Strikter Lockdown soll Urlaubssaison in der Türkei retten

Müll als letzte Hoffnung: Darum kämpft Baydar (21) um das letzte bisschen Abfall auf den Straßen Istanbuls

14. Mai 2021 - 10:40 Uhr

Von Kavita Sharma

Die Müllsammler von Istanbul gehören zum Stadtbild der Millionenmetropole, meistens Männer, die mit ihrem großen Handkarren durch die oft steilen und holprigen Straßen ziehen. Mustafa Baydar ist einer von ihnen. Er ist 21 Jahre alt. Seine Familie kommt aus der Stadt Niğde in Zentralanatolien.

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Strengster Lockdown seit Beginn der Corona-Krise in Istanbul

Als wir ihn morgens treffen, sieht Baydar noch etwas müde aus. Trotzdem durchwühlt er energisch die Mülltonnen nach Plastik und Altpapier, das er an Recyclingfirmen weiterverkaufen kann. Der junge Mann packt alles, was er findet, sorgfältig in seinen Wagen. Was für andere nur Müll ist, ist für Baydar sein hart verdienter Lebensunterhalt.

Nun jedoch hat die Regierung den strengsten Lockdown seit Beginn der Corona-Krise verhängt, nachdem Mitte April die Zahl der täglich gemeldeten Corona-Neuinfektionen auf über 60 000 gestiegen war. Mit Ausnahmen dürfen die Menschen nur noch zum Einkaufen oder für Arztbesuche auf die Straße.

Nur wenige Geschäfte sind jetzt offen, aber genau die generierten normalerweise den meisten wiederverwertbaren Müll, erklärt uns der junge Mann. Für Baydar ist der Kampf auf Istanbuls Straßen nun härter geworden: "Wenn alles offen wäre, dann gäbe es natürlich mehr Arbeit für uns. Wenn nicht von einem, dann von einem anderen Laden. Zum Beispiel gibt es hier 20 bis 25 von uns, aber es gibt nur fünf bis sechs Supermärkte. Wer wird den Müll von dort einsammeln? Es ist für uns alle lebenswichtig", sagt er.

Mustafa Baydar verkauft Müll weiter an Recyklingfirmen.
Für andere ist es einfach nur Müll - für Mustafa Baydar sein hartverdienter Lebensunterhalt.
© RTL

Polizei duldet die Müllsammler von Istanbul

Früher verdiente Baydar um die 350 Euro im Monat. Jetzt seien es nur noch 150 Euro – kaum genug, um zu überleben, klagt der junge Mann. Trotz Karren läuft Baydar zügig, denn sonst könnte ihm vielleicht ein anderer Müllsammler zuvorkommen. Baydar hat jedoch auch Freunde unter den Müllsammlern, so wie Haci Yildiz. Wir treffen den 29-Jährigen, als er vor einem Laden die Mülltonnen durchsucht.

Eigentlich dürften Müllsammler während des Lockdowns nicht auf die Straße, aber bisher dulde die Polizei sie, sagt uns Yildiz. Und auch die Pandemie ist für ihn kein Grund, seinen Handkarren stehen zu lassen. "Ich habe auch keine Angst vor Corona: Entweder sterbe ich vor Hunger oder während ich arbeite. Was ist der Unterschied?" Yildiz sagt das kämpferisch, aber es schwingt auch Verzweiflung mit.

Yildiz ist nicht allein. Laut einer Umfrage können fast 27 Prozent der türkischen Bevölkerung ihre Grundbedürfnisse nicht mehr decken. Die Corona Pandemie trifft die Wirtschaft hart. Die Inflation zieht an, die Lebenskosten steigen, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Zu Beginn der Ausgangssperre stellte Präsident Erdogan Hilfe für kleine Unternehmen in Aussicht, und auch bedürftige Familien sollen einen Zuschuss von umgerechnet ungefähr 110 Euro bekommen. Kritiker jedoch sagen, es sei ein Tropfen auf den heißen Stein.

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Türkei-Korrespondentin Kavita Sharma ist unterwegs in Istanbul.
RTL-Reporterin Kavita Sharma war in Istanbul unterwegs mit den Ärmsten.
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Türken rutschen in die Armut ab

Wir begleiten Mohammed Siddik Yasar von der Hilfsinitiative Tarlabasi auf einem seiner Rundgänge durch ein armes Viertel Istanbuls. Seine Initiative unterstützt vor allem Geflüchtete und Migranten. Er verteilt heute Cash-Karten mit fünf bis zehn Euro Guthaben. Damit kann man in einer Supermarktkette bezahlen. Laut Yasar rutschen auch immer mehr Türken in die Armut ab: "Ich habe noch nie in den letzten 20 Jahren die Menschen in der Türkei so gesehen. Sie brauchen so viel Hilfe. Sie tun ihr Äußerstes, um irgendwo Unterstützung zu erhalten", erzählt er.

Zurück zu den Müllsammlern. Sie machen ihre erste Pause. Früher träumte Baydar davon, ein berühmter Fußballspieler zu sein, jetzt wünscht er sich nur noch etwas Sicherheit. "Natürlich möchte ich eine andere Arbeit finden. Ich würde dann eine Versicherung haben, würde meine Arbeitszeiten kennen, würde wissen, was zu tun ist, aber hier ist alles unsicher", sagt er. Dann ist es wieder Zeit für ihn, loszuziehen.

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