Trotz aller Bedrohung

5 Gründe, warum wir jetzt nicht in Panik verfallen sollten

5 Gründe
Ukraine-Krieg: Warum wir nicht in Panik verfallen sollten
RTL

Seit mehr als einer Woche läuft die Invasion Russlands in der Ukraine. Die schrecklichen Ereignisse auf europäischem Boden - wenige Flugstunden von uns entfernt - verändern die Welt nachhaltig und machen vielen Menschen in Deutschland Angst. Bedrohlich ist die Lage – das steht außer Frage. Doch nicht jedes befürchtete Szenario ist gleich wahrscheinlich: Es gibt Argumente, die manche Sorge trotz der angespannten Lage zumindest etwas lindern könnten.

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1. Wir stehen nicht vor dem dritten Weltkrieg

Viele Bürger, Politiker und auch Sicherheitsfachleute konnten oder wollten bis zum Schluss nicht glauben, dass Putin nach der gesamten Ukraine greifen würde. Aber auch, wenn nun die bislang schlimmsten Befürchtungen einzutreten scheinen: Die Angst vor einem europäischen oder gar internationalen Krieg sollte nicht dazu kommen. "Der Krieg wird nicht nach Deutschland kommen, wenn wir nicht ganz große Fehler machen", sagt der Sicherheitsexperte Dr. Joachim Weber im Interview mit RTL und ntv.

Auch wenn es bei den schrecklichen Bildern aus der Ukraine schwierig sei, sich hierzulande noch sicher zu fühlen, so sei die Nato doch eindeutig keine Kriegspartei. Das westliche Verteidigungsbündnis und Bundeskanzler Olaf Scholz haben immer wieder erklärt, dass sie nicht aktiv in den Konflikt eingreifen werden.

Und solange das so bleibt und die Abschreckungslinie der Nato steht, besteht zumindest akut keine Kriegsgefahr in weiteren Staaten. Das sagt auch RTL-Politikchef Nikolaus Blome: Der Zustand gegenseitiger Abschreckung ähnele dem vor dem kalten Krieg; er sei „schrecklich, aber auf eine gewisse Art auch stabil. Und der dritte Weltkrieg, so glaube ich, der wird nicht kommen.“

2. Putin hat keinen Finger auf dem „Atom-Knopf“

Ohne eine militärische Eskalation seitens der Nato oder einer anderen Drittpartei wird Putin folglich auch erst recht keinen Atomkrieg riskieren – so zumindest die gängige Expertenmeinung. Klar ist: Vor einem solchen wäre potenziell kein Land sicher, eine Vorbereitung weder im Westen noch in Russland möglich. Einen Angriff mit atomaren Fernstreckenraketen, sogenannten strategischen Atomwaffen, „werden wir hoffentlich und ganz wahrscheinlich nicht erleben“, sagt Blome.

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Es sei nicht auszuschließen, dass Putin kleinere, taktische Nuklearwaffen über ukrainischen Städten in Erwägung zieht, sollte seine Offensive völlig ins Stocken geraten. Dadurch würde Deutschland keine atomare Verseuchung drohen – trotzdem würde Putin damit mehr als nur eine weitere rote Linie überschreiten. Wie die Nato darauf reagieren würde, lässt sie laut Blome absichtlich im Dunklen, um Putin von „diesem allerletzten Mittel in der Ukraine“ abzuhalten. Und wie westliche Geheimdienste wissen wollen, sitzt der russische Präsident auch nicht alleine vor einem roten Knopf. Mindestens eine, vielleicht zwei weitere hochrangige Bestätigungen für einen Atombomben-Abwurf wären nötig.

Russische Interkontinental-Rakete
Ohne eine militärische Eskalation seitens der Nato wird Putin keinen Atomkrieg riskieren!
deutsche presse agentur

3. Kernkraftwerke sind keine Waffen

Die gewalttätige russische Einnahme von Europas größtem Atomkraftwerk Saporischschja in der Nacht auf Freitag hat weltweit große Sorge vor einer Katastrophe ausgelöst, die sogar Tschernobyl in den Schatten stellen könnte. Der ukrainische Präsident Selenskyj warnte vor dem „Tod Europas durch eine Nukleare Katastrophe“. So dramatisch war die Lage vor Ort, knapp 1.900 Kilometer Autofahrt von Berlin entfernt, Experten zufolge nicht und das Feuer ist gelöscht. Die Frage bleibt, ob Putin es womöglich auf einen GAU abgesehen hat.

