Bis zu eine Million Kinder sind in Deutschland betroffen

Neue Maßnahmen gegen Kindesmissbrauch: Wie können wir unsere Kinder schützen?

Für Kindesmissbrauch gibt es oft keine eindeutigen Anzeichen - Eltern sollten bei Verhaltensänderung ihres Kindes aber hellhörig werden.
Für Kindesmissbrauch gibt es oft keine eindeutigen Anzeichen - Eltern sollten bei Verhaltensänderung ihres Kindes aber hellhörig werden.
© deutsche presse agentur

30. Juni 2021 - 19:33 Uhr

Hinweisen wird nicht nachgegangen

Es waren Nachrichten, die das ganze Land 2018 fassungslos machten. Zehn Jahre lang hatte ein 56-Jähriger auf einem Campingplatz in Lügde Kinder immer wieder vergewaltigt und Kinderpornos seiner Opfer angefertigt. Der Täter hatte sogar ein eigenes Pflegekind vom Jugendamt bekommen. Polizei und Jugendamt versagten katastrophal und ignorierten zahlreiche Hinweise auf den massenhaften Missbrauch. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fordert jetzt ein "Haltung des Hinschauens". Der Kampf sei eine moralische und politische Pflicht.

Neue Maßnahmen gegen Kindesmissbrauch vorgestellt

 Bundesjustizministerin Christine Lambrecht, SPD, aufgenommen im Rahmen eines Interviews. Berlin, 15.12.2020 Berlin Deutschland *** Federal Minister of Justice Christine Lambrecht, SPD, recorded during an interview Berlin, 15 12 2020 Berlin Germany C
Bundesjustizministerin Christine Lambrecht, SPD.
© imago images/photothek, Thomas Trutschel/photothek.de via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Der Nationale Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen stellte nun neue Empfehlungen für den Kampf gegen Kindesmissbrauch vor.

Ziel sei es, Schutz und Hilfen bei sexualisierter Gewalt und Ausbeutung zu verbessern, kindgerechte Gerichtsverfahren zu gewährleisten und die Forschung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt weiter voranzubringen. Anderthalb Jahre lang haben rund 300 Experten aus Politik, Wissenschaft und Betroffene an den Empfehlungen gearbeitet. Eine bessere Vernetzung von zum Beispiel Kinder- und Jugendhilfe soll dafür sorgen, dass Missbrauchsfälle schneller aufgedeckt werden können. Auch Ermittlungs- und Gerichtsverfahren sollen kindgerechter werden, zum Beispiel mithilfe von Videovernehmungen.

Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht (SPD) sprach sich dafür aus, dass das Gremium auch nach der Bundestagswahl weiter zusammenkommen soll. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte bei einem Gespräch mit Mitgliedern des Rates, es reiche nicht aus, nur zu reagieren, wenn besonders drastische Straftaten öffentlich würden. Es brauche im Land eine Haltung des Hinschauens.

In jeder Schulklasse sitzt ein Opfer

Wie viele Kinder von Missbrauch, Vergewaltigung und sexueller Gewalt betroffen sind, ist schwer zu sagen: Nur ein Bruchteil der Taten wird überhaupt angezeigt und landet so in der Kriminalstatistik. Im letzten Jahr wurden rund 14.600 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern erfasst – knapp sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs: Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass bis zu eine Million Kinder und Jugendliche in Deutschland jedes Jahr Opfer von sexueller Gewalt werden – also rund jeder 13. Minderjährige.

Der Begriff "sexuelle Gewalt" ist weit gefasst. Darunter fällt zum Beispiel auch, wenn ein Erwachsener anzüglich mit einem Kind spricht, sich entblößt oder es zu Nacktfotos zwingt. Eine Million betroffene Kinder würde bedeuten, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Opfer sitzen.

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Warnzeichen werden oft nicht ernstgenommen

Der Großteil der Missbrauchsfälle passiert in der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis. Oftmals wird Kindern deshalb nicht geglaubt und wird behauptet, sie hätten sich die Fälle nur ausgedacht. Auch offizielle Stellen ignorieren wichtige Hinweise immer wieder. Woran Sie erkennen können, ob Ihr Kind sexuelle Gewalt erfahren hat, lesen Sie hier:

+++ Lesetipp: Verdacht auf sexuellen Missbrauch bei Kindern - so erkennen Sie Warnsignale +++

Besondere Gefahren lauern im Internet

Gerade wenn Kinder sich ungeschützt im Internet bewegen, lauern Gefahren, zum Beispiel auf Chatplattformen und bei Onlinespielen. Ein Experte sagt sogar: Kein Kind bewegt sich im Internet, ohne einmal mit einem Täter in Berührung zu kommen! Welche Tipps er Eltern gibt, lesen Sie hier.

Das RTL-Spezial "Angriff auf unsere Kinder" hatte im März gezeigt, wie schnell Kinder zu Opfern werden können.
(rcl)