Cybergrooming ist Alltag geworden

Cyber-Kriminologe: Kein Kind bewegt sich im Internet, ohne einmal mit einem Täter in Berührung zu kommen

Pädophile nutzen gezielt scheinbar harmlose Apps, um Kontakt zu Kindern und Jugendlichen aufzunehmen (Symbolbild).
Pädophile nutzen gezielt scheinbar harmlose Apps, um Kontakt zu Kindern und Jugendlichen aufzunehmen (Symbolbild).
© imago images/Westend61, Larissa Veronesi, via www.imago-images.de, www.imago-images.de

14. Mai 2021 - 7:16 Uhr

Experte klärt auf: Hier lauern die Gefahren

"Hey Süße, wie alt bist du?"

"13"

"Cool, schön reif und knackig, genau mein Ding. Ich bin 42. Hast du Bock, meinen Schw*** zu sehen oder uns zu treffen?"

Ein Chat, wie er in Apps wie Randochat und Co. ständig stattfindet. So oft, dass die Anbahnung sexueller Übergriffe im Internet (sogenanntes Cybergrooming) für Kinder Alltag geworden ist. "Ich gehe davon aus, dass sich annähernd kein Kind im Internet bewegt, ohne mit einem Täter zumindest einmal konfrontiert zu werden", sagt einer, der es wissen muss. Thomas-Gabriel Rüdiger ist ein erfahrener Cyberkriminologe und kennt die Gefahren, die im Netz lauern.

RTL Spezial "Angriff auf unsere Kinder - und was WIR dagegen machen können"

In diesem RTL Spezial präsentiert Moderator Steffen Hallaschka ein Experiment, dessen Botschaft uns alle angeht: die Sicherheit unserer Kinder im Internet. Welche Gefahren lauern auf vermeintlich harmlosen Websites und in Apps? Wie können wir unsere Kinder effektiver davor schützen? Und wie schaffen wir es, dass sie uns in ihre Erlebnisse im digitalen Raum einweihen?

Viele Straftaten werden nicht angezeigt

Es passiert jeden Tag, überall. Opfer nehmen sexuelle Belästigungen im Netz teilweise als "normal", allenfalls noch als "lästig" wahr, jedoch nicht immer als das, was sie sind, nämlich Straftaten. Selten komme es wie hier zur Anzeige, die Dunkelziffer sei extrem hoch, sagt Rüdiger. Und das wissen auch die Kriminellen.

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Täter gehen online sehr aggressiv und teilweise offen vor, werden in ihrem Vorgehen radikaler. Einige fühlen sich im Internet sicher und "betreiben teilweise nur ein geringes Riskmanagement", so Rüdiger. "Manche Täter empfinden offenbar nur einen geringen Strafverfolgungsdruck, so dass sie nur geringe Maßnahmen treffen, um die Strafverfolgung zu erschweren." Er habe schon erlebt, dass sich Täter mit Klarnamen bei einer App angemeldet hätten. Doch woher rührt diese Skrupellosigkeit?

"Im Internet sind wir geballt und sichtbar mit einer Masse an Straftaten konfrontiert, die scheinbar keine Konsequenzen nach sich ziehen - dies stellt eine Art Kriminalitätstransparenz dar. Wer aber erlebt, dass er im Netz Normen brechen, Sexualdelikte begehen, Hass verbreiten kann, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, dessen Hemmschwelle sinkt generell", sagt Rüdiger. "Das führt dazu, dass Normen ihre Akzeptanz verloren haben - wenn alle über die rote Ampel gehen, bin ich eher geneigt, selbst auch zu gehen."

Doch hier liegt auch eine Chance für die Ermittler.

Täter hinterlassen digitalen Fußabdruck

Denn kommt es doch einmal zu einer Anzeige, liegt die Aufklärungsquote bei über 80 %, weil die enthemmten Täter in den Chats viel von sich preisgeben, um sich den Kindern zu nähern. Das wird ihnen am Ende zum Verhängnis.

Tiktok, Instagram, Knuddels, Likee, Snapchat, Quizduell und Co dienen dem Experten zufolge als "Anbahnungsplattformen", wo die Täter ihre potentiellen Opfer aufspüren. "Häufig leiten die Täter die Kinder dann auf Messenger wie Whatsapp oder KIK weiter." Spätestens hier hinterlässt der Täter dann einen digitalen Fußabdruck, der zu ihm zurückverfolgt werden kann.

