So schützen Sie sich vor der Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus

Popsänger Toni Kraus: Gesichtslähmung durch reaktivierte Windpocken-Erkrankung

29. Juli 2020 - 14:46 Uhr

Jahre später können Windpockenviren noch ausbrechen

Wie so viele Kinder hatte auch Popsänger Toni Kraus in jungen Jahren Windpocken. Damals war er recht schnell wieder fit. Nun, mit 23, sind die ruhenden Viren plötzlich wieder ausgebrochen. Aktuell kann er weder seinen rechten Mundwinkel noch seine rechte Augenbraue wirklich bewegen. Optimistisch bleibt er trotzdem.

„Konnte meine rechte Gesichtshälfte nicht mehr bewegen“

Der 23-Jährige Popsänger Toni Kraus kam Anfang Juli aus dem Urlaub wieder, als er eines Morgens mit starken Ohrenschmerzen aufwachte. Anfangs vermutete er eine Mittelohrentzündung, weshalb er sich Ohrentropfen besorgte. Ein paar Stunden später merkte Toni plötzlich, dass er seine rechte Gesichtshälfte nicht mehr spürte und auch nicht mehr bewegen konnte. Da kam Panik in ihm auf. "Im ersten Moment vermutet man einen Schlaganfall", sagt uns Toni im Interview. Sofort rief er seine Hausärztin an, die ihn direkt zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt schickte. Dort ist die Diagnose schnell klar: Eine sogenannte Fazialisparese, umgangssprachlich halbseitige Gesichtslähmung, ausgelöst durch das Varizella-Zoster-Virus, das Windpocken-Virus.

"Theoretisch ist es so, dass der Virus inaktiviert im Körper bleibt - er kann auch bei jedem reaktiviert werden", sagt Dr. Torsten Kraya, Chefarzt der Neurologie am Klinikum St. Georg in Leipzig. Die Chancen auf eine vollständige Heilung hängen von der Schwere der Lähmung ab. Besonders alarmierend ist es, wenn die Virusinfektion sich bis ins Gehirn ausbreitet und dort zum Beispiel eine Hirnhautentzündung auslöst. Laut Kraya ist das nicht untypisch. Die Windpockenviren ruhen im Körper und sind quasi im Winterschlaf, können aber durch ein geschwächtes Immunsystem jederzeit wieder ausbrechen. Das kommt zwar häufiger bei älteren Patienten und häufiger in Form der Gürtelrose vor - doch auch Fälle wie der von Toni Kraus sind ihm nicht unbekannt.

Tüfteln am Album statt Musikvideodreh

Für Toni Kraus ist es vor allem schwierig, aktuell nicht mehr singen zu können. Gemeinsam mit seiner Band stand gerade der Musikvideodreh zu seiner neuen Single "Was wäre wenn" auf dem Plan. Der wurde jetzt erstmal auf Eis gelegt. Dennoch versuchen Toni und seine Bandkollegen die Situation positiv zu sehen und die Zeit dennoch zu nutzen, beispielsweise mit dem Tüfteln am neuen Album.

Als wir Toni und seinen Bassisten Sascha ins Tonstudio begleiten, merken auch wir sofort – hier ist er in seinem Element. "Die Musik ist für mich wie meine große Liebe, die mich nun auch schon seit 20 Jahren begleitet. Da aktuell nicht komplett zu funktionieren ist schwierig", erzählt uns Toni. Doch auch der Gedanke, niemals geheilt zu werden, macht ihm zu schaffen. Auch Kraya kann keine Entwarnung geben. Je nach Betroffenheit steigen oder sinken die Heilungschancen. In jedem Fall ist es aber wichtig, schnell zum Arzt zu gehen und die Behandlung zu beginnen.

