Kollegen erkannten 24-Jährigen

"Kinderfänger" von Halle gefasst: Experte erklärt wie Phantombilder Ermittlern zum Erfolg verhelfen

14. Dezember 2020 - 19:57 Uhr

Markante Details helfen, Personen wiederzuerkennen

Abrasierte Haare an den Seiten und eine rot gefärbte Haarinsel auf dem Kopf: Dank dieser markanten Beschreibung und den Phantomzeichnungen der Polizei, konnte in Halle ein Tatverdächtiger 24-Jähriger gefasst werden. Er soll ein sechs Jahre altes Mädchen entführt, missbraucht und in die eiskalte Saale geworfen haben. Es waren wohl seine Kollegen, die den Mann erkannten und bei der Polizei meldeten. Wir haben mit einem Kriminalpsychologen gesprochen, wie Phantombilder den Ermittlern bei der Arbeit helfen.

Phantombilder werden mit spezieller Software erstellt

Wenn die Polizei eine Person suche, brauche sie immer bestimmte Anhaltspunkte, erklärt Prof. Dr. Rudolf Egg im RTL-Interview. "Wenn man kein Foto hat und nichts, dann muss man aus den Beschreibungen der Menschen, die diese Person gesehen haben, eine Zeichnung erstellen", erklärt er. Früher seien solche Zeichnungen von Polizeizeichnern erstellt worden, heute gäbe es spezielle Software dafür.

Wenn jemand den Gesuchten gut gesehen hätte und danach auch noch gut beschreiben könne, könne das der Polizei wichtige Hinweise liefern. Besonders, wenn die Zeugen sich an markante Merkmale erinnern könnten, sei ein Phantombild vielversprechend. Umgekehrt: Wenn jemand ein sogenanntes "Allerweltsgesicht" habe, sei es viel schwieriger diese Person aufgrund einer Phantomzeichnung wiederzuerkennen. Natürlich könne jemand auch sein Äußeres ändern, wenn er nicht gefunden werden wolle.

Kriminalpsychologe Prof. Dr. Rudolf Egg
Kriminalpsychologe Prof. Dr. Rudolf Egg erklärt, wie die Polizei mit Phantombildern arbeitet.
© RTL

Je weniger Spuren, desto wichtiger das Phantombild

Je mehr Spuren die Polizei hat, desto weniger stark müssen sich die Beamten auf eine Zeichnung verlassen. Gerade aber, wenn die Polizei sonst nicht viele Hinweise habe, seinen Phantomzeichnungen ein wichtiger Ermittlungsansatz. Dunkelheit, Schock oder wenn alles ganz schnell ging – all das sind Umstände, die eine Zeugenbeschreibung ungenau machen. "Je neutraler und ruhiger und sachlicher jemand das beschreiben kann, desto besser", erklärt Egg.

"Leider sind Beschreibungen von anderen Personen nicht immer sehr präzise", gibt der Experte zu bedenken. Die wenigsten Menschen seien darauf trainiert, andere Personen so zu beschreiben, dass sich jemand anderes auch etwas darunter vorstellen könne. Zum Glück könne die Polizei da aber inzwischen auf die Unterstützung der Technik setzen. Die Programme, mit denen moderne Phantombilder erstellt werden, würden Zeugen helfen und Auswahlmöglichkeiten geben, um so besser sagen zu können, zum Beispiel welche Gesichtsform jemand hatte oder wie weit die Augen auseinander stehen.

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Tatverdächtiger wird dank Phantombild erkannt und festgenommen

Dass auch in so einem Fall ein subjektives Bild entsteht, zeigt der Fall in Halle. Die Polizei veröffentlichte gleich zwei unterschiedliche Phantombilder eines Mannes, den Zeugen gesehen hatten, wie er ein kleines Mädchen im Schlafanzug durch die Stadt trug. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen Menschenraubes, Kindesentziehen, sexuellen Missbrauchs, gefährlicher Körperverletzung und versuchen Mordes. Jogger hatten das Kind schreien hören und es aus der Saale gefischt, kurz nachdem es von seinen Eltern als vermisst worden war.

Die Ermittler hätten den 24-Jährigen, der eine Behindertenschule besucht hat, nach Hinweisen aus der Bevölkerung festgenommen, erklärte Staatsanwalt Klaus Wiechmann im RTL-Interview. Inzwischen hätten die Ermittler auch weitere Spuren ausgewertet, die zu dem 24-Jährigen führten. Die Polizei habe den Mann an seiner Arbeitsstelle in einem Bäckereibetrieb festgenommen. Im Verhör und auch vor dem Haftrichter schweigt der Angeklagte bisher zu den Vorwürfen.