Einschätzung von Michael Ortmann

„Tag der Ehre“ in Budapest: Hier leben Europas Neonazis ihren Judenhass offen aus

"Tag der Ehre" 2020 in Budapest: In Ungarns Hauptstadt marschieren Rechtsextreme aus ganz Europa auf.
© RTL, Michael Ortmann

12. Februar 2020 - 6:22 Uhr

Über 2.000 Rechtsextreme nach Budapest gereist

Es ist ein Skandal. Mitten in Europa marschieren Rechtsextreme wieder durch die Innenstadt. Sie sind schwarz gekleidet, einige mit Adolf Hitler Bildern ausgestattet, Logos verbotener rechtsextremer Vereinigungen wie "Combat 18" oder "Blood and Honour" werden dezent, aber dennoch sichtbar an Ärmeln oder Gürtelschnallen stolz präsentiert. Einige sind gleich in Wehrmachtsuniformen erschienen, andere wiederum tragen ihre Gesinnung als Tätowierung zur Schau.

RTL-Reporter Michael Ortmann beobachtet das Rechtsextremen-Treffen in Budapest

Michael Ortmann für RTL am Rande des "Tag der Ehre" in Budapest
Michael Ortmann am Rande des "Tag der Ehre" in Budapest
© RTL

Das alleine ist zwar erschreckend genug, aber es ist noch nicht der Skandal. Besorgniserregend wird es, wenn man sich die ganze Veranstaltung anschaut. Denn am Samstag sind geschätzt über 2.000 Rechtsextreme nach Budapest gereist um den "Tag der Ehre" zu begehen. Begleitet und beschützt von der ungarischen Polizei – einem EU-Mitgliedsstaat wohlgemerkt. Hier fängt der Skandal an. Aber hier ist er noch nicht zu Ende.

Begleitet und beschützt von der ungarischen Polizei - offener Judenhass durch deutschen Neonazi

Besonders skandalös wird es, als ein Mann sich auf dem abgeschlossenen Platz in Budapest kritisch zu der Veranstaltung äußert. Denn da verlangen die Ordner von der Polizei, dass er das Gelände verlassen soll. Und tatsächlich, die Polizei führt ihn ab. Es ist schließlich eine private Feier und die soll nicht gestört werden.

Einen Redner aus Deutschland von "Die Rechte" aus Dortmund, der offen zum Judenhass aufruft – den hingegen lassen sie gewähren. "Unser Feind heißt nicht Meier oder Müller. Unser Feind heißt Rothschild oder Goldman und Sachs," so der Neonazi. Kein Polizist zeigt eine Regung und unterbrochen wird die Rede auch nicht. Es ist offen ausgetragener Antisemitismus. Aber noch lange kein Grund für die staatlichen Ordnungshüter einzuschreiten.

„Die Veranstaltung ist für die rechtsradikale Szene in Europa ein wichtiges Event“

Willkommen in Budapest 2020. Willkommen in einem Land, das seit mehr als 15 Jahren festes EU-Mitglied ist.

Jedes Jahr reisen mehr Rechtsextreme in die Donaumetropole. Sie kommen aus Schweden, England, Frankreich, Deutschland und natürlich aus Ungarn. Gedacht wird der Zehntausenden toten Wehrmachts- und Waffen-SS-Soldaten, die sich in den letzten Kriegstagen an der Seite der ungarischen Armee gegen die vorrückenden russischen Streitkräfte stemmten. Vergeblich, wie wir wissen. Dieses sinnlose Gemetzel kostete rund 150.000 Menschen das Leben.

"Die Veranstaltung ist für die rechtsradikale Szene in Europa ein wichtiges Event. Denn hier können sie sich ungestört präsentieren", so Linus Pook vom Zentrum Demokratischer Widerspruch. Jedes zweite Wochenende im Februar reisen die Ewiggestrigen nach Budapest um zu gedenken. N der knapp 500.000 jüdischen Ungarn, die die Deutschen ermordeten, sondern vorwiegend den Mitgliedern der Waffen SS, die hier ihr Leben ließen.

Rechte Parteien in Ungarn: „Wölfe im Schafspelz“

Viktor Orbans Ungarn ist inzwischen für die rechte Szene äußerst attraktiv geworden. Ihren Judenhass können sie hier gut und nahezu unbedrängt ausleben. Hier können sie am Nationalfeiertag grölend durch Roma-Viertel ziehen, ohne dass es jemanden stört. Außer die Roma, versteht sich. Nazi-Insignien zu verkaufen, ist zwar offiziell verboten, aber verkauft werden sie trotzdem. Angst vor Strafverfolgung braucht niemand zu haben. Und Angst vor Ausländern hat der Ministerpräsident ohnehin selbst immer wieder geschürt. "Aber natürlich lassen wir wahre Flüchtlinge herein. Deutsche, Holländer, Franzosen und Italiener, erschreckte Politiker und Journalisten, die hier in Ungarn das Europa finden, das sie in ihren Heimatländern verloren haben", sagt Orban.

Und zuletzt haben auch Parteien wie die rechte Jobbik beachtlichen Erfolg bei den Wahlen mit knapp 20 Prozent erzielt. "Das liegt vor allem daran, dass sie sich jetzt etwas moderater geben, nachdem einige Rechtsextreme ausgetreten sind, denen die Partei nicht radikal genug war", so die freie Journalistin Elisabeth Katalin Grabow. "Aber an ihrer Ideologie hat sich nichts geändert. Sie sind Wölfe im Schafspelz."

Zwar wurden einige bekannte Nazi-Größen inzwischen des Landes verwiesen, wie der ehemalige RAF-Terrorist und später Rechtsextreme Horst Mahler. Und auch die bekannten Akteure der rechten Szene in Großbritannien James Dowson und Nick Griffin wurden abgeschoben. Aber der "Tag der Ehre" macht jedes Jahr wieder deutlich, wie wenig ernst es Viktor Orban tatsächlich mit dem Kampf gegen Rechtsextremismus ist. Und genau das ist der Skandal.