Dieses Interview macht stutzig

Ukrainische Bloggerin aus Mariupol plötzlich in russischem Video

Ihr Bild ging um die Welt: die hochschwangere Mariana Vishegirskaya nach einem Angriff auf das Krankenhaus in Mariupol.
Ihr Bild ging um die Welt: die hochschwangere Mariana Vishegirskaya nach einem Angriff auf das Krankenhaus in Mariupol.
© deutsche presse agentur

05. April 2022 - 9:47 Uhr

von Jonas Gerhards

Ihre Fotos gingen um die Welt: Hochschwanger floh die Ukrainerin Mariana im März aus den Trümmern eines Krankenhauses in Mariupol, nachdem dieses zum Ziel russischer Luftangriffe geworden war. In einem Interview, das im Netz kursiert, erklärt sie allerdings jetzt, dass es nie einen Luftangriff gegeben habe. Das Video sorgt für absolute Verwirrung. Die RTL-Verifizierung versucht nun, den Vorfall einzuordnen.

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Nachdem sie aus bombardierter Klinik in Mariupol floh: Mariana in russischem Video

Rückblick: Im März wurde Mariana nach einem verheerenden russischen Luftangriff auf ein Krankenhaus in Mariupol fotografiert. Daraufhin behauptete die russische Botschaft in London, Mariana "spiele" die Rolle eines Opfers.

Jetzt ist ein Interview mit ihr aufgetaucht, das stutzig macht. Darin spricht Mariana von dem Tag des Angriffs und den Bildern, die um die Welt gehen sollten. Jetzt erklärt sie, dass das Krankenhaus nicht von einem Luftangriff getroffen worden sei und dass sie den Journalisten damals gesagt habe, dass sie nicht gefilmt werden wolle. Doch laut "Rheinischer Post" stimmt Marianas Aussage nicht mit denen der AP-Journalisten überein.

RTL-Verifizierungsteam entdeckt Ungereimtheiten in russischem Video

09.03.2022, Ukraine, Mariupol: Mariana Vishegirskaya steht vor einem durch Beschuss beschädigten Entbindungskrankenhaus. Vishegirskaya überlebte den Beschuss und brachte später in einem anderen Krankenhaus in Mariupol ein Mädchen zur Welt. Belagerung
Ukraine-Konflikt - Mariupol
© dpa, Mstyslav Chernov, XBP lvb

Was steckt also hinter dem Interview, das ein mit der russischen Regierung verbundener Twitter-Account teilte und von einem russischen Blogger gefilmt wurde? Das RTL-Verifizierungsteam kann bestätigen, dass es sich laut Gesichtserkennung mit großer Wahrscheinlichkeit um dieselbe Frau handelt, die in und vor dem zerstörten Gebäude in Mariupol fotografiert wurde. Es ist also die ukrainische Bloggerin Mariana.

Aber es gibt ein paar Ungereimtheiten. Die Frau, die von russischer Seite in dem Interview als frisch gebackene Mutter präsentiert wird, wurde wenige Wochen vorher noch von eben der gleichen Seite als Krisenstatistin bezeichnet. Ebenfalls merkwürdig: Das Video enthält sehr viele seltsame Schnitte. Verdächtig ist zudem, dass nicht darauf eingegangen wird, wie Mariana an den Ort des Interviews gekommen ist. Auch ein zeitlicher Kontext fehlt.

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Russisches Video eine Propaganda-Aktion?

Daher lautet das Fazit des RTL-Verifizierungsteams: Die Bedingungen, unter denen das Interview entstanden ist, sind gänzlich unklar. Es ist durchaus möglich, dass es in Russland oder dem Donbass entstanden ist. Es gibt seit langem übereinstimmende Berichte darüber, dass Menschen (auch gegen ihren Willen oder für Geld) aus Mariupol nach Russland evakuiert wurden.

Mariana hat sich vielleicht auch durch ungeklärte Umstände von russischen Truppen evakuieren lassen, schließlich ist sie Mutter eines neugeborenen Babys. Doch die Authentizität und der Kontext des Interviews sind unklar. Aus diesen Gründen geht das RTL-Verifizierungsteam von einer Propaganda-Aktion aus.

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