"Sie standen um ein Uhr in Unterwäsche vor der Tür"

Nach der Flutkatastrophe: Frau aus Ahrweiler nimmt betroffene Familen bei sich auf

22. Juli 2021 - 8:09 Uhr

Frau aus Ahrweiler nimmt vier Familen bei sich auf

Mitten in der Nacht klingelte es bei Marion Eisenhart in Ahrweiler. "Die Freunde standen um ein Uhr in Unterwäsche vor der Tür mit den Kindern und dem Hund" erzählt sie. Weiter unten im Ort hat das Hochwasser schwere Schäden angerichtet. Marion Eisenharts Freunde konnten sich noch gerade vor den Fluten retten, aber ihr Haus ist unbewohnbar. So geht es vielen im Ort, darum wohnen bei der 50-jährigen Ahrweilerin weiter oben am Berg jetzt vier Familien unter einem Dach.

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Für Marion Eisenhart war es selbstverständlich, zu helfen

"Wir haben es hier oben kaum mitbekommen. Wir waren natürlich ein bisschen erschrocken, dass es unten so furchtbar ist", erklärt Marion Eisenhart. Für die 50-jährige war es selbstverständlich den Freunden zu helfen. Nach und nach kamen weitere gestrandete Flutopfer hinzu.

"Wir haben im Moment dreizehn Personen, die schlafen alle unter einem Dach. Fünfzehn essen hier und abends kommen noch ca. acht Personen zum Duschen. Bei so vielen Menschen ist ein bisschen Struktur nötig, sonst funktioniert es nicht", erklärt die 50-Jährige. Jeder Quadratmeter wird genutzt. Im Schlafzimmer des Sohnes sind zwei Personen untergebracht, im Gästezimmer sind es drei und im Fitnessraum nochmal drei Menschen.

Marion Eisenhart hat die Flutwelle selbst auch getroffen. Die Dachdeckerfirma ihres Mannes wurde durch die Flut komplett zerstört. Doch das hielt sie nicht ab, den Menschen zu helfen. Wie das Zusammenleben funktioniert, zeigt sie im Video.

Marion Eisenhart aus Ahrweiler
Marion Eisenhart hat viele Flutopfer in Ahrweiler erst mal bei sich und ihrer Familie aufgenommen.
© RTL

Kochen, putzen, waschen für die Flutopfer

Unter den Menschen, die bei Marion Eisenhart untergekommen sind, ist auch Familie F. aus dem Ort. Sie sind einfach nur froh, erst mal ein Dach über dem Kopf zu haben. Jeden Morgen fahren sie zu ihrem völlig verwüsteten Haus und versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Kochen, putzen, waschen – daran ist gar nicht zu denken.

Mutter Iris F. ist einfach nur glücklich, dass Marion Eisenhart im Moment die Organisation der alltäglichen Dinge übernimmt. "Die Freundin, die kocht wirklich jeden Tag für uns alle. Jetzt eben habe ich mit ihr telefoniert und dann sagt sie: 'Ach, ich bin schon am Kochen für gleich'", erzählt die Mutter. Marion Eisenhart saugt, putzt und macht die Wäsche. "Und die sagen immer wieder: Bleibt solange ihr wollt", erzählt Iris F.

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Das Haus von Familie F. wurde bei dem Hochwasser unbewohnbar

So schön die Unterkunft im Moment auch sein mag. Das eigene Zuhause kann Marion Eisenhart den Flutopfern natürlich nicht ersetzen. Beim Aufräumen im eigenen, zerstörten Heim wird Familie F. jeden Tag aufs Neue daran erinnert, dass sie ihr ganzes Hab und Gut verloren hat.

"Dass das Zuhause weg ist, ist das schlimmste", erzählt Tochter Jasmina. "So was, wie unsere Kinderalben, die sind jetzt weg mit allen Fotos. Das sind einfach Erinnerungen, die kriegt man nicht wieder. Und dieses Gefühl von Zuhause, so banale Dinge, die man vermisst. So was wie ein Sofa, was hier stand und wo Mama und Papa abends saßen mit dem Hund. Das ist auch egal, wie man sich das aufbaut, das hat man jetzt nicht wieder", berichtet Jasmina unter Tränen.

Hochwasser-Katastrophe in Ahrweiler
Das Hochwasser hat im Landkreis Ahrweiler schwere Schäden angerichtet.
© imago images/Reichwein, Christoph Reichwein (crei) via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Flutopfer finden bei Marion Eisenhart ein kleines Stück Geborgenheit

Aber zumindest finden die Flutopfer bei ihrer hilfsbereiten Freundin etwas, das ihnen hilft, nicht zu verzweifeln und die Aufräumarbeiten Zuhause voranzutreiben: Unterstützung und Ablenkung. Wenn sie abends in ihre provisorische Notunterkunft zurückkehren, sind sie nicht allein. Da können sie mit Menschen reden, die das gleiche Schicksal teilen. Und sie haben eine Gastgeberin, die sich um alles kümmert. "Wohlfühlen, Geborgenheit. Das tut wirklich gut, Das ist es worauf man sich abends freut", spricht Harald F. aus, was alle hier denken. (rra)

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