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Infektiologe rät zur Risikoabwägung: Sollten Frauen vor der Menopause nicht mit AstraZeneca geimpft werden?

Infektiologe rät zur Risikoabwägung

Sollten Frauen vor der Menopause nicht mit AstraZeneca geimpft werden?

Junge Frau bei der Impfung
Sollte AstraZeneca besser nicht an Frauen vor der Menopause verimpft werden? (Symbolbild)
iStockphoto

Kein AstraZeneca für jüngere Frauen?

Seit Freitag darf wieder mit AstraZeneca geimpft werden. Nachdem die Impfungen mit dem Vakzin wegen mehreren Blutgerinnsel-Fällen zwischenzeitlich gestoppt wurde, hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) nun empfohlen, die Impfungen fortzuführen. Ein deutscher Infektiologe rät allerdings dazu, die Risiken einer Impfung mit AstraZeneca bei Frauen vor der Menopause genau abzuwägen. Müssen jetzt jüngere Frauen Sorge haben, mit AstraZeneca geimpft zu werden?

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Wie hoch ist das Risiko? Wie hoch der Nutzen?

„Bei Frauen vor der Menopause, die ein sehr geringes Risiko für Covid-19-Komplikationen haben, sollte man derzeit überlegen, ob die Impfung mit AstraZeneca erfolgen sollte“, sagte Bernd Salzberger, Professor vom Uniklinikum Regensburg, der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstagabend. Für einen 80-jährigen Mann mit hohem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf hingegen sehe das Risiko-Nutzen-Verhältnis ganz anders aus in Anbetracht der dritten Welle.

Die bisher 13 bekannten Fälle von Blutgerinnseln in Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zu Impfungen in Deutschland betreffen fast ausschließlich Frauen. Salzberger betonte, dass noch offen sei, ob etwa bestimmte Medikamente oder etwa genetische Veranlagung eine Rolle spielen könnten. Die weitere Klärung werde wohl Wochen dauern.

Müssen sich junge Frauen nun Sorgen machen?

Wissenschaftlich kann man die Aussage von Salzberger nachvollziehen, sagt Medizinexperte Dr. Christoph Specht im RTL-Interview. Man wisse, dass Thrombosen generell eher bei jüngeren Frauen auftreten, dennoch sei die Risikoerhöhung, eine Sinusvenenthrombose durch die Impfung zu bekommen, „sehr sehr gering“. Man müsse das für sich selbst abwägen. Denn auf der anderen Seite gebe es das Risiko der Covid-19-Erkrankung.

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Auffällig sei aber Specht zufolge, dass so gut wie keine Thrombose-Fälle in Großbritannien aufgetreten wären, obwohl dort ebenfalls mit AstraZeneca geimpft wurde. Wie das sein kann? In England wurden deutlich mehr ältere Menschen mit dem Vakzin geimpft als in der EU. Auch die Ständige Impfkommission (STIKO) hatte den AstraZeneca-Wirkstoff zunächst nur für Menschen unter 65 Jahren empfohlen. Die Folge: AstraZeneca ging hierzulande vor allem an jüngeres medizinisches Personal, das hauptsächlich aus weiblichen Pflegekräften besteht. Diese sind wiederum anfälliger für Thrombosen. Bei den 13 in Deutschland gemeldeten Fällen handelte es sich laut Specht bei 12 um relativ junge Frauen.

Frauen müssen aufgeklärt werden

Specht rät nun dazu, jüngere Frauen genau aufzuklären. Das Risiko sei gering, die finale Entscheidung liege aber beim Impfling selbst.

Aktuell haben wir keine Kenntnisse darüber, welche Impfstoffe am besten für welche Altersgruppe sind, so der Mediziner weiter. „Das wird sich erst in den nächsten Jahren herausstellen.“ Sollte es noch zu weiteren Impfreaktionen kommen, werden diese aber immer sehr klein bzw. gering sein, sonst hätte man diese bereits bemerkt bei den bislang Millionen Geimpften.

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Die EMA hat nun die Fortsetzung der Impfungen mit AstraZeneca empfohlen. „Der Impfstoff ist sicher und effektiv gegen Covid-19, und die Vorteile sind wesentlich größer als die Risiken“, sagte EMA-Chefin Emer Cooke am Donnerstag in Amsterdam nach einer Sondersitzung des Sicherheitsausschusses. Die EMA bekräftigte, dass es keine Hinweise darauf gebe, dass die Impfungen die Vorfälle verursacht hätten. Dennoch sei es nicht ausgeschlossen. Daher würden die Prüfungen und Studien auch fortgesetzt.

+++ Greifswalder Forscher wollen nun die Ursache für die Hirnthrombosen nach der AstraZeneca-Impfung gefunden haben. Offenbar löst das Vakzin bei einigen Menschen einen Abwehrmechanismus aus +++

Die EMA-Entscheidung wertete Salzberger als erwartbar, insgesamt überwiege klar der Nutzen der Impfung. Die EMA habe sich offensichtlich die Fälle genau und ernsthaft angeschaut. „Es sind ungewöhnliche, seltene Ereignisse“, betonte Salzberger mit Blick auf die berichteten Hirnvenenthrombosen. Er begrüßte, dass die EMA einen Warnhinweis für Frauen unter 55 Jahren in die Patienten- und Fachinformation aufnehmen wolle. „Das Verfahren insgesamt zeigt, dass das Netzwerk der Arzneimittelsicherheit funktioniert.“

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Quelle: DPA/RTL.de