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Sexismus-Vorwürfe: Das sagen die Behörden zum Skandal-Flyer

RTL konfrontiert die Verantwortlichen

Sexismus-Vorwürfe: Das sagen die Behörden zum Skandal-Flyer

Sexismus-Vorwürfe gegen Ministeriums-Flyer Problematische Aussagen über Frauenbrüste

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Problem-Broschüre über eine Millionen mal verteilt

Bevor ihr Kind Mitte Juni endlich das Licht der Welt erblickte, wollte ein Flyer ihres Frauenarztes die Stuttgarterin Nadja G. und ihren Mann über das sensible Thema Stillen aufklären. Als das Paar die Broschüre gemeinsam durchlas, traute es seinen Augen kaum: Der vom Bundeslandwirtschaftsministerium finanzierte Flyer steckt voller Klischees und Sexismus. Über eine Millionen Schwangere und Mütter aus Deutschland und der Schweiz haben das frauenfeindliche Material bereits erhalten. RTL stellt die Verantwortlichen im Video zur Rede.

Von Nico Nölken, Sophia Haak und Lukas Wolf

Männerthemen: Fußball, Autos und Busen

Mutter Nadja G. aus Stuttgart kritisiert das Infomaterial.
Mutter Nadja G. aus Stuttgart kritisiert das Infomaterial.
RTL

Mutter Nadja konnte es nicht fassen. Die Broschüre der Bundesanstalt für Ernährung soll nicht nur Frauen, sondern auch ihre männlichen Partner über die Vorzüge von Muttermilch aufklären. Für die junge Frau ging der Versuch, auch Männer mit dem Material anzusprechen, ordentlich nach hinten los. „Hier geht es mal nicht um Fußball, Autos oder Technik – aber um ein anderes wichtiges Männerthema – den Busen: Und warum es sich lohnt, diesen mit dem Baby zu teilen“, heißt es darin.

Nadja G. warnt vor der Broschüre, die für sie längst überholte Rollenbilder zurückkehren lässt: „Für mich gehört meine Brust in erster Linie mir – nicht dem Baby und auch nicht dem Mann“, sagt sie im RTL-Interview. „Der Flyer legt nahe, dass der Mann die Brust der Frau mit dem Baby teilen muss, als wäre das eine Art von Zumutung.“

"Wir steh'n auf Brüste!"

An anderer Stelle heißt es: „Wir steh’n auf Brüste!“ Und: „Wofür so ne Brust alles gut ist.“ Weil Nadja G. das Material der Behörden für unseriös hielt, teilte sie die Broschüre auf Twitter und löste einen Shitstorm aus. Frauen und Männer fühlten sich von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, die das Material als untergeordnete Behörde des Bundeslandwirtschaftsministeriums herausgibt, massiv beleidigt. „Seit wann gehört meinem Mann meine Brust?“, fragte sich eine Userin in den Kommentaren.

Zudem verspreche die Broschüre eine schlanke Figur und gute Laune durchs Stillen, meint Mutter Nadja. Dabei gibt es viele Frauen, die Schwierigkeiten dabei erfahren. „Der Flyer vermittelt das Bild, dass Frauen gut aussehen und glücklich sein sollen.“

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Behörde verteidigt Problem-Flyer

RTL-Recherchen ergaben, dass die Autorin mittlerweile ihr Tätigkeitsfeld gewechselt hat. Zu ihrem kritisierten Werk möchte sie sich heute nicht mehr äußern. Auch das herausgebende Bundeszentrum für Ernährung lehnte eine Stellungnahme vor RTL-Kameras ab. Stattdessen verteidigte sie ihr Material schriftlich: „Die Broschüre soll Schwangere und ihre Partner niedrigschwellig ansprechen, um in dieser Phase die Motivation für das Stillen zu stärken und wichtige Fakten (…) vermitteln.“

RTL-Reporter Nico Nölken konfrontiert die Verantwortlichen mit den kritischen Aussagen in ihrer Broschüre.
RTL-Reporter Nico Nölken konfrontiert die Verantwortlichen mit den kritischen Aussagen in ihrer Broschüre.
RTL

Brisant: Die Broschüre wird schon seit 2012 verteilt, wurde seitdem nur im Corporate Design verändert. Probleme mit ihren plumpen Sprüchen sieht die Behörde nicht, im Gegenteil: „Zielsetzung war ein neues Format zu entwickeln, welches insbesondere Zielgruppen anspricht, die seltener stillen bzw. den Wunsch zu stillen nicht realisieren können. Hierbei handelt es sich um Zielgruppen, die von anderen Kommunikationsangeboten wenig profitieren bzw. nicht erreicht werden.“

Flyer
Stillen
privat

Weil die Stillentscheidung und der Stillerfolg der Frau oft an einer positiven Einstellung der Väter liege, habe man auf diesem Wege auch Männer über das Thema informieren wollen.

Bundesanstalt möchte Kritik berücksichtigen

Nadja G.s Partner fand sich in der primitiv anmutenden Rolle des Busen-, Auto- und Technik-Fans nicht wieder. Die Mutter lässt die Rechtfertigung des Bundesanstalt nicht gelten, hält den Sexismus weiterhin für offensichtlich.

Die Behörde betonte, die Anregungen der empörten User annehmen und den Flyer überarbeiten zu wollen. Nadja G. hofft nun, dass die aktuelle Version schnellstens aus deutschen Arztpraxen verschwindet.