Kraus riskiert die Elektrotherapie

Laut Kraya gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Einerseits gibt es Medikamente, die die Betroffenen einnehmen können, andererseits gibt es eine Therapie mithilfe von Elektroden, die der Physiotherapeut am Patienten durchführt. Von letzterer rät Dr. Kraya ab, da es zu einer Veränderung der Gesichtsmuskulatur kommen kann. Dennoch ist es genau die Behandlung, der Toni sich aktuell unterzieht.

Zwei bis dreimal die Woche werden ihm Elektroden an die betroffene Gesichtshälfte gelegt, die die mimische Muskulatur stimulieren sollen. Besonders wichtig ist es aber in jedem Fall, zu Hause immer wieder Übungen vor dem Spiegel zu machen, um die Muskeln zu reaktivieren. Die macht auch Toni Kraus täglich. Eine sichere Prognose kann ihm noch keiner geben. Wann und ob ihm das Lachen und das Singen wieder so leicht fällt wie früher, ist noch völlig unklar.

Toni Kraus Behandlung der Gesichtslähmung
Für Toni sind die Therapien aktuell die einzige Möglichkeit, um hoffentlich bald wieder unbeschwert lachen und singen zu können. Neurologe Dr. Torsten Kraya sagt: "Durch Impfen kann man sich schützen!"
© RTL, infoNetwork

Der einzige sichere Schutz ist die Windpockenimpfung

Ob dieses Krankheitsbild verhindert werden kann? "Ja!", sagt Kraya, "es gibt eine Impfung gegen die Zoster-Viren". Die kann vor der Gesichtslähmung, aber auch vor der möglichen Folge Hirnhautentzündung schützen. Babys können ab dem 11. Monat geimpft werden. Auch bei jeder anderen Altersgruppe wird die Impfung empfohlen, wenn sie nicht schon durchgeführt wurde. Nur wer schon mal Windpocken hatte, muss sich nicht impfen. Sich nochmal anzustecken geht nämlich nicht. In diesem Fall ist es wichtig, auf ein starkes Immunsystem zu achten, um der Reaktivierung der Viren im Körper entgegen zu wirken.

Kleine Fortschritte machen Toni Mut

Für Toni sind die Therapien aktuell die einzige Möglichkeit, um hoffentlich bald wieder unbeschwert lachen und singen zu können. Doch es gibt noch etwas, was ihn gerade aufbaut: Sein eigener Optimismus. "Auch wenn ich abends im Bett liege und mir Gedanken mache – wenn ich am nächsten Morgen aufwache und die nächsten kleinen Fortschritte sehe, ist alles wieder gut. Außerdem muss man für sich selbst registrieren, dass es noch viel schlimmere Sachen gibt", erzählt Toni uns.

Um anderen Betroffenen genauso viel Mut zu machen, entschloss sich Toni mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Seitdem kriegt er von Freunden, Bekannten und von seinen Fans viel Zuspruch. "Ich höre von allen Seiten, dass ich mir meine Zeit lassen soll, um dann mit geballter Power wiederzukommen", berichtet Toni. Doch vor allem ist er überrascht davon, wie viele Leute in seinem Umfeld vom gleichen Krankheitsbild betroffen waren. 30 bis 40 Nachrichten hat er von Zuschauern bekommen, die ebenfalls diese Gesichtslähmung erlitten haben.

MEHR INFOS: Alles, was Sie zum Thema Windpocken wissen müssen!

Windpocken (Varizellen) betreffen insbesondere Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter. Sie sind so ansteckend, dass sie bei etwa 90 Prozent aller Menschen bereits vor dem zehnten Lebensjahr auftreten. Die Krankheit verläuft meist harmlos. Für Neugeborene in den ersten fünf bis sieben Lebenstagen und für Personen mit geschwächtem Abwehrsystem stellen Windpocken allerdings ein ernst zu nehmendes Risiko dar. Einmal überstanden, hinterlässt die Erkrankung eine lebenslange Immunität. Der Varizella-Zoster-Virus verbleibt jedoch auch nach Abklingen der Infektion im Körper und kann noch nach vielen Jahren aktiv werden und eine Gürtelrose (Herpes zoster) auslösen.