Japan erlaubt Geburt von Mensch-Tier-Chimären - Wie sieht es in Deutschland aus?

Menschliche Spendeorgane in Tieren heranzüchten: Ist DAS die Medizin der Zukunft?

Links: Ein Rattenembryo in Lichtmikroskop-Aufnahme. Rechts: Monika Nowak-Imialek vom Institut für Tiergenetik.
Links: Ein Rattenembryo in Lichtmikroskop-Aufnahme. Rechts: Monika Nowak-Imialek vom Institut für Tiergenetik.
© picture alliance, RTL

01. August 2019 - 8:30 Uhr

Japan darf Mischwesen aus Mensch und Tier züchten

Diese Nachricht ging schnell um die Welt: In Japan dürfen nun weltweit als erstes Land tierische Embryonen gezüchtet und zur Welt gebracht werden, die mit menschlichen Stammzellen bestückt sind. Das Forschungsprojekt steht zwar noch in den Anfängen, doch die Idee dahinter ist, dass in den Tieren so Organe aus menschlichen Zellen heranwachsen, die später als Spendeorgane Menschen transplantiert werden können. Die Praxis ist aus ethischen Gründen sehr umstritten. Doch ist dies womöglich die Medizin der Zukunft? Wir sprachen mit einer Expertin für Tiergenetik.

Ratten- und Mäuseembryos werden menschliche Stammzellen injiziert

Ein Forscherteam um Hiromitsu Nakauchi der Universität Tokio und der Stanford University testet die Zucht von Organen aus menschlichen Zellen in Mäusen und Ratten. Dazu werden die Tierembryos genetisch so verändert, dass ihnen die Gene fehlen, um die Bauchspeicheldrüse zu entwickeln. Stattdessen werden ihnen menschliche pluripotente Stammzellen injiziert, also Zellen, die fast alle Zelltypen hervorbringen können. Die Idee ist, dass diese Zellen dann vom Körper dazu genutzt werden, die Bauchspeicheldrüse zu entwickeln, die dann im Idealfall also aus menschlichen Zellen besteht.

Wie ist die Lage in Deutschland und was spricht ethisch gesehen dagegen?

"Die Generierung von Chimären [Mischwesen] aus zwei verschiedenen Spezies ist natürlich bedenklich, wenn man menschliche Zellen nimmt", erklärt Monika Nowak-Imialek vom Institut für Tiergenetik Neustadt im Interview mit RTL. "Die Erstellung von Mischwesen zwischen menschlichen embryonalen Stammzellen und tierischen Embryonen ist definitiv in Deutschland verboten."

Eine Alternative wären Nowak-Imialek zufolge künstlich erstellte Stammzellen, die sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen). Für diese müssen – anders als bei embryonalen Stammzellen (ES) – keine menschlichen Embryos zerstört werden, sondern sie werden durch eine Biopsie aus der Haut entnommen und dann mit Genen künstlich zu Stammzellen umgewandelt. Diese werden auch in dem Projekt in Japan verwendet. Doch auch hier fordert die Expertin: "Ich finde alle Versuche, die mit Humanzellen, auch mit iPS zu tun haben, müssten mit einer ethischen Beratung laufen."

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Wie sind die Erfolgsaussichten des japanischen Forschungsprojekts?

Versuche mit Mischwesen wie in Japan sind jedoch nicht neu. Auch am Institut für Tiergenetik habe man schon mit Chimären gearbeitet, allerdings nicht mit menschlichen Zellen, sondern mit Affen und Schweinen. "Das hat nicht so gut funktioniert", berichtet Nowak-Imialek. Grund sei dafür die hohe evolutionäre Entfernung zwischen den beiden Tierarten. "Also die Beteiligung war sehr gering, die Zellen haben nicht überlebt. Es ist schwer zu sagen, wie gut das jetzt funktionieren wird. Wenn man solche Nischen hat [also das durch Genmanipulation fehlende Organ], haben die Zellen vielleicht mehr Möglichkeit, sich da zu etablieren."

Neu ist bei den Versuchen in Japan nun aber nicht nur die Beteiligung von menschlichen Zellen, sondern vor allem, dass die Versuche nicht nur in Kulturen in der Petrischale durchgeführt werden, sondern die so entstandenen Embryos tatsächlich in Leihmuttertiere eingesetzt werden. Mehr zu dem Vorgehen bei diesem Forschungsprojekt hier.

Gibt es schon bald erste Organspenden von Mischwesen?

"Ich denke, die Versuche, die in Japan geplant sind, sind eh Grundlagenforschung. Da wird erstmal geguckt, ob die Methode funktioniert, ob die Zellen überhaupt überleben in solchen Tieren. Ich denke, das ist noch ein sehr langer Weg, bis man mit Organtransplantationen von Chimären arbeiten könnte", schätz Nowak-Imialek.

Mehr Erfolg sieht sie hingegen in der sogenannten Xenotransplantation, also eine Fremdtransplantation von Tierorganen in den menschlichen Körper. Dazu müssen jedoch die Tiere ebenfalls genetisch verändert werden, damit der Empfänger die Organe nicht abstößt. "Ich denke, die Xenotransplantaionsprojekte, die hier im Institut laufen, führen dazu, dass wir in Zukunft tatsächlich solche Organe eher als Möglichkeit für Transplantation haben werden, als diese Chimära-Generierung."