Siebeneinhalb Jahre Haft

Wiktoria (16) in Großröhrsdorf erstochen: 16-Jähriger wegen Totschlags verurteilt

Fall Wiktoria (16): Jugendlicher wegen Totschlags verurteilt In Großröhrsdorf erstochen
00:34 min
In Großröhrsdorf erstochen
Fall Wiktoria (16): Jugendlicher wegen Totschlags verurteilt

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von Christina Warnat

Am 15. September 2021 wurde Wiktoria T. mit schweren Stichverletzungen von Zeugen in einem Garagenkomplex in der Kleinstadt Großröhrsdorf in Sachsen gefunden. Kurz darauf erlag die 16 Jahre alte Schülerin ihren Verletzungen. Nun ist das Urteil gegen den 16-jährigen Angeklagten gefallen: Siebeneinhalb Jahre wegen Totschlags! Die Eltern der Getöteten seien „fassungslos“, so der Anwalt der Familie.

Obduktionsergebnis: Wiktoria hatte 13 Stichverletzungen

Der Prozess vor der Außenstelle des Görlitzer Landgerichts in Bautzen fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wegen Mordes angeklagt war ein Teenager, zum Zeitpunkt der Tat war er 15 Jahre alt, vergangene Woche hat er seinen 16. Geburtstag gefeiert. Er ging mit Wiktoria zur Schule, die beiden sollen eine Affäre gehabt haben. Das Motiv der schrecklichen Tat ist unklar, doch angeblich soll der Tatverdächtige Wiktoria gebeten haben, ihre Beziehung geheim zu halten, weil er noch ein weiteres Mädchen traf. Als sich die 16-Jährige weigerte, habe er die Schülerin mit insgesamt dreizehn Messerstichen niedergestochen.

Das Elternhaus des Teenagers, das sich nur wenige Meter vom Tatort entfernt befindet, wurde damals von der Polizei durchsucht. Spuren der Tat sollen sichergestellt worden sein. Überführt wurde der 15-Jährige schließlich durch Blutspuren an seinem Schuh.

Jetzt der Urteilsspruch in Bautzen: Die Kammer hat den Angeklagten wegen Totschlags zu sieben Jahren und sechs Monaten Jugendstrafe verurteilt – die Anklage lautete auf Mord. Das Gericht sei nicht zu dem Schluss gekommen, dass Mordmerkmale wie etwa Heimtücke oder niedere Beweggründe erfüllt seien. Das Jugendstrafrecht sieht ein Strafmaß von bis zu zehn Jahren vor. Strafmildernd habe sich das Geständnis des Angeklagten ausgewirkt, sagte Gerichtssprecher Reinhard Schade.

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Täter hat "versucht, sich bei den Eltern zu entschuldigen"

Die Eltern der Getöteten waren beim Urteilsspruch bei Gericht. Sie seien „fassungslos“, sagt Robert Zukowski, der Anwalt der Familie, RTL-Reporter Christoph Schlüter. Einmal, weil die Kammer das im Jugendstrafrecht vorgesehene Strafmaß nicht voll ausgeschöpft hat, aber auch, weil der Angeklagte wegen Totschlags und nicht wie angeklagt Mordes verurteilt worden ist.

Immerhin hat der Prozess Gewissheit gebracht, denn aufgrund des Geständnisses und der Obduktionsergebnisse wissen die Eltern nun, was in den letzten Minuten im Leben ihrer geliebten Wiktoria geschehen ist. Weshalb ihr damaliger Freund die Teenagerin getötet hat. Bei seinen abschließenden Worten habe der 16-Jährige „versucht, sich bei den Eltern zu entschuldigen“, so Zukowski. „