Öffentlichkeit beim Prozess gegen mutmaßlichen Kinderfänger von Halle ausgeschlossen

Entführte er ein Mädchen aus dem Bett, missbrauchte es und warf es in die Saale?

01. Juni 2021 - 14:31 Uhr

Sechsjährige trieb hilflos in der eiskalten Saale

Es ist wohl der Alptraum aller liebenden Eltern: Beim morgendlichen Blick in das Kinderzimmer ist die kleine Tochter nicht mehr auffindbar. Stattdessen ist das Fenster im eisigen Dezember sperrangelweit geöffnet. So erging es Ende vergangenen Jahres den Eltern eines sechsjährigen Mädchens in Halle. Ihr Kind soll von einem jungen Mann entführt, sexuell missbraucht und anschließend in die eiskalte Saale geworfen worden sein. Zwei Jogger entdeckten das Mädchen durch Zufall und retteten so sein Leben. Am Dienstag startet nun der Prozess gegen den 25-jährigen Sebastian L. Die Öffentlichkeit wurde kurz nach Verhandlungsbeginn ausgeschlossen.

Angeklagter Sebastian L. vor dem Landgericht Halle
Der Angeklagte Sebastian L. soll ein sechs Jahre altes Mädchen aus seinem Bett entführt und missbraucht haben.
© RTL

Angeklagter wirkt im Gerichtssaal verschüchtert

Herein trat in Hand- und Fußfesseln ein kleiner, verschüchtert wirkender junger Mann. Von außen betrachtet deutet nichts an dem 25-Jährigen auf die Brutalität und Kälte hin, mit der er gegen ein sechsjähriges Mädchen vorgegangen sein soll. Mit zittriger Stimme macht er Angaben zu seiner Person – demnach ist er ledig und selbst Vater eines Kindes. Sein verschreckter Blick wandert immer wieder durch den vollbesetzten Prozesssaal. Die Hände und Füße winden sich permanent.

Ist Sebastian L. überhaupt schuldfähig?

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten Menschenraub, Entziehung Minderjähriger, sexuellen Missbrauch von Kindern sowie versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung vor. Im Falle einer Verurteilung droht dem Mann eine lebenslange Freiheitsstrafe. Sein Verteidiger will aber offenbar erreichen, dass Sebastian L. in einer Psychiatrie untergebracht wird. Gutachter hätten bei ihm eine mindere Intelligenz und eine schwere seelische Abartigkeit festgestellt, berichtet RTL-Reporterin Josephine Kahnt, die beim Prozess am Landgericht Halle dabei ist.

Das Gericht schloss kurz nach dem Verlesen der Anklageschrift die Öffentlichkeit aus. Der Verteidiger hatte einen entsprechenden Antrag zum Schutz der Prozessbeteiligten eingereicht. Außerdem "geht es um die Unterbringung des Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus", so die Verteidigung. Es gebe ein schriftliches psychiatrisches Gutachten, dass vorläufig feststelle, dass sein Mandant zur Tatzeit vermindert schuldfähig gewesen sei.

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Prozessauftakt am Landgericht Halle Saale gegen Sebastian L. (25)
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Erst Urteilsverkündung in Halle soll wieder öffentlich stattfinden

Die Staatsanwaltschaft und die Vertretung der Nebenklage stimmten dem Antrag zum Ausschluss der Öffentlichkeit zu. Die gesamte Familie sei schwer traumatisiert, sagte die Anwältin. Es müsse daher nicht jede Einzelheit in die Öffentlichkeit getragen werden. Priorität habe der Schutz des Kindes und der Familie, bekräftigte der Staatsanwalt. "Insofern halte ich den Antrag für begründet." Erst bei der Verkündung des Urteils soll laut Vorsitzendem Richter die Öffentlichkeit wieder im Gerichtssaal zugelassen sein.

Was eine ehemalige Freundin über den tatverdächtigen Sebastian L. sagt, sehen Sie im Video.

Täter holte Sechsjährige im Schlafanzug aus ihrem Bett

Laut Mitteilung des Landgerichtes soll sich die Tat in etwa so zugetragen haben: Der Angeklagte soll im Dezember 2020 über ein angekipptes Fenster in die Wohnung eingedrungen sein. Dort soll er laut Anklageschrift im Kinderzimmer die Sechsjährige aus dem Bett gehoben und gesagt haben, dass er ihr Stiefbruder sei und nun mit ihr an der Saale Entennester beobachten wolle. Anschließend habe der Angeklagte mit dem Mädchen die Wohnung verlassen.

In einer Seitenstraße soll der Angeklagte das Kind missbraucht haben. Anschließend sei er mit dem Mädchen auf dem Arm durch die Innenstadt von Halle bis zur Saale gelaufen. Dort soll er mit einem Schal versucht haben, das Kind zu erdrosseln. Anschließend soll er das Kind in die Saale geworfen haben, um es zu töten und so seine Straftaten zu verdecken.

Die Polizei konnte den Verdächtigen wenige Tage später an seinem Arbeitsplatz festnehmen. Hinweise nach einem Phantombild hatten die Ermittler auf den 25-Jährigen gebracht. Arbeitskollegen hatten Sebastian L. damals erkannt. Zudem gab es Aufzeichnungen von Überwachungskameras. Der Mann sitzt seit dem 12. Dezember in Untersuchungshaft. Für den Prozess sind zunächst acht Termine anberaumt. Am ersten Prozesstag waren weder das Opfer noch dessen Familie anwesend. (dpa/jgr)