RTL News>News>

Kriegspropaganda: Wie Russland Gerüchte über Kinderleichen und Völkermord in der Ukraine verbreitet

Die russische Propaganda läuft auf Hochtouren

Folter, Kinderleichen und Völkermord - wie Russland Gerüchte über die Ukraine verbreitet

07.02.2022, Russland, Moskau: Wladimir Putin, Präsident von Russland spricht bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Macron, dem Präsidenten von Frankreich. Der russische Präsident Putin hat beim Treffen mit seinem französischen Kollegen Macron die
Wladimir Putin - Seine Propaganda verdreht den Russen den Kopf.
BC pat sei, dpa, Thibault Camus

von Kathrin Hetzel

Im russischen Staatsfernsehen läuft sie rauf und runter: „Die Wahrheit“ über die Ukraine. Im Donbass, einer Region im Osten der Ukraine, sollen sich echte Gräueltaten abspielen. Und zwar ausgehend von den Ukrainern. Opfer soll der russisch-sprachige Teil der Bevölkerung sein. Das „beweisen“ Aufnahmen von Leichen und misshandelten Russen. Doch diese und andere ähnliche Berichte über die Auseinandersetzung mit der Ukraine haben so gut wie nichts mit der Realität zu tun. Eine ausgeklügelte Strategie, die in Russland in der Bevölkerung den Eindruck erwecken soll: Ein Angriff auf die Ukraine ist nicht nur erlaubt, sondern bitter nötig.

Lese-Tipp: Alle Entwicklungen im Ukraine-Konflikt lesen Sie auch in unserem Live-Ticker.

Russischer Medienbericht: Ukrainer hängen Kinder auf und foltern mit Gasbrennern

Der Chef der russischen staatlichen Nachrichtenagentur Dimitri Kiseljow moderiert die Nachrichten an. Zur besten Sendezeit sehen die russischen Zuschauer eine Reportage über die Lage im Donbass, wo pro-russische Separatisten immer wieder auf die ukrainischen Armee treffen. Der pro-russische Soldat „Iwan“ mit Helm und Gewehr in der Hand erklärt, er sei bereit hier zu sterben. Seit acht Jahren sei er an der Grenze, kämpfe gegen die übermächtige ukrainische Armee, um sein Zuhause zu verteidigen, aber „wir geben nicht auf“. Auf der anderen Seite stehen die Ukrainer unterstützt von den Amerikanern: man sieht Bilder von amerikanischen Waffenlieferungen per Flugzeug.

Es werden Aufnahmen der angeblichen Gräueltaten der Ukrainer gezeigt, verfremdete Leichen auf dem Boden, ein Mann zeigt seine Verletzungen, die ihm mit einem Gasbrenner zugefügt wurden. Auch die Grabstätte von über 50 Kindern wird gezeigt. Eine russische Frau erklärt, dass die Ukrainer keinen Unterschied machen, auf wen sie da schießen: auf Schulen, Krankenhäuser, Kinder oder Frauen.

Iwan erklärt zum Ende des TV-Beitrags, dass die Ukrainer angekündigt hätten „alle zu töten“ und ihre „Kinder aufzuhängen“.

Lese-Tipp: Truppenabzug: Kann man Putins Versprechen trauen?

So funktioniert die russische Propaganda

All das gehört zur russischen Propaganda-Maschinerie. Russland-Experte Gustav Gressel erklärt im RTL-Interview wie genau die funktioniert: „„Indem man sozusagen der Ukraine vorwirft, sie bereite ethnische Säuberungen an den Russen vor.“ Doch in Wahrheit „totaler Blödsinn“, so Gressel. Denn fast 80 Prozent der ukrainischen Bevölkerung spricht russisch, selbst der ukrainische Präsident Selensky spricht in erster Linie russisch. „Also die Säubern sich ja nicht selber!“

Trotzdem - die Gehirnwäsche der russischen Bevölkerung wirkt: „Weil es über die russischen Staatsmedien schon seit längerem verbreitet wird und natürlich von einem gewichtigen Teil der russischen Bevölkerung geglaubt“ wird.

Viele hätten einfach keine andere Wahl. Besonders Ältere und die weniger „reisemobile Bevölkerung“ haben nur das eine Bild von der Welt, „was über die Mattscheibe läuft,“ erklärt der Experte.

