"Für kleine Kinder gefährlicher als Covid-19"

Droht eine Infektionswelle durch das RS-Virus?

Reizhusten beim Baby: Ein hyperreagibles Bronchialsystem tritt häufig nach einer Erkältung oder Atemwegsinfektion auf.
Reizhusten beim Baby: Ein hyperreagibles Bronchialsystem tritt häufig nach einer Erkältung oder Atemwegsinfektion auf.
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01. August 2021 - 13:33 Uhr

Was steckt hinter der ungewöhnlichen Häufung?

Sie husten, haben Halsschmerzen und im schlimmsten Fall kann es zu Atemnot kommen: Derzeit erkranken ungewöhnlich viele Kinder durch das RS-Virus. Das Respiratorischen Syncytial-Virus kann zu schweren Atemwegserkrankungen führen. Was das Coronavirus damit zu tun hat, und wie Eltern ihre Kinder schützen können, erklärt Mediziner Dr. Christoph Specht.

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Kinderärzte verzeichnen auffallend viele RSV-Infektionen

Die Corona-Lockerungen lassen uns aufatmen, führen jedoch auch zu vermehrten Infektionen. So kennt vermutlich jeder jemanden, der gerade erkältet ist. Nach Ansicht von Dr. Christoph Specht ist die derzeitige Welle anderer respiratorischer Erkrankungen wie auch der Grippe angesichts der Lockerungen nicht verwunderlich. Der Mediziner erklärt die derzeitige Infektionswelle folgendermaßen: "Menschen erkranken stärker an normalen Erkältungserkrankungen, weil ihr Immunsystem nicht trainiert ist." Da nun an vielen Orten auf das Tragen eines Mund-Nasenschutzes verzichtet werden dürfe, werde unser Immunsystem aber gleichzeitig wieder verstärkt mit Viren konfrontiert.

Auch Kinderärzte und Krankenhäuser wie das Olgahospital des Klinikums Stuttgarts, Deutschlands größte Kinderklinik, verzeichnen in diesen Wochen auffällig viele Fälle von Infektionserkrankungen. Zuletzt seien es etwa 130 Kinder am Tag gewesen. Darunter auch Kinder, die unter schweren Verläufen des Respiratorischen Synzytial-Virus leiden. Normalerweise würden um diese Jahreszeit nicht mehr als 70 Kinder pro Tag in der Notaufnahme vorgestellt.

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Immunsystem wurde im Lockdown nicht trainiert

Infolge des monatelangen Lockdowns im Herbst und Winter sei die normale Auseinandersetzung des kindlichen Immunsystems mit den typischen Erkältungsviren ausgeblieben. "Das RS-Virus hat eine Saisonalität und tritt – wie das Norovirus zum Beispiel auch – vorrangig im Winter und Frühjahr auf. Jetzt sieht man einen ungewöhnlich starken Anstieg im Sommer", so Specht.

Auch in anderen Ländern lässt sich dieser Effekt beobachten. Vor allem in der Schweiz, in Israel und in den USA wird vor einer erhöhten "intersaisonale Aktivität der RS-Viren" gewarnt. Auch dort steigt die Zahl der Babys und Kleinkinder, die sich mit dem RS-Virus angesteckt haben. Grundsätzlich gebe es aber nicht mehr schwere Verläufe als in normalen Jahren, sondern diese seien nur zeitlich verschoben und würden nun im Sommer statt im Winter oder Frühjahr stattfinden.

"Es ist durchaus denkbar, dass es im Winter noch mehr wird", schätzt Specht. Das liege daran, dass die Kinder nun das erste Mal mit den Erregern konfrontiert würden und im Winter keine Immunisierung durch Erkältungsviren hätten durchmachen können. Daher sei das RS-Virus derzeit für Kinder auch gefährlicher als das Coronavirus.

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RS-Virus für Säuglinge und Frühgeborene besonders gefährlich

Bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum Alter von drei Jahren ist das Respiratorische Syncytial-Virus (RS-Virus) weltweit der häufigste Auslöser von akuten Atemwegsinfektionen. "Bei dem RS-Virus handelt es sich um ein ubiquitäres Virus, das heißt, es ist immer da. Das führt dazu, dass sich unweigerlich fast alle Kinder in den ersten vier Lebensjahren damit infizieren", erklärt Specht.

In den ersten drei Lebensmonaten können diese Infektionen besonders schwer verlaufen. Grund dafür ist, dass das Immunsystem der Säuglinge noch nicht voll ausgereift ist. Folglich können RSV-Infektionen in den ersten Lebensmonaten leicht von den oberen auf die unteren Atemwege übergreifen und zu einer Bronchitis oder Lungenentzündung führen. Besonders gefährdet sind Frühgeborene, weil ihre Lunge und auch ihr Immunsystem noch nicht vollständig ausgebildet ist.

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Keine lebenslange Immunität nach RSV-Infektion

Typische Symptome des RS-Virus sind Husten, Schnupfen und Halsschmerzen. "Bei Kindern mit Vorerkrankungen kann das RS-Virus aber auch zu Atemaussetzern und Atemnot führen", warnt der Mediziner. "Etwa 15 Prozent der Erkrankungen müssen im Krankenhaus behandelt werden", so Specht weiter. Für gesunde Erwachsene hingegen sei das Virus harmlos.

Nachgewiesen werden könne das Virus durch die Anamnese und einen PCR-Test. Nach einer überstandenen Infektion hätten Kinder zwar keine lebenslange Immunität, erneute Infektionen würden in der Regel aber milder ausfallen.

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Bislang gibt es keinen Impfstoff gegen das RS-Virus. Für besonders gefährdete Babys wie Frühgeborene oder Babys mit angeborenem Herzfehler gibt es die Möglichkeit einer RSV-Prophylaxe, die kurzfristig Schutz bietet. Mit Hilfe monoklonaler Antikörper kann passiv immunisiert werden. Dabei handelt es sich um spezialisierte und zielgerichtete Antikörper, die synthetisch hergestellt werden. (nri)

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