Festnahme und Geständnis nach Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore in Italien

Gondel-Betreiber gesteht Manipulation der Notbremsen

Luigi N. (56) ist der Seilbahn-Chef, der für das Unglück verantwortlich sein soll.
Luigi N. (56) ist der Seilbahn-Chef, der für das Unglück verantwortlich sein soll.
© Privat

27. Mai 2021 - 9:13 Uhr

14 Tote nach Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore in Italien - 3 Festnahmen!

Drei Festnahmen nach dem tragischen Seilbahnunglück am Monte Mottarone mit 14 Toten! Laut italienischen Medien handelt es sich um den Chef sowie zwei Ingenieure der Betreiberfirma Ferrovie del Mottarone. Sie seien um kurz vor vier Uhr nachts festgenommen und nach Verbania in Untersuchungshaft gebracht worden. Gegen sie werde wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.

Gondel-Bestreiber gesteht: Notbremse wurde außer Betrieb gesetzt

Die Polizei hat am Mittwoch den Chef der Betreiberfirma sowie zwei weitere Angestellte festgenommen.
Die Polizei hat am Mittwoch den Chef der Betreiberfirma sowie zwei weitere Angestellte festgenommen.
© ROPI

Wie RTL-Korrespondent Udo Gümpel aus Italien berichtet, sind die drei Festgenommenen am Mittwoch dem Haftrichter vorgeführt worden. "Sie haben vor den Carabinieri zugegeben, dass die Notbremse außer Betrieb gesetzt worden war, weil es in den letzten Tagen immer wieder Probleme gegeben hat", sagt Gümpel. Seit dem 24. April sei die Gondel demnach ohne Notbremse gefahren.

Gegen die drei Personen werde jetzt wegen Totschlags ermittelt. Dabei soll es sich laut "La Stampa" um den Seilbahn-Chef Luigi N. (56) sowie den Direktor Gabriele T. (63) und den operativen Leiter des Dienstes, Enrico P. (51), handeln.

Nach italienischem Recht droht ihnen 14 Jahre Haft für Totschlag bei Verkehrsgefährdung.

Sicherheitsbremssystem der Gondel offenbar bewusst manipuliert

Ermittler hätten festgestellt, dass ein Sicherheitsbremssystem "manipuliert" worden sei, um Verspätungen des Seilbahnbetriebs zu vermeiden, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa die ermittelnde Staatsanwältin Olimpia Bossi. Die Staatsanwaltschaft hatte am Dienstag das Video einer Überwachungskamera beschlagnahmt, das den Unfall zeigt. Darauf ist zu sehen, wie kurz vor der Bergstation des Monte Mottarone das Zugseil reißt, die Kabine mit voller Geschwindigkeit talabwärts abstürzt und gegen einen Baum prallt. Eigentlich hätten die Bremsen am Hauptseil die Gondel stoppen müssen. Doch das ist nicht geschehen. Der Grund: Offenbar wurden sie von einer Metallgabel blockiert, die zuvor nach wiederholten Störungen angebracht worden war.

"Die Metallklammer, die von oben eingesetzt wird, um die Bremsbacken daran zu hindern auf das Tragseil zuzugreifen, wurde ganz bewusst eingesetzt und sie wurde auch bewusst dort belassen", berichtet RTL-Korrespondent Udo Gümpel. Betroffen sei demnach nur die eine Gondel gewesen.

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Offenbar hatte es in den vergangenen Monaten mehrere Fehlfunktionen gegeben. Eine Wartung habe das Problem nur teilweise lösen könnten, schreibt "La Stampa". Die Staatsanwältin geht demnach davon aus, dass die Verantwortlichen ein mögliches Unglück in Kauf genommen haben, um weiter Geld damit zu verdienen. "Die Betreiber wollten den Betrieb nicht wieder unterbrechen. Das Unglück war vermeidbar", berichtet Gümpel aus Italien.

Auch die Polizei teilte am Mittwochnachmittag mit, man wollte die Seilbahn in Betrieb halten, auch nachdem sich technische Probleme offenbarten. So sei die Notbremse gesperrt gewesen, damit weiter Menschen transportiert werden konnten. Dadurch sei es aber auch zu der "dramatischen Fügung"gekommen, dass die Notbremse nicht griff, als eines der Kabel riss.

Italien trauert um die Opfer des Seilbahn-Unglücks

HANDOUT - 23.05.2021, Italien, Stresa: Rettungskräfte arbeiten am Wrack einer abgestürzten Gondel, die in einem Waldstück liegt. Beim Absturz der Gondel einer Seilbahn am norditalienischen Lago Maggiore haben mindestens 14 Menschen ihr Leben verloren
14 Menschen starben beim Unglück in Norditalien.
© dpa, Uncredited, frd

Eine ganzes Land trauert auch am Mittwoch um die Opfer des Unglücks. Die Fahnen sind auf Halbmast, in mehreren Städten wurde eine Schweigeminute abgehalten. Papst Franziskus drückte am Dienstag den Opfern und ihren Familien seine Nähe und Anteilnahme aus, wie der Vatikan mitteilte. Die Organisatoren des Rennrad-Wettbewerbs Giro d'Italia änderten auf Bitten von Politikern eine für Freitag über den Monte Mottarone geplante Bergetappe aus Respekt vor den Opfern.

Särge der israelischen Opfer zum Flughafen gebracht

Angehörige trauern an den Särgen der israelischen Familie.
Angehörige trauern an den Särgen der israelischen Familie.
© dpa

Beim Unglück starben 13 Menschen - Italiener und eine israelische Familie - noch an der Unfallstelle. Zwei schwer verletzte Kinder wurden per Rettungshubschrauber in eine Klinik in Turin geflogen, wobei eines noch am Abend starb. Nur ein kleiner israelischer Junge, der bei dem Unglück seine Eltern, Urgroßeltern und seinen Bruder verlor, überlebte.

Die Särge der fünf israelischen Opfer wurden am Mittwoch zum Flughafen Mailand Malpensa gebracht. Von dort aus sollen sie nach Israel geflogen werden. (mor)