Lese-Tipp: Was bedeutet ein Ukraine-Krieg für Deutschland?

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Im Video: Ricarda Lang: "Risiko einer Eskalation in der Ukraine nach wie vor groß"

Beim Ukraine-Konflikt auf alles vorbereitet sein! Ricarda Lang im RTL/ntv-Frühstart
09:40 min
Ricarda Lang im RTL/ntv-Frühstart
Beim Ukraine-Konflikt auf alles vorbereitet sein!

30 weitere Videos

Das halten die Russen von den staatlichen Medienberichten

RTL-Reporter Rainer Munz hat in Russland nachgefragt, was die Russen über die Ukraine und die Berichte des Staatsfernsehens erzählt denken. Die Meinungen sind gespalten:

„Putin persönlich glaube ich. Wir wollen niemanden überfallen. Es ist einfach Propaganda seitens der USA. Die sind überall, wo es etwas zu klauen gibt (Öl- und Gasvorräte) aber wir hören nur das, was uns gezeigt wird,“ erklärt eine Frau.

Aber es geht auch andersherum. Ein junger Mann erzählt: „Wir wollen kein Fernsehen mehr schauen. Da ist ja nur Propaganda. Gestern habe ich das russische Fernsehen eingeschaltet und da ist nur Ukraine, Ukraine, Putin und wieder mal Putin. Ich habe direkt ausgeschaltet. Wir haben so viele Probleme in unserem Land, aber diese werden nicht diskutiert im Fernsehen.“

Eine junge Frau ist ähnlicher Meinung: „Wir werden schon informiert, aber ich denke, nicht objektiv. Ich kann es nicht erklären, aber ich habe es im Gefühl. Wenn die da anfangen über die Ukraine zu berichten, schalte ich einfach aus.“

An anderer Stelle scheint die russische Propaganda hingegen gewirkt zu haben: „Ich denke es wird uns im Fernsehen die Wahrheit über die Ukraine erzählt. Russland ist kein Aggressor. [...] Russland betreibt eine richtige Politik und entsprechend wird darüber berichtet.“

Lese-Tipp: Putins 100.000 Euro-Tisch

Kein unabhängiger Journalismus in Russland

Unabhängigen Journalismus und Medienfreiheit – so wie in Deutschland – gibt es nicht in Russland. Wer eine andere Meinung hat als der Staat, dem drohen Konsequenzen: „Auf den Universitäten wurde schon Druck ausgeübt gegen Professoren und Rektoren, die sich gegen das offizielle Narrativ stemmen,“ erklärt Russland-Experte Gustav Gresse. Es gebe zwar investigativen Journalismus, der um die Aufklärung der russischen „Mythen“ bemüht sei, aber: „Das Problem ist, deren Leserschaft ist überwiegend im Westen und in Europa zu finden und leider viel zu wenig in Russland selbst.“

Trotzdem gibt es sie: Diverse Belege, die die russischen Berichte über einen „Völkermord“ der Ukrainer mittlerweile enttarnt haben. Die Reporterin Julia Davis wies auf ihrem Twitter-Account darauf hin, dass Russland ähnliche Verbrechen der Ukraine auch schon 2014 behauptet hatte – als Rechtfertigung für ein Eindringen in die Ukraine.

Auch die US-Botschaft in Kiew warnte bereits im Dezember letzten Jahres vor Falschmeldungen über die Ukraine seitens Russland.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen relevanten Inhalt der externen Plattformtwitter, der den Artikel ergänzt. Sie können sich den Inhalt einfach mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder ausblenden. Weitere Einstellungenkönnen Sie imPrivacy Centervornehmen.

Politik & Wirtschaftsnews, Service und Interviews finden Sie hier in der Videoplaylist

Playlist: 30 Videos

Spannende Dokus und mehr

Sie lieben spannende Dokumentationen und Hintergrund-Reportagen? Dann sind Sie bei RTL+ genau richtig: Ob zu Angela Merkel , zu Corona oder zu den Hintergründen zum Anschlag vom Breitscheidplatz – bei RTL+ finden Sie die richtige Reportage für Sie