Angeklagte Pflegerin spricht beim Prozessauftakt in Potsdam

Ines R. versucht zu erklären, warum sie vier wehrlose Menschen umgebracht hat

26. Oktober 2021 - 16:36 Uhr

Pflegerin klagt ebenfalls - wegen Rausschmiss

Ines R. zog mit einem Messer von Zimmer zu Zimmer und tötete in der Behinderteneinrichtung vier Patienten. Ein weiteres Opfer überlebte schwer verletzt. Am Landgericht Potsdam startete nun der Mordprozess gegen die 52-Jährige. Dabei sieht auch die Staatsanwaltschaft mildernde Umstände.

Ines R.: "Ich war schon immer anders"

Mit einer schwarzen Kapuzenjacke und medizinischer Maske betritt Ines R. den Gerichtssaal im Potsdamer Landgericht. Die 52-Jährige verdeckt mit einer Mappe zusätzlich ihr Gesicht. Doch eine neugierige Drehung in Richtung Kameras lässt einen Blick in ihre Augen zu. Sie wirken müde, aber durchaus sympathisch. Kaum vorstellbar, dass dies der Blick einer vierfachen Mörderin ist. Zu den Opfern soll sie eine liebevolle Beziehung gehabt haben. Wie ist ihre grausame Tat dann zu erklären? War es Überforderung durch Stress und Arbeitsbelastung? Der Verteidiger, Henry Timm, gibt es der Leitung der Behinderteneinrichtung im "Oberlinhaus" eine Mitschuld. Auch darum geht es in diesem Prozess.

Denn an den Taten gibt es keinen Zweifel. Erst versuchte Ines R. zwei Patienten zu erwürgen, anschließend zog sie ein mitgebrachtes Messer und schnitt ihren Opfern die Kehle durch. Die Staatsanwaltschaft wird ihr zum Prozessauftakt Heimtücke vor. Doch hätte sie zu dem Zeitpunkt überhaupt als Pflegerin arbeiten dürfen?

Pflegerin spricht über ihre Kindheit

Nach der Verlesung der Anklage erhält Ines R. das Wort. Und sie spricht. Gibt tiefe Einblicke in ihre Kindheit und ihre psychische Verfassung. RTL-Reporterin Franca Pörsch ist im Gerichtssaal und sagt: "Ines R. macht einen sehr zierlichen und unsicheren Eindruck, als sie heute ihre Aussage macht." Die 52-Jährige wirkt unterkühlt. Ihr Anwalt erklärt das mit den starken Medikmenten, die sie nehmen muss.

Was die Angeklagte sagt, klingt tragisch. Wenn alles wahr ist, dann hat sie ernstzunehmende psychologische Störungen. Schon als Kind habe sie das Gefühl gehabt, nicht normal zu sein, habe keine Freunde gehabt, sei ständig krank gewesen. "Ich konnte das Rauschen der Bäume nicht ertragen", sagt sie dem Richter.

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Ines R. wurde in Kinderpsychiatrie eingewiesen

Mit 14 schneidet sie sich die Pulsadern auf. Ines R. bekommt Kur-Aufenthalte verschrieben, wird in die Kinderpsychiatrie der Charité eingewiesen. Laut eigener Aussage erhält sie dort Spritzen gegen ihren Willen und bekommt später in einem Prozess eine Opfer-Entschädigung ausgezahlt. Immer wieder gibt es Selbstmordversuche. Später bekommt sie zwei Söhne, einer ist autistisch und kommt ins Heim, der zweite erkrankt an einem Gehirntumor. Die 52-Jährige ist höchst depressiv, erhält neun Jahre lang eine tiefenpsychologische Therapie und nimmt starke Medikamente.

Das Einzige, was ihr Halt gibt, ist die Arbeit als Pflegerin: "Mein Job ist meine Berufung", sagt sie. Über 30 Jahre lang arbeitet sie in der Behinderteneinrichtung. Doch sie ist überfordert. Sie weint nach der Arbeit, mit 42 erleidet sie ein Burnout. Ihr Anwalt, Henry Timm, beschreibt die Arbeitsbelastung im Interview: "Das waren 20 schwerst Pflegebedürftige. Pflegegrad 5+ hat man eigentlich zu diesen gesagt." Menschen, die teilweise nur durch Handbewegungen oder Augenkontakt kommunizieren und intensive Betreuung brauchen. "Dort musste man über einen längeren Zeitraum nur zu zweit eine Spätschicht fahren", erklärt Henry Timm.

Ines R. erbricht sich zwischen der Betreuung der Patienten

Nur zwei Wochen vor der Tat erbricht sie sich zwischen der Betreuung der Patienten. Offenbar macht ihr das Oberlinhaus das Angebot, die Abteilung zu wechseln. Allerdings würde sie dann statt 2.000 Euro nur noch 1.400 Euro verdienen. Ines R. lehnt hab. Trotzdem ist für ihren Verteidiger klar: "Wenn der Arbeitgeber seinen ihm zustehenden Sorgfaltspflichten nachgekommen wäre, dann hätte dies vermutlich vermieden werden können", sagt Henry Timm.

Auch einige Angehörige der Opfer verfolgten den ersten Prozesstag. RTL-Reporterin Franca Pörsch konnte mit ihnen sprechen: "Sie sind immer noch geschockt von der Tat, sehr emotional ergriffen und wollen einfach nur verstehen, wie es soweit kommen konnte." Denn trotz aller Umstände: Wie Ines R. vier wehrlose Menschen töten konnte bleibt allen unbegreiflich.

Der Prozess wird am 2. November fortgesetzt. Insgesamt sollen 41 Zeugen angehört werden, zehn Verhandlungstage sind angesetzt.

Pflegerin fordert Schadenersatz für Kündigung

Es wird nicht der einzige Prozess bleiben. Denn auch Ines R. hat Klage eingereicht und zwar gegen ihre Kündigung. Ihr Anwalt fordert rund 82.000 Euro Schadenersatz für die fristlose Kündigung seiner Mandantin. Auch hier argumentiert Verteidiger Henry Timm mit Pflichtverletzungen der Klinik-Leitung. Der Anwalt des Oberlinhauses hält das unzumutbar für die Opfer der Tat. Der Verhandlungen vor dem Potsdamer Arbeitsgericht sind aber zunächst ausgesetzt, bis der Strafprozess abgeschlossen ist. (mch)

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