche presse agentur

Acht Stunden lang dauert die bahnbrechende Operation, die es David Bennet fortan ermöglicht weiterzuleben. Weil er an einer unheilbaren Herzschwäche leidet, aus bestimmten medizinischen Gründen für ein menschliches Spenderherz als nicht geeignet eingestuft wurde, gäbe es für den Patienten keine andere Chance, am Leben zu bleiben, so seine Ärzte. Deshalb stimmt er der Transplantation mit dem genmodifizierten Schweineherz zu – eine große Chance für die Mediziner und ein lebensverändernder Schritt für Bennet.

Das Medical Center der University of Maryland zeigt sich wenige Tage nach der OP zuversichtlich: "Diese Organtransplantation zeigt erstmals, dass ein genetisch verändertes Tierherz wie ein menschliches Herz funktionieren kann, ohne dass der Körper es sofort abstößt." Der Patient werde die kommenden Wochen aber weiter genau beobachtet. Noch wissen die Mediziner nämlich nicht, wie lange das Herz in seiner Brust schlagen wird.

Wie der durchführende Arzt Bartley Griffith bereits erklärt hat, könnte diese Art von Transplantation aber DIE Lösung für die Organ-Knappheit darstellen. Dem stimmt auch Prof. Dr. Christoph Knosalla zu. Er ist Chirurg an der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Deutschen Herzzentrum Berlin und Transplantations-Experte.

Problem des Spendermangels könnte deutlich minimiert werden

Im RTL-Interview erklärt Knosalla, dass der große Spendermangel in Deutschland ein großes Problem darstellt: "Es stehen viel mehr Patienten auf der Warteliste als es Organe gibt. Momentan geht man davon aus, dass 20 Prozent der Menschen, die auf der Herztransplantationsliste stehen, sogar versterben werden, eben weil es keinen geeigneten Spender für sie gibt. Die Spenderzahlen in Deutschland sind konstant niedrig – aber die Anzahl an Patienten nimmt weiter zu."

Genau aus diesem Grund wäre eine Transplantation, wie sie in Baltimore stattgefunden hat, "eine perfekte Möglichkeit": "Wenn man so ein genetisch verändertes Transplantat hat, was dann im Prinzip auch jederzeit zur Verfügung stehen würde – das würde die Wartelistenproblematik schon deutlich minimieren", sagt der Professor.

Man könnte, wenn in Zukunft genmodifizierte Schweineherzen in die menschliche Brust verpflanzt würden, auch noch ein weiteres Problem verringern: "Es gibt ja auch noch die Patienten, die aufgrund medizinischer Kontraindikatoren, Begleiterkrankungen und hohen Risiken gar nicht auf die Liste gesetzt werden können. Die Liste funktioniert nämlich nach Dringlichkeit und Erfolgsaussicht. Wenn aber ein Patient so krank ist, dass ein menschliches Spenderherz für ihn gar nicht infrage kommt, dann sieht es schlecht aus. So wie ursprünglich im aktuellen Fall von David Bennet." Wenn aber eben weitere Transplantationen mit genetisch veränderten, tierischen Herzen stattfinden und diese ideal funktionieren würden, könnten nochmal mehr Patienten davon profitieren.

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Müssen die Gen-Modifikationen angepasst werden?

Trotz allem muss man jetzt erst einmal abwarten, inwiefern David Bennet die Transplantation – und auch die Zeit danach – übersteht. Es hätte nämlich auch sein können, dass er sein neues Herz abstößt. Es wird vor allem geschaut, ob die zehn Modifikationen, die im Fall des in Baltimore verpflanzten Schweineherzens, vorgenommen wurden, ausreichen – oder ob noch etwas ergänzt werden muss.

Die US-amerikanischen Ärzte zeigen sich jedoch optimistisch, Prof. Dr. Knosalla tut das ebenfalls: "Grundsätzlich könnte die Xenotransplantation, so wird das genannt, wenn lebende, funktionstüchtige Zellen und Organe zwischen verschiedenen Spezies übertragen werden, erheblich zur Lösung des Spendermangel-Problems beitragen. Es gibt aber natürlich verschiedene biologische und immunologische Barrieren, die man in den Griff kriegen muss." Es sei daher nicht auszuschließen, so Knosalla, dass noch weitere Modifikationen notwendig seien, damit das tierische Herz am Ende auch langfristig angenommen wird.

Situation in Deutschland

In Deutschland sei es rein theoretisch möglich, ähnliche Transplantationen durchzuführen. Für die Überprüfung und eventuelle Genehmigung sei das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zuständig, erklärt Knosalla weiter. "Man kann dort eine Xenotransplantation beantragen, die unter bestimmten Bedingungen genehmigt wird. Aktuell ist mir dort jedoch kein Antrag bekannt." Nicht nur die Zulassung sei eine Herausforderung, sondern auch der Prozess der Logistik: "Irgendwoher muss das Schweineherz herkommen und irgendwo müssen die Modifikationen stattfinden. Wird das in Deutschland durchgeführt? Oder wird das Spendertier von woanders hergebracht? All das ist individuell und gestaltet sich mitunter nicht ganz so leicht."

