Verwahrlostes Kind aus Eberswalde

Mädchen (5) jahrelang eingesperrt und auf sich gestellt - was macht das mit der Kinderseele?

15. Januar 2020 - 9:19 Uhr

Fünfjähriges Kind sah ewig lang kein Tageslicht

Zwei Jahre ohne Tageslicht, ohne menschliche Zuwendung, ohne Liebe. Ein halbes Leben eingesperrt. Was ein verwahrlost vorgefundenes fünfjähriges Mädchen in Eberswalde offenbar durchlitten hat, ist kaum zu ermessen. Psychologin Miriam Hoff erklärt, was das mit einer zarten Kinderseele macht - und was jetzt passieren muss, damit sich das Kind von dem Martyrium erholen kann.

Immanuel-Klinikum Bernau: Mädchen aus Eberswalde wurde offenbar zwei Jahre gefangen gehalten

Am 20. Dezember kam das fünfjährige Kind aus Eberswalde in das Immanuel-Klinikum in Bernau. Sie war unterernährt, zeigte Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten. Nun kommt ans Licht, was der Kleinen offenbar widerfahren ist. Die Details sind erschütternd, die Folgen weitreichend. Das Mädchen soll von seinen Eltern über zwei Jahre ohne Tageslicht eingesperrt worden sein. Angeblich war es in dieser Zeit komplett auf sich allein gestellt. Zuerst hatte die "Märkische Oderzeitung" über den Fall berichtet.

Isolation und Einsamkeit über Jahre, die Erfahrung, nicht gesehen, nicht gehört zu werden, der Grausamkeit der eigenen Eltern hilflos ausgeliefert zu sein. Kaum auszudenken, was das für ein Kind bedeutet. "Im Alter von fünf Jahren so lange alleine zu sein, wird eine schwere Traumatisierung zur Folge haben", sagt Psychologin Miriam Hoff. Gerade die ersten drei bis fünf Lebensjahre seien enorm wichtig für eine gesunde Entwicklung der Psyche. Eine fragile Zeit, die das Mädchen in Gefangenschaft verbracht hat. "Es ist zu erwarten, dass das Kind massive Ängste hat, dass es stressintolerant ist, höchstwahrscheinlich stark fremdeln will, weil es keine Bindungserfahrung machen konnte."

Psychologin: Ängste, Panikzustände und Amnesien bei verwahrlostem Mädchen denkbar

Der liebevolle Kontakt zu zuverlässigen Bindungspersonen ist für die Entwicklung eines Menschen essentiell. Soziale Kompetenzen, Urvertrauen, all das konnte das kleine Mädchen aus Eberswalde nicht erlernen. Im Gegenteil. Sein Vertrauen in andere Menschen wurde durch die Verwahrlosung nachhaltig erschüttert. Wahrscheinlich wird es "nicht in der Lage sein, Bindungen einzugehen, es wird höchstwahrscheinlich Kontaktschwierigkeiten haben, eventuell regressive Phänomene wie Einnässen, Einkoten und Schlafstörungen zeigen", so Hoff. Auch eine posttraumatische Belastungsstörung, Ängste, Panikzustände bis hin zu posttraumatischen Persönlichkeitsveränderungen wie Amnesien oder eine generelle Kontaktunfähigkeit seien denkbar.

Verwahrloste Fünfjährige aus Eberswalde braucht jetzt ein stabiles Umfeld

Was die Fünfjährige jetzt vor allem brauche, seien regelmäßige Zuwendung und ein stabiles Umfeld, einen festen Betreuer, der immer ansprechbar ist. "Damit das Kind die Erfahrung macht: Meine Bedürfnisse werden gesehen, meine Bedürfnisse werden gespiegelt, es wird auf mich eingegangen." Es gehe darum, "das Urvertrauen, diese Grundsicherheit, die es nicht erleben durfte in den ersten Lebensjahren" aufzubauen.

Was in den Köpfen der Eltern, die ihr eigenes Kind wegsperrten, vorgegangen sein muss, ob nach einem solchen Trauma jemals wieder ein Kontakt zu Mutter und Vater möglich ist und wie hoch die Chance ist, dass das kleine Mädchen irgendwann ein normales Leben führen kann, beantwortet Psychologin Hoff im Video.

Jugendamt Eberswalde behindert offenbar Ermittlungen in dem Fall

Das kleine Mädchen hat das Krankenhaus inzwischen verlassen, auch seine beiden älteren Geschwister wurden in Obhut genommen. Ihre Geschichte ist auch deshalb so erschütternd, weil das Jugendamt offenbar jahrelang nicht eingriff. Bereits seit 2017 waren die Eltern dort gemeldet, doch die Familie lehnte alle Hilfsangebote ab. Erst im November 2019 wurde per Gerichtsbeschluss eine Familienhelferin eingesetzt. Daraufhin gab der Kinderschutz eine Gefahrenmeldung ab. Das Jugendamt des zuständigen Landkreises Barnim verteidigte bei einer Pressekonferenz sein Vorgehen in dem Fall, räumte aber ein, zu nachsichtig mit den Eltern gewesen zu sein.

Tatsächlich gibt es zahlreiche Ungereimtheiten. Etwa die Tatsache, dass das Jugendamt bis heute keine Strafanzeige gegen die Eltern gestellt hat. Man dürfe keine Akten an die Staatsanwaltschaft herausgeben, dafür brauche man das Einverständnis der Eltern, so die Begründung. Doch dass die Horror-Eltern, die ihr Kind so grausam misshandelten, dem zustimmen, und so die Ermittlungen gegen sich selbst befeuern - unwahrscheinlich.

Fragwürdig auch, weshalb das Jugendamt weder Polizei noch Staatsanwaltschaft informierte, nachdem das Kind ins Krankenhaus gekommen war. Die Staatsanwaltschaft erfuhr erst knapp zwei Monate später, am 11.01.20 aus der Zeitung von dem Fall, leitete daraufhin sofort ein Ermittlungsverfahren wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen und schwerer Körperverletzung ein. "Wir sind in Kontakt mit dem Jugendamt und dem Krankenhaus, in dem das Kind war, können Näheres dazu aber im Moment nicht sagen. Wir haben zur Zeit noch keine Akten des Jugendamtes", sagte ein Sprecher und erklärte: "Aufgrund des Sozialdatengeheimnisses sind Jugendämter grundsätzlich nicht verpflichtet, Strafanzeige zu erstatten. Es handelt sich vielmehr um eine Ermessensentscheidung der Ämter."

Das Brandenburger Jugendministerium prüft, ob das Amt rechtmäßig gehandelt hat. Man wolle unter anderem auch den Bericht der Klinik vom Dezember einsehen, um Informationen über den Gesundheitszustand des Kindes zu erhalten.