Daran könne keine Seite ein Interesse haben, urteilt der österreichische Generalmajor und Militärexperte Günter Hofbauer. Er verweist eher auf die „Hitze des Gefechtes“. Fest steht: Die Ukraine hat vier Kernkraftwerke mit insgesamt 15 Reaktoren – und Angriffe darauf „sind natürlich, egal warum sie stattgefunden haben, besorgniserregend“, macht Dr. Matthias Englert klar. Er ist Nukleartechnikexperte des Öko-Instituts in Darmstadt. Um die Energieversorgung der Verteidiger zu kappen, könne Putin die Anlagen durchaus in Sachen Energieversorgung als strategische Ziele sehen. „Aber nicht das radioaktive Inventar.“ Das würde auch Russland nichts bringen, im Gegenteil.

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Und wenn doch ein Reaktor beschossen wird? Das müsse nicht zwangsläufig zu einem kerntechnischen Unfall führen, sagt Sebastian Stransky von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS). Die Stahlbetonhülle könne den Absturz eines kleinen Flugzeugs aushalten, also potenziell auch einen Angriff. „Das hängt allerdings auch von der Schwere des Beschusses ab.“

4. Das Gas fließt weiter

Auch nach dem Einmarsch in die Ukraine und dem Stopp von Nord Stream 2 bleibt Russland Deutschlands mit Abstand wichtigster Lieferant. Wegen des ohnehin angespannten Energiemarkts waren die Gasspeicher hierzulande Anfang des Jahres fast leer, der Bund stockt seine Reserve gerade für 1,5 Milliarden Euro auf – woher, ist unklar. „Die momentanen Gasreserven werden nach meiner vorsichtigen Einschätzung bis zum nächsten Winter reichen, aber es wird knapp“, sagt Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU).

Sollte Russland den Hahn tatsächlich zudrehen, müsste Deutschland schnellstmöglich noch stärker auf den Import von Flüssiggas (LNG) setzen als zurzeit ohnehin schon. Das würde die Preise wohl weiter in die Höhe treiben. Schon jetzt ist Gas ebenso wie Benzin schwindelerregend teuer geworden. Auch im Supermarkt spüren die Verbraucher erste finanzielle Auswirkungen des Krieges. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Bundesregierung neben den bekannten Maßnahmen Heizkostenzuschuss, Pendlerpauschale und Abschaffung der EEG-Umlage weiter gegensteuern kann und will.

5. Jeder kann etwas tun

Wenngleich wir uns gerade rat- und hilflos fühlen: Wir können selbst helfen und unseren kleinen Teil in diesem furchtbaren Durcheinander leisten. Viele tun das schon, nach der Corona-Krise und Hochwasserkatastrophe in Deutschland zeigt sich eine ungebrochen große Hilfsbereitschaft und Solidarität in der Gesellschaft. Zahlreiche Organisationen und Vereine im ganzen Land sammeln Sach- und Geldspenden, vermitteln Schlafplätze für Flüchtlinge. Auch direkt in die Grenzregion wird das nötigste gebracht. Am Berliner Hauptbahnhof empfangen derweil hunderte Helfer ankommende Flüchtlinge. Übrigens: Auch die "Stiftung RTL – Wir helfen Kindern e.V." sammelt weiter Spenden.

Aktiv zu werden, kann in diesen Zeiten auch der eigenen Seele helfen. "Ich glaube, dass bei allen Menschen das grundlegende Sicherheitsgefühl ganz massiv erschüttert wird", so Dr. Lüdke, Psychotherapeut und Traumaexperte. Generell ist Angst laut Experten ein wichtiger Begleiter und normal. Um sich aber nicht in Panik zu verlieren, ist Austausch ratsam: Sei es mit Freundinnen und Freunden, Partnern, Familie oder Therapeuten. Und auch Zerstreuung ist laut Lüdke erlaubt.

„Es ist vollkommen in Ordnung, auch bei dieser Tragik und diesen schrecklichen Ereignissen trotzdem das eigene Leben weiterzuleben. Das hat nichts mit einer Entwertung zu tun." Im Gegenteil sei es wichtig, auch abzuschalten, Spaß zu haben und Freude zu erleben – "um Kräfte zu sammeln, um mit diesen ganzen Problemen zurechtzukommen". (dwo)

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