Was Eltern jetzt tun können

Rebound-Effekt – warum jetzt viele Kinder erkältet sind

Husten und Schnupfen haben dieses Jahr verfrüht Einzug in deutsche Kinderzimmer gehalten.
Husten und Schnupfen haben dieses Jahr verfrüht Einzug in deutsche Kinderzimmer gehalten.
© iStockphoto, iStock, Andrey Sayfutdinov

31. Oktober 2021 - 14:20 Uhr

Achtung: RSV-Infektionen auf Vormarsch

Atemwegsinfekte durch andere als Sars-CoV-2-Viren sind infolge des Lockdowns im letzten Winter fast vollständig ausgeblieben. Dafür werden bei Kindern seit dem Sommer jahreszeitlich untypisch vermehrt RSV-Infektionen (RSV = Respiratorisches Syncytial-Virus) aber auch normale Erkältungen beobachtet. Auch Influenza-Erkrankungen waren bis in den Juli auf dem Vormarsch, sind aber zuletzt wieder abgeflaut. Aber jetzt ist Herbst und der Winter kommt noch - sowohl die RSV- als auch die Grippesaison und Erkältungssaison stehen noch bevor. Was können Eltern jetzt tun?

Ungewöhnlich hohe Zahl an Erkältungserkrankungen

Sie husten, haben Halsschmerzen und im schlimmsten Fall kann es zu Atemnot kommen: Derzeit erkranken ungewöhnlich viele Kinder am RS-Virus. Und das Respiratorische Syncytial-Virus (RSV) kann zu schweren und bedrohlichen Atemwegserkrankungen führen - für Kinder gefährlicher als Sars-CoV-2. Aber auch andere Erkältungskrankheiten und sogar verfrühte sommerliche Grippe-Wellen werden beobachtet.

LESE-TIPP: Droht eine Infektionswelle durch das RS-Virus?

"Die niedergelassenen Kinderärzte beobachten in ihren Praxen eine für die Jahreszeit ungewöhnlich hohe Zahl an Erkältungserkrankungen", bestätigt Kinderarzt Dr. Stefan dem Ärzteblatt. Der Grund: Durch den Lockdown, Kontaktbeschränkungen und strenge Hygiene ist das Immunsystem aus dem Training gekommen. Mediziner sprechen hier von einem sogenannten Rebound-Effekt - zu vergleichen etwa mit einem Boomerang, der irgendwann mit gleicher Geschwindigkeit wieder auf einen zurast.

IM VIDEO: Dr. Specht erklärt - das hilft bei Erkältung wirklich

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Rebound-Effekt wurde zuerst in Israel festgestellt

Eines der ersten Signale für diese Pandemiemaßnahmen-Effekte in Sachen Atemwegsinfekte gab es aus Finnland, berichtet das Ärzteblatt. Bereits im Frühjahr 2020 führten die zu einem abrupten Ende der Influenzasaison und schon damals gab es weniger respiratorische Infekte bei Kindern. Erste Reboundeffekte vermeldeten dann Kinderärzte aus Israel. Das Land begann sehr früh mit der Impfkampagne, bereits im Dezember 2020. Im Februar 2021 wurden die Schulen wieder geöffnet. In der Universitätsklinik in Ashdod, einem Krankenhaus mit Kinderintensivbetten, ließ sich prompt im Mai und Juni 2021 ein Anstieg der bedrohlichen RSV-Fälle nachweisen, wie Wissenschaftler im Juli berichteten.

Das Immunsystem der Kinder holt jetzt Infekte nach - und das ist gut so

Corona ist auf dem Rückzug - doch andere für Kinder potenziell gefährlichere Viren auf dem Vormarsch. Was können Eltern von Kita- und Schulkindern in dieser Situation tun? "Kinder holen die verpassten Infekte jetzt nach", sagt Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht. "Und dagegen kann man auch nichts tun - es sei denn, sie weiterhin voneinander fernzuhalten wie im Lockdown, und das will keiner."

LESE-TIPP: Erkältung und Grippe treffen uns nach Corona härter

Für viele Eltern sei es vielleicht eine komische Zeit jetzt, gerade wenn es sich um das erste Kind handele: "Plötzlich stellen sie fest, dass Kinder mehrmals im Jahr eine Rotznase haben." Der Arzt betont: "Wir müssen einfach verstehen, das betrifft auch Corona, dass Viren zu uns Säugetieren einfach dazu gehören - unser Genom besteht zu einem großen Teil Virusgenom. Viren gab es vor uns und Viren wird es wahrscheinlich auch nach uns noch geben."

Gewappnet sein - wegen der chronisch schlechten Versorgungssituation

Trotzdem, so Dr. Martina Lenzen-Schulte im Ärzteblatt, gilt es "gewappnet zu sein, falls deutlich mehr Kinder als bisher erkranken – und diese dann schwerer". Denn die Lungenentzündungen, die sich aufgrund einer SARS-CoV-2-Infektion bei Kindern entwickelten, verliefen erkennbar milder als jene, die aufgrund vieler anderer respiratorischer Viren entstehen. Wissenschaftler prognostizieren: Länder, in denen ein ganzes Jahr die herkömmlichen Infekte durch Viren wie RSV und Influenzaviren ausgeblieben sind, erwartet ein "harter Rebound". Das sei nicht zuletzt aufgrund der chronisch schlechten Versorgungssituation in deutschen Kinderkliniken zu bedenken. (ija)

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