Staat greift nicht hart genug durch

"Das Tragische ist: Das Risiko für Kinder ist eher gestiegen als gesunken, doch der Staat hat es bisher nicht wirklich geschafft, hier einen wirksamen Schutz zu etablieren", kritisiert der Cyberexperte. "Im Straßenverkehr zeigt die Polizei Präsenz, fährt Streife, blitzt, verteilt Strafzettel", so Rüdiger. Diesen Schutz gelte es auch auf Kinder im Internet herunterzubrechen. "Auch im Netz müssen die Gesetze spürbar und sichtbar durchgesetzt werden. Auch hier muss die Gesellschaft über eine Form von digitalen Funkstreifenwagen diskutieren "

Die Polizei müsse personell besser aufgestellt sein, um gezielt gegen Cybergroomer und andere Sexualtäter vorzugehen - etwa mit "Scheinkindoperationen": Dabei geben sich Ermittler auf Social-Media-Plattformen als Kinder aus und interagieren dann mit den Tätern. Maßnahmen wie diese, wenn sie denn regelmäßig, flächendeckend und koordiniert durchgeführt würden, hätten eine spürbar abschreckende Wirkung.

Ein Grundproblem sei auch, "dass das Internet von Erwachsenen für Erwachsene geschaffen wurde. Die Schutzinteressen von Kindern spielten dabei keine Rolle". Ein weiterer Schritt für mehr Sicherheit im Netz könnten daher Altersverifikationen darstellen. Sie könnten effektiv verhindern, dass sich Erwachsene im Chat Kindern nähern. Eine Schutzmaßnahme, die aber für alle User eine Einschränkung bedeuten würde. "Denn dann müssten im Gegenzug auch das Alter von Erwachsenen geprüft werden, die sich in Programmen für Kinder anmelden wollen".

Kinder wenden sich oft erst spät an die Eltern

Für Eltern ist das Wissen um die dunklen Gestalten, die scheinbar unkontrolliert im Internet ihr Unwesen treiben können, beängstigend. Zumal sie in den allermeisten Fällen nicht erfahren, wenn ihr Kind sexuell belästigt wurde. "Typischerweise ist es so, dass sich die Kinder erst an ihre Eltern wenden, wenn der Leidensdruck sehr hoch ist", sagt Rüdiger. Er kennt Fälle, bei denen Kinder zuerst die Polizei alarmiert hätten, statt mit den Eltern zu reden.

Warum aber vertrauen sich Kinder ihren Eltern erst so spät an? Scham spielt eine Rolle. Angst. Aber auch die ganz pragmatische Befürchtung, die Eltern könnten das Handy einkassieren, weiß der Cyberkriminologe. Eltern sollten dem Kind diese Sorge daher nehmen, bevor es das erste Smartphone bekommt.

Und auch sonst gebe es im Vorfeld einiges zu beachten. "Wichtig ist, das Kind auf das Smartphone vorzubereiten, so wie ich es zum Beispiel auch auf den Schulweg vorbereite. Ich gehe den Weg immer wieder ab, begleite das Kind noch eine Weile, weise auf mögliche Gefahrenstellen hin - und vielleicht entscheide ich am Ende doch, dass es noch zu früh ist." Seinem Kind einfach so ein Handy in die Hand zu drücken sei, als würde man es ohne Führerschein ans Steuer eines Autos setzen.

Cyber-Kriminologe gibt Eltern vier Tipps an die Hand

  1. Du musst Experte werden! "Wenn der Sohn kommt und "Fortnite" spielen will, müssen Sie sich selber zwei Wochen hinsetzen und das Spiel ausprobieren", erklärt Rüdiger. Das Gleiche gelte auch für alle Apps, die sich das Kind runterladen will. Denn nur dann könne man wirklich mitreden, Gefahren einschätzen und auf einem ganz anderen Niveau miteinander reden. Irgendwann hat man dann ein gewisses Grundverständnis für die Regeln dieser Programme erworben.
  2. Du musst Erklärbär sein! Hier geht es darum, dem Kind mögliche Gefahren aufzuzeigen, es zu sensibilisieren und ihm klarzumachen, dass sich hinter jedem vermeintlichen Kinderprofil auch ein Täter verstecken kann, der Böses im Schilde führt. Es helfe auch, wenn Eltern eigene Erfahrungen digitalen Risiken einfließen ließen. Wichtig sei, dass sie als kompetente Ratgeber zur Verfügung stehen, an die sich die Kinder mit ihren Fragen wenden können.
  3. Du musst Vertrauensperson sein! "Eltern sollten am Anfang klar kommunizieren: Wenn etwas passiert, dann komm zu uns und wir helfen dir und gehen zur Polizei." Und keine Sorge: Wir werden dir dein Handy nicht abnehmen.
  4. Vorbild sein! Wenn Mama fröhlich Fotos ihrer Kinder bei Instagram, Facebook und Co. oder auch als Profilbild bei Whatsapp postet, vermittelt sie, dass es normal und in Ordnung ist, Fotos im Netz rauszugeben.

Hie finden Sie weitere ausführliche Tipps, wie Sie ihr Kind im Netz schützen können.

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