Verwahrlostes Kind aus Eberswalde

Mädchen (5) jahrelang eingesperrt: Hat das Jugendamt versagt?

17. Januar 2020 - 5:29 Uhr

Fünfjähriges Kind sah ewig lang kein Tageslicht

Beinahe ihr halbes Leben lang soll eine Fünfjährige in Eberswalde eingesperrt gewesen sein - zwei Jahre lang soll sie kein Tageslicht gesehen, keine Liebe erfahren haben. Erst am 20. Dezember kam das Kind ins Krankenhaus, obwohl die Familie dem Jugendamt schon seit zwei Jahren bekannt gewesen war. Das wirft Fragen auf. Warum wurde nicht früher gehandelt oder die Polizei eingeschaltet?

Fachanwalt nimmt Jugendamt-Mitarbeiter in Schutz

Das Jugendamt des zuständigen Landkreises Barnim verteidigte bei einer Pressekonferenz sein Vorgehen in dem Fall. Die Familie sei der Behörde im Jahr 2017 erstmals aufgefallen, habe jedoch alle Hilfsangebote abgelehnt. Was konkret unternommen wurde, zeigt unser Video. Erst im November 2019 wurde per Gerichtsbeschluss eine Familienhelferin eingesetzt. Daraufhin gab der Kinderschutz eine Gefahrenmeldung ab und das Mädchen kam ins Krankenhaus.

Hat das Jugendamt versagt? Die Behörde räumte ein, zu nachsichtig mit den Eltern gewesen zu sein. Mittlerweile ermittelt das Jugendministerium in Brandenburg ein Verfahren gegen das zuständige Jugendamt des Landkreises Barnim eingeleitet. Der Fachanwalt für Familienrecht, Andreas Vitti, nimmt die Mitarbeiter in Schutz: "Das Jugendamt unterliegt dem Sozialgeheimnis. Daten können grundsätzlich erst weitergegeben werden, wenn die Zustimmung der Eltern oder des Betroffenen vorliegt." Eine skurrile Situation - wenn Eltern ihr Kind misshandeln, dürften sie kaum die Erlaubnis erteilen, Daten weiterzugeben. "Wenn Missstände bekannt werden, ist die Polizei zu involvieren, um sie zu beseitigen", erklärt Vitti. Das habe aber keinen Strafantragscharakter, denn dieser Aspekt sei Sache von Polizei und Staatsanwaltschaft.

Sozialarbeiter in der Zwickmühle

Andreas Vitti ist Anwalt für Familienrecht.
Andreas Vitti ist Anwalt für Familienrecht.

"Das Jugendamt ist nicht dafür zuständig, Straftaten zu verfolgen oder ein verlängerter Arm von Staatsanwaltschaft oder Polizei zu sein. Es dient ausschließlich dem Wohle unserer Kinder", stellt der Fachanwalt klar. Das Jugendamt sei in einem Fall wie Eberswalde dafür zuständig, das Kind aus der Situation rauszunehmen und kindeswohlgerecht zu versorgen. Das Jugendamt stelle dafür einen Antrag beim Familiengericht, das den Eltern das Sorgerecht entziehen könne. "Wenn für die Wahrung des Kindeswohls die Polizei nötig ist, um das Kind herauszuholen, hat das Jugendamt sie einzuschalten - jedoch nicht, um eine Strafverfolgung der Eltern zu organisieren", erklärt Vitti.

Zuständig für die Beurteilung sei der Sozialarbeiter vor Ort. "Wo Menschen arbeiten, werden natürlich auch Fehler gemacht", sagt Vitti. Doch hier müsse relativiert werden. "Im Nachhinein erscheinen Einschätzungen, die man vor Ort treffen muss, möglicherweise als falsch und zu spät. Das Jugendamt sieht sich aber mehreren Diskussionen ausgesetzt. Wenn ein krasser Fall auftaucht, heißt es, es handele zu spät. Auf der anderen Seite sind da Eltern, die sagen, ihnen sei das Kind sofort genommen worden, ohne einen erkennbaren Anlass. Dazwischen muss ein Sozialarbeiter die richtige Mischung finden und abwägen", so der Fachanwalt. Eine Inobhutnahme sei der "Dampfhammer", die allerletzte Instanz. "Das ist auch für Kinder nicht immer angenehm. Rund die Hälfte der Inobhutnahmen endet mit der Rückführung der Kinder zu ihren Eltern." Bei 60.000 Inobhutnahmen pro Jahr in Deutschland seien ein paar Einzelfälle bedauerlich und an jedem einzelnen müsse gearbeitet werden. Zu vermeiden seien sie aber nicht.

Wir alle sind in der Pflicht, hinzuschauen

Der Schutz von Kindern und Jugendlichen sei jedoch auch eine Gemeinschaftsaufgabe: "Es trifft nicht nur die Mitarbeiter am Jugendamt. Wir müssen auch hinschauen", sagt Vitti und richtet einen wichtigen Appell an uns alle: "Das Jugendamt kann nicht überall sein. Wenn Kinder blaue Flecken haben und verwahrlost sind, dürfen wir uns nicht scheuen, eine Mitteilung an das Jugendamt, die Schule oder den Kindergarten zu machen, um dem Kind zu helfen. Es geht nicht darum, die Eltern an den Pranger zu stellen. Möglicherweise sind sie überfordert oder in einer psychischen Ausnahmesituation. Da sind wir im Rahmen der Zivilcourage gefordert." Auch im Fall von Eberswalde seien Nachbarn, Verwandte oder Bekannte im Rahmen der Moral anzeigepflichtig.

Das Brandenburger Jugendministerium prüft jetzt, ob das Amt rechtmäßig gehandelt hat. Man wolle unter anderem auch den Bericht der Klinik vom Dezember einsehen, um Informationen über den Gesundheitszustand des Kindes zu erhalten. Was jetzt passieren muss, damit sich die Fünfjährige von dem Martyrium erholen kann, lesen Sie hier.