Keine gefährlicheren Varianten in Sicht

Sorge wegen Sublinie "Centaurus": Warum BA.2.75 keine Bedrohung für uns ist

Straßenschild mit Coronavirus-Symbol und Aufschrift Centaurus / action press
Zuletzt sorgte eine neue Omikron-Sublinie in Indien wieder für Aufsehen: BA.2.75, inoffiziell "Centaurus" getauft.
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von Ingo Jacobs

Wie geht es weiter mit Corona im Herbst und Winter 2022 und 2023? Neben den natürlichen saisonalen Auswirkungen und Effekten, auf die wir uns alle einstellen müssen, ist die Frage: Kommen neue Varianten ins Spiel – Varianten, die ansteckender und auch krank machender sind? Zuletzt sorgte eine neue Omikron-Sublinie in Indien wieder für Aufsehen: BA.2.75, inoffiziell „Centaurus“ getauft. Sie breitete sich dort rasant aus – aber eben nur dort. Forscher glauben jetzt zu wissen, woran das liegt. Und das ist eine gute Nachricht für uns.

"Centaurus" für zwei Drittel der Corona-Fälle in Indien verantwortlich

Viren mutieren, die einen mehr, die einen weniger – aber sie mutieren. So auch SARS-CoV-2 – und das ständig. Wohl kaum ein anderes Virus wird zurzeit so beobachtet, wie der Auslöser der globalen Pandemie seit 2020. Zurzeit unter ganz besonderer Beobachtung: die Omikron-Sublinie BA.2.75. Auf dem indischen Subkontinent zuletzt für zwei Drittel der neuen Coronavirus-Fälle verantwortlich, berichtete der indische Virologe Shahid Jameel in der Fachzeitschrift „Nature“. Mittlerweile wurde die neue Subvariante in mehr als 20 Ländern weltweit entdeckt. Aber nirgends kann sie sich so gut durchsetzen wie in Indien.

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Kein Anstieg von Krankenhauseinweisungen

Schon Anfang Juli hatten Forscher auf das Aufkommen der neuen Subvariante hingewiesen und gewarnt: Sie könnte bald weltweit dominieren. Das befürchtete weltweite Wachstum blieb aber aus. In Indien dominiert BA.2.75 zwischenzeitlich das Geschehen. Ein deutlicher Anstieg von Krankenhauseinweisungen aufgrund der „Centaurus“-Welle ist aber auch nicht zu verzeichnen, sagt Jameel. Er führt das auf die Wirkung von hohen Impfquoten und vorherigen Infektionen zurück. „Diese hybride Immunität wird die Menschen weitgehend schützen und aus den Krankenhäusern heraushalten“, sagte er der Fachzeitschrift.

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Delta-Welle bringt BA.2.75 vermutlich Übertragungsvorteil

BA.2.75 muss auf dem Subkontinent einen „recht beträchtlichen“ Übertragungsvorteil gegenüber BA.5 haben, glaubt Tom Wenseleers, Evolutionsbiologe an der Katholischen Universität Löwen in Belgien. „Dies würde definitiv eine Infektionswelle auslösen“, sagte er. Er prognostiziert eine Ausbreitung von BA.2.75 vorwiegend in Asien. Warum sie sich in Indien so massiv ausbreitet, wissen die Forscher bislang noch nicht genau – aber es gibt starke Hinweise: Dort gab es keine BA.5-Welle, dafür aber die massive Delta-Welle im Jahr 2021. Und BA.2.75 kann laut einer aktuellen chinesischen Forschung die Immunantwort von bereits mit Delta infizierten Menschen besser umgehen als BA.5.

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In Europa und Nordamerika wird eher Omikron-Subvariante BA.4.6 dominant

Dieser Vorteil der „Centaurus“-Variante gegenüber BA.5 spielt außerhalb Indiens vermutlich keine große Rolle. „Wir kommen an einen Punkt, an dem diese Varianten miteinander konkurrieren und fast gleichwertig sind“, sagt Virologe Jameel. „Ich denke, dass Menschen, die BA.5 hatten, mit BA.2.75 keine Durchbruchsinfektionen haben werden und umgekehrt.“ Für Wenseleers gibt es für Europa und Nordamerika derzeit Anzeichen dafür, dass eine die Omikron-Unterlinie BA.4.6 dominieren wird. „Wir könnten am Ende eine Mischung von Omikron-Nachfolgern haben, wobei verschiedene Nachkommen in verschiedenen Teilen der Welt die Vorherrschaft erlangen“, sagt Wenseleers.

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Alle neuen Corona-Varianten waren bisher weniger pathogen

So erklärt es uns auch Medizin-Experte Dr. Christoph Specht: „Diese Entwicklung wird so weitergehen, nicht jede neue Variante, die im globalen Maßstab auf lokaler Ebene Fuß fassen kann, wird sich auf der ganzen Welt verbreiten.“ Und wenn man sich das bisherige Mutationsgeschehen ansieht, dann könne zudem festgestellt werden: „Alle Varianten, die bisher eine Rolle gespielt haben, waren nicht pathogener, also krank machender als die jeweilige Vorvariante.“ Auch für die für Europa vorhergesagte Dominanz von BA.4.6 gilt laut Evolutionsbiologe Wenseleers das gleiche: Es ist „wahrscheinlich, dass dank der hohen Bevölkerungsimmunität der Schweregrad im wirklichen Leben weiter abnehmen wird“.

Also: Keine für uns wieder gefährlicher werdenden Varianten weit und breit zu sehen – erst recht keine „Killervariante“? „Absolut ausschließen kann man die nicht“, gibt Specht zu bedenken. „Aber genauso könnte man dann Angst davor haben, dass ein anderes Virus, etwa ein pandemisches Influenza-Virus oder SARS-CoV-3 um die Ecke kommt. Das ist genauso realistisch.“