Reisen zu Coronazeiten

Risikoreise jetzt normal?

14. April 2021 - 17:22 Uhr

Veranstalter verweigert kostenfreie Stornierungen trotz Reisewarnung mit neuer Argumentation

Bisher galt eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts als Grundlage für den Anspruch auf kostenfreie Stornierung. Unter Bezug auf da Coronavirus und den § 651 BGB - "unvermeidbare und außergewöhnliche Umstände" - war der Rücktritt vom Reisevertrag für den Verbraucher möglich. Könnte sich das nach einem Jahr Pandemie ändern und das Virus nicht mehr einen außergewöhnlichen Umstand darstellen? Das haben wir versucht zu klären und bei Veranstaltern und Reiserechtsexperten nachgefragt.

Corona als „allgemeines Lebensrisiko“?

Drei Frauen im Sommerurlaub
Die Schwestern Andrea, Petra und Bettina in einem früheren Ägyptenurlaub
© RTL

Dass sich an dieser Auffassung etwas ändern könnte, zeigt sich am Fall von Andrea Graser, Petra Kappeler und Bettina Buth aus Neunburg. Die drei Schwestern hatten im April 2020 eine Reise nach Ägypten mit LMX für April 2021 gebucht. Vom Reisebüro "hab ich die mündliche Zusage gekriegt, wenn´s immer noch Risikogebiet ist, können wir kostenlos stornieren", erklärt Andrea.

Obwohl Ägypten mittlerweile als Hochinzidenzgebiet eingestuft ist, lehnte LMX dies ab. In einem Schreiben an die Kundinnen erklärt der Veranstalter: "Beachten Sie bitte, dass die Corona Pandemie nun schon seit Januar 2020 die Welt beschäftigt und somit zum allgemeinen Lebensrisiko zu zählen ist. Steigende und sinkende Infektionszahlen können jederzeit und überall auftreten und sind somit kein außergewöhnliches Ereignis mehr."

Wie regeln das andere Reiseveranstalter?

LMX ist der erste Reiseveranstalter, der einen Vertragsrücktritt, trotz Reisewarnung, mit diesem Argument ablehnt. FTI handhabt die Auslegung eines außergewöhnlichen Umstands wegen Corona aber noch weniger streng: Selbst wenn das Reiseziel zum Buchungszeitpunkt Risikogebiet ist, kann der Kunde bei einer Reisewarnung noch am Tag des Reiseantritts kostenfrei stornieren. Anders ist dies aber bei kurzfristig gebuchten Reisen: "Bucht der Kunde ein Urlaubsziel mit Reisewarnung und liegt das Abreisedatum innerhalb der nächsten vier Wochen, so kann der Veranstalter berechtigt sein, Stornokosten zu fordern", erklärt der Veranstalter gegenüber RTL. Dann müsse der Kunde mit erheblichen Beeinträchtigungen rechnen. Eine kostenfreie Stornierung sei nur möglich, wenn sich die Lage im Reiseziel nochmal drastisch verschlechtern würde.

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Unterschied zwischen Neu- und Altbuchungen

Figurine of justice holding scales
Der entsprechende Paragraph könnte in Zukunft anders ausgelegt werden.
© Getty Images/iStockphoto, Tuned_In

Paul Degott, Anwalt für Reiserecht, unterscheidet in dieser Thematik Neu- von Altbuchungen: Für Leute, die vor Corona gebucht hätten, ergab sich mit Ausbruch der Corona-Pandemie "natürlich auch das Argument zu sagen: Das ist für mich jetzt ein Rücktrittsgrund, wie er im Gesetz für solche Fälle vorgesehen ist", erklärt Degott. "Aber bei Jetzt-Buchungen, in 2020 oder 2021, habe ich Corona im Reisegepäck drin. Das ist ein gewisses Risiko, auch ein Lebensrisiko, was ich mitnehmen muss."

Kostenlose Stornierung wegen Corona dennoch nicht ausgeschlossen

Sollte sich die Lage am Urlaubsziel nach Buchung hingegen dramatisch verschlechtern, sieht der Anwalt auch dann noch die Möglichkeit einer kostenfreien Stornierung. Dafür müsste der Kunde alle Gründe, die aus seiner Sicht gegen den Antritt der Reise sprechen, sammeln und dokumentieren, um sie im Anschluss einem Richter plausibel und sachlich darlegen zu können. Diese könnten stets eine Reisewarnung, die Verschärfung einer solchen, RKI-Zahlen, erhebliche Einschränkungen vor Ort wie Ausgangssperren oder Nachrichtenmeldungen sein. Mit der Begründung, Corona sei nun ein allgemeines Lebensrisiko, lässt sich daher nicht jede Anfrage auf kostenfreie Stornierung vom Veranstalter ablehnen.

Tipps von RTL-Reiseexperte Ralf Benkö

Ferienreporter Ralf Benkö hilft auf Sardinien.
RTL-Reiseexperte Ralf Benkö setzt sich für die Urlauberinnen ein und hat Tipps, wie sich ihre Situation vermeiden lässt

"Man muss sich als Urlauber drauf einstellen, dass Reiseveranstalter das ganze jetzt strenger auslegen werden", warnt Benkö. Eine Situation wie die von Andrea, Petra und Bettina – die möchte niemand. Welche Lösung gefunden werden konnte und ob die Schwestern noch kostenfrei stornieren durften, sehen Sie im Video.
Damit es dazu aber erst gar nicht kommt, hier ein paar Tipps von Ralf Benkö:

  • Vor der Buchung genau informieren: Was bietet der Reiseveranstalter an, welche Regeln gelten und kann ich das noch irgendwie absichern?
  • Bspw. durch Flex-Angebote – bei den meisten Veranstaltern bleibt dann der Urlaub bis 14 Tage vor Reiseantritt kostenfrei stornierbar – mit oder ohne Reisewarnung und unabhängig von der Begründung, Corona sei kein Stornogrund mehr
  • Vorsicht bei dynamischen Reisen: Flex-Tarife sind bei sogenannten X-Reisen oft nicht möglich dazu zu buchen. Außerdem kommt es bei der kostenlosen Stornierung solcher Reisen meist um Streit mit dem

Zukünftige Regelung wird sich noch entscheiden

§ 651 wird im zweiten Jahr der Corona-Pandemie nicht mehr so einfach auszulegen sein, wie im Vorjahr. Für den ersten Reiseveranstalter ist also Corona kein außergewöhnlicher Umstand mehr. "Nicht alle Veranstalter sehen das jetzt schon, aber da kommt was in Bewegung. Darauf sollten Urlauber sich jetzt einstellen", sagt Benkö. Damit steigt das Risiko für Urlauber schließlich eine Stornopauschale zahlen, oder eine Reise mit Risiko antreten zu müssen. Zu welcher Regelung sich diese Veränderung aber letztlich entwickeln wird, ist noch unklar.