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Polizistenmord von Kusel: Kollege erzählt im Prozess „Von ihrem Gesicht war nichts mehr zu erkennen“

Beweisaufnahme gestartet

Polizistenmord von Kusel - Kollege im Prozess: „Von ihrem Gesicht war nichts mehr zu erkennen“

ARCHIV - 04.02.2022, Rheinland-Pfalz, Ulmet: Blumen und Kerzen stehen an dem Tatort, an dem Ende Januar 2022 bei Kusel zwei Polizeibeamte bei einer Verkehrskontrolle erschossen wurden. (zu dpa «Die Stille nach dem Hilferuf - Erste Zeugen in Poliziste
Der Tatort des Doppelmordes an zwei Polizisten
scg cul sab alf, dpa, Sebastian Gollnow

von Kathrin König

Im Prozess um zwei mutmaßlich ermordete Polizeibeamte in Kusel haben am Montag als erstes vier Polizeibeamte als Zeugen ausgesagt, die ihre Kollegen (24 und 29 Jahre alt) erschossen bei Kusel gefunden haben. Der Polizeibeamte, der in der Nacht zuerst zum Tatort ankam, sagte vor dem Landgericht Kaiserlautern: „Ich habe am Boden ein Rinnsal von Blut gesehen, eine zehn bis 15 Meter lange Spur.“ Ein Blick auf die Kollegin Yasmin, die neben dem Zivilstreifenwagen am Boden lag, habe gereicht, um zu sehen, „dass ihr nicht mehr zu helfen war“, sagte der 24 Jahre alte Polizist.

Opfer mit Schusswunden in Kopf und Rumpf

Schon zuvor hatten seine Polizeikollegen dem Vorsitzenden Richter Raphael Mall berichtet, dass „von ihrem Gesicht nichts mehr zu erkennen war“. Der Beamte Alexander K. wurde zehn bis 15 Meter entfernt auf einem Feldstück liegend gefunden. „Was er eben noch geschafft hatte, zu laufen“, sagte ein Beamtenkollege leise. Auch dieses zweite Opfer mit Schusswunden in Kopf und Rumpf.

Stille im Saal: Bei letzten Worten des Polizisten über Funk

Allen vier Polizisten werden im Landgericht Kaiserslautern die letzten Funksprüche vorgespielt, die Polizist Alexander K. in der Tatnacht abgesetzt hatte. „Die schießen, die schießen. Kommt schnell!“, ist der 29-Jährige in Todesangst zu hören, bevor ein Schuss ertönt.

Jedes Mal bleibt es auch in den Besucherreihen im Sitzungssaal 1 komplett still, wenn die Funksprüche abgespielt werden. Die letzten Worte ihres Kollegen und Freundes lassen die Polizeibeamten beim Anhören teilweise erbleichen, nachdem sie zuvor so sehr um Fassung bemüht waren, die belastenden Erlebnisse zu schildern.

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Hauptbeschuldigter Andreas S. (39) spricht von Notwehr

Ganz anders der Hauptbeschuldigte Andreas S. (39) auf der Anklagebank. Ihn beschuldigt die Staatsanwaltschaft, den Polizeikommissar und die Polizeianwärterin bei einer Fahrzeugkontrolle mit der Schrotflinte erschossen zu haben, um Jagdwilderei zu vertuschen. Im Funkspruch auf Band ist auch zu hören, dass Polizist Alexander K. sagte, das Duo im Auto habe den Kofferraum voller Wild.

Am ersten Prozesstag vorige Woche hatte Andreas S. die Anschuldigungen von sich gewiesen und mitteilen lassen, dass sein mutmaßlicher Komplize, Florian V., auf die beiden Polizisten geschossen habe, er habe nur aus Notwehr gehandel . Die Verteidigung des zweiten Angeklagten wies diese Darstellung zurück. Am zweiten Prozesstag sitzt Andreas S., in unförmigem grauen Hemd und weinroter Hose zwischen seinen Verteidigern, spricht immer wieder mit ihnen, fixiert die Polizeibeamten im Zeugenstand von der Seite und macht sich Notizen.

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Verwandte schauen Beschuldigte nicht an

Der zweite Beschuldigte Florian V. (33) sitzt vier Plätze weiter rechts vom Hauptbeschuldigten. Die Anklage wirft dem Komplizen versuchte Strafvereitelung vor. Er soll beim Spurenverwischen geholfen haben. Der Mordvorwurf gegen ihn war im Laufe der Ermittlungen fallengelassen worden . Der Mann ist auch nicht in Untersuchungshaft. Regungslos verfolgt V. die Zeugenaussagen, blickt aus dem Fenster oder hört mit geschlossenen Augen zu.

Beide Angeklagten würdigen sich keines Blickes. Das trifft auch auf die Verwandten der Angeklagten zu. Sowohl Andreas S. Ehefrau, als auch seine Schwiegermutter schauen nicht zum mutmaßlichen Schützen auf der Anklagebank. Auch die Verlobte des zweiten Angeklagten wendet ihren Blick ab von der Anklagebank. Alle drei Frauen berufen sich als Verwandte auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht und sagen gar nichts aus.

Das Tatfahrzeug am Tag danach?

dpatopbilder - 21.06.2022, Rheinland-Pfalz, Kaiserslautern: Der Hauptangeklagte (r) sitzt neben seinem Anwalt Leonhard Kaiser im Verhandlungssaal des Landgerichts Kaiserslautern. Dort beginnt am 21.06.2022 der Prozess wegen der Polizistenmorde im Jan
Polizistenmorde in der Pfalz: Der Hauptangeklagte sitzt - hier beim Prozessauftakt - neben seinem Verteidiger
ua nic, dpa, Uwe Anspach

Als Zeuge spricht noch ein 63 Jahre alter Autohausbesitzer, der Andreas S. seit 17 Jahren vom Angelverein kennt und dessen Autos regelmäßig reparierte. Am Morgen nach den tödlichen Schüssen hatte er mehrere Anrufe auf dem Handy vom Beschuldigten S.. „Ich sollte für sein Fahrzeug Reifen besorgen und eine Scheibe wäre kaputt“. Dabei sei das Auto des Beschuldigten erst zehn Tage zuvor zur Durchsicht in seiner Werkstatt gewesen. Während eines kurzen Telefonats habe er nichts Auffälliges bemerkt. „Als in den Medien bekannt wurde, was los war, ratterte es dann bei mir“, sagte der Mann.

Was genau in der Tatnacht Ende Januar 2022 bei der Fahrzeugkontrolle passiert ist , wird das Landgericht Kaiserslautern bis zum Herbst versuchen herauszufinden. Am Montag ging Richter Mall davon aus, dass es über den 9. September hinaus weitere Prozesstermine bis in den Oktober geben könnte.