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Aktuell durchgeführte Xenotransplantation könnte viel Gutes für die Zukunft bedeuten

Man sieht ein Krankenhaus und wie ein Pfleger eine Kühltasche trägt, wo vermutlich ein Organ drin ist.
Bahnbrechend: Xenotransplantationen könnten einen großen medizinischen Fortschritt darstellen. (Symbolbild)
© aydinmutlu

Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass ein tierisches Herz in einen Menschen transplantiert wird. In diesem Fall wurde nur zum ersten Mal ein Schweineherz genutzt. Einige Menschen werden sich vermutlich noch an "Baby Fae" erinnern, die 1984 im Neugeborenen-Alter ein Pavianherz eingepflanzt bekommen hat – und nur wenige Wochen später an den Folgen der Transplantation verstarb.

An der Xenotransplantation wird schon lange geforscht und viele Probleme sind mittlerweile identifiziert worden, denn: "Wir haben jetzt die technischen Möglichkeiten der schnellen und zielgerichteten Genmanipulation der Schweine. Das macht dann eben eine solche OP wie in den USA möglich", sagt der Chirurg. Prinzipiell hätten alle Menschen, die sich damit beschäftigen, auch gewusst, dass ein klinischer Einsatz bald in greifbare Nähe rücken würde, "aber niemand wusste, wann das das erste Mal tatsächlich passieren wird. Das war jetzt der erste Schritt, der wiederum neue Prozesse in Gang setzt. Es lässt sich noch nicht genau sagen, wie lange es dauern wird, bis so etwas auch in Europa oder eben in Deutschland gemacht wird. Der aktuelle Fall von Bennet aus den USA wird da entscheidend sein."

Daher sei jetzt vor allem wichtig, abzuwarten, wie sich der Gesundheitszustand von David Bennet und aber auch die Forschung weiterentwickeln würden.

Mensch bekommt ein Herz eines Tieres: Ist das moralisch vertretbar?

Weil es doch die ein oder andere Frage aufwirft, ob es moralisch überhaupt vertretbar ist, wenn ein Mensch ein Organ eines Tieres transplantiert bekommt, hat RTL bei Prof. Dr. Wolfram Henn nachgefragt. Henn ist Humangenetiker und Medizinethiker und seit 2016 Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Er sagt, dass es in Bezug auf Xenotransplantationen noch keine offizielle Stellungnahme vom Ethikrat gäbe und es bisher noch unklar sei, ob eine solche in Zukunft auferlegt würde. Rein rechtlich gäbe es in Deutschland aber kein Verbot, so etwas zu tun – vor allem weil schon seit Jahrzehnten künstliche Herzklappen von Schweinen in die menschliche Brust verpflanzt würden. Dass es sich nun jedoch um ein ganzes Organ handelt, sei "medizinisch gesehen eine sehr große Angelegenheit", so der Humangenetiker.

Er erklärt zudem, dass man den Tieren auch im Zusammenhang mit Xenotransplantationen ein gewisses Maß an Respekt zu kommen lassen solle: "Wenn wir Menschen Tiere für unser Wohl nutzen, schulden wir ihnen einen angemessenen Umgang in ihrer Lebenszeit." Vorgaben, die in Bezug auf Ernährung und Tierwohl gelten, ließen sich auch auf die Medizin übertragen.

Henn selbst ist der Auffassung, dass es grundsätzlich ethisch okay sei, wenn man mithilfe eines Tieres ein menschliches Leben rette. "Das sollte nicht verboten werden." Außerdem – da ist er sich sicher – hatte das Schwein, dessen Herz nun in den USA transplantiert wurde, vermutlich ein besseres Leben als andere Schweine, die in die Fleischindustrie wandern würden und Teil der Massentierhaltung seien. "Wer Schnitzel und Gummibärchen isst, der sollte auch nichts dagegen haben, wenn ein Mensch ein Schweineherz transplantiert bekommt. Das ist meine persönliche Meinung."

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Prof. Dr. Henn blickt hoffnungsvoll in die Zukunft

Ein Patient und ein Arzt geben sich die Faust bzw. schlagen ein.
Wenn David Bennets Gesundheitszustand sich nach der durchgeführten OP verbessert, könnten Xenotransplantationen ein größeres Thema werden.
© isayildiz

Natürlich könne jetzt nicht jeder einfach ein Schweineherz in einen Menschen transplantieren, "Studien an Menschen erfordern immer ein Votum der Ethikkommission", so Henn weiter. Kein Mensch würde einen solchen medizinischen Eingriff mal eben vornehmen lassen, "im Fall von David Bennet aus den USA geht es um jemanden, der medizinisch gesehen keine andere Chance hatte, es war ein einziger Heilversuch".

Was die Spendermangel-Problematik angeht, stimmt Prof. Dr. Henn dem Chirurgen Knosalla zu: "Das wird jetzt nicht zu einem Massenphänomen. Aber wir haben aktuell nun mal mehr Leute, die Organe brauchen, als dass wir Organe zur Verfügung haben. Daher halte ich den Weg der Xenotransplantationen für außerordentlich vielversprechend. Dass das etwas Bahnbrechendes ist, das sehe ich auch so." Eine Herztransplantation sei in jedem Fall ein riesiger Eingriff und sollte gut vorbereitet sein und mit verantwortungsvollem Arbeiten einhergehen. All das hätten – so Henn – die Ärzte aus Baltimore im Falle Bennets gewährleisten können.

Solange entsprechende Rahmenbedingungen eingehalten würden, überwiegen für den Medizinethiker die Pro-Argumente: "Das ist vertretbar und eine gute Nachricht für die Menschheit. Dieser mögliche Fortschritt ermöglicht vielen Menschen in großer Not eine gewinnbringende Versorgung."