Hoffnungsschimmer nach Flut-Katastrophe in Schuld

Schaustellerfamilie findet Glücksbringer: "Das ist ein Zeichen, dass wir doch irgendwas aufgebaut kriegen"

12. August 2021 - 19:29 Uhr

Vier Wochen nach der Flutkatastrophe besuchen wir die Schausteller-Familie aus Schuld erneut

Wie geht es weiter in den vom Hochwasser zerstörten Orten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz? Am Beispiel der Familie Himmes wollen wir zeigen, welche Fortschritte die Aufräumarbeiten machen, welche Ängste und Nöte die Katastrophenopfer empfinden, wie sie zurückfinden in ein normales Leben. In Schuld an der Ahr wütete das Hochwasser besonders schlimm. RTL-Reporterin Romy Schiemann hatte kurz nach der Flut über die Schaustellerfamilie Himmes berichtet und jetzt rund vier Wochen später erneut besucht.

Töchter wollen Vater heimlich eine Freude machen

Nach der Flutkatastrophe in Schuld an der Ahr: Töchter versteigern Karussell-Flugzeuge um Vater eine Freude zu machen
Nach der Flutkatastrophe in Schuld an der Ahr: Töchter versteigern Karussell-Flugzeuge um Vater eine Freude zu machen
© RTL, Screenshot

"Wir haben keine Kräfte mehr. Wir funktionieren einfach nur noch", erzählt uns Rainer Himmes. Er hat inzwischen sein Haus ausgeräumt und den Hof wiederhergerichtet, aber der steht leer. Hier standen vor der Flut seine Existenzgrundlage, mehrere Schaustellerwagen, Kirmesbuden und Karussells. Seine Töchter wissen, dass es ihm nicht gut geht und wollen ihm eine Freude machen.

Von einem Karussell sind noch ein paar Flugzeuge übriggeblieben. Die wollen die Töchter heimlich bei Ebay versteigern und mit dem Erlös den Vater überraschen. "Wenn er sieht, dass wir aus den Flugzeugen noch was gemacht haben, wird er sich sicher sehr freuen", erzählt Tochter Angie. Sie hofft, dass die Auktion unter dem Namen "Lutz Flugzeuge" möglichst viel einbringt, damit sich Vater Himmes schon bald seinen großen Wunsch erfüllen kann – einen neuen Wohnwagen.

Vater filmt Schreckensmoment

Schuld an der Ahr nach der Flut: Schausteller-Familie Himmes kämpft sich zurück in die Normalität
Schuld an der Ahr: Schausteller-Familie Himmes filmt die Flutmassen vor ihrem Haus
© RTL, Screenshot

Gut vier Wochen ist es jetzt her als für Familie Himmes die Welt zusammenbrach. "Jetzt schwimmt das Auto auch weg, alles weg, jetzt sind wir bankrott, Schatz", ist im Hintergrund des Handyvideos zu hören, dass Rainer Himmes im Moment der Hochwasserwelle macht. Mit seiner Familie konnte er sich buchstäblich in letzter Sekunde in die zweite Etage seines Hauses retten. Die erschreckenden Bilder sind im Video oben zu sehen. Vor den Augen der Familie schwimmt ihre wirtschaftliche Existenz davon.

Das dramatische Ausmaß der Katastrophe ist erst zu sehen, als das Wasser wieder weg ist. Eine über acht Meter hohe Flutwelle hat den 700-Einwohner Ort Schuld an der Ahr fast völlig zerstört.

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Familie sucht nach Überresten ihrer Kirmesbuden

Schuld an der Ahr nach der Flut: Schausteller-Familie Himmes kämpft sich zurück in die Normalität
Schuld an der Ahr nach der Flut: Überreste der Schaustellerwagen von Familie Himmes werden geborgen.
© RTL, Screenshot

Seit etwa drei Wochen laufen nun die Aufräumarbeiten. Unsere Reporterin trifft Rainer Himmes und seine Tochter Angie wieder. Gemeinsam mit einigen freiwilligen Helfern durchsuchen die Beiden die umherliegenden Trümmer nach den Resten ihrer Schaustellerwagen, in der Hoffnung noch etwas zu retten. Tochter Angie ist erst das zweite Mal seit der Katastrophe vor Ort.

"Als ich das erste Mal hier runtergekommen bin und das Ganze gesehen habe, habe ich auch einen Nervenzusammenbruch bekommen. Ich habe mir gesagt, nein das stimmt alles nicht, das ist alles nicht war", fühlte sich die junge Frau wie in einem Alptraum.

Viele Geschädigte haben Ereignisse noch nicht verarbeitet

Schuld an der Ahr nach der Flut: Schausteller-Familie Himmes kämpft sich zurück in die Normalität
Luftbild: Zerstörter Ort Schuld an der Ahr nach der Flutwelle
© RTL, Screenshot

So, wie Angie Himmes geht es vielen Einwohnern von Schuld. Zu sehen war das nicht zuletzt beim Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor zwei Wochen, als der Bürgermeister von Schuld, Helmut Lussi nach Worten ringen musste. "Diese Flut wird für die Menschen in Schuld Narben hinterlassen. Narben die man nie vergisst, die nicht zu bewältigen sind, denn unser Leben hat sich von ein auf den anderen Tag verändert", sagte Lussi mit tränenerfüllter Stimme.

Wiedergefundener fünf Euro Schein als Signal der Hoffnung

Schuld an der Ahr nach der Flut: Schausteller-Familie Himmes kämpft sich zurück in die Normalität
Erinnerungsstück: Tochter findet im zerstörten Schaustellerwagen fünf Euro Schein.
© RTL, Screenshot

Die Narben von Familie Himmes kann man am Straßenrand liegen sehen. Es ist nahezu unvorstellbar, dass auch nur eine der zerstörten Schaustellerbuden wiederaufgebaut werden könnte. Doch als einer der Wagen geborgen wird, macht Tochter Angie eine überraschende Entdeckung. Sie läuft zu dem Schrotthaufen und zieht ein Stück Papier hervor.

"Papa, ich habe den fünf Euro Schein. Das ist der erste fünf Euro Schein, den wir damals eingenommen haben. Das bedeutet mir sehr viel. Das ist was Schönes jetzt. Ich glaube, das ist ein Zeichen, dass wir doch irgendwas aufgebaut kriegen. Dass wir doch irgendwas wieder hinkriegen und es doch für uns weitergeht irgendwie", keimt bei Angie plötzlich ein kleiner Hoffnungsschimmer auf.

Hoffnung und Wille geben den Einwohnern Kraft für Wiederaufbau

So, wie Angie Himmes geht es fast allen Betroffenen der Flutkatastrophe. Es ist genau diese Hoffnung, dieser enorme Wille, der die Schausteller-Familie und die Menschen in Schuld über alle Hindernisse hinweg trägt. RTL-Reporterin Romy Schiemann wird dranbleiben und regelmäßig über Familie Himmes berichten auf ihrem langen Weg zurück in die Normalität. (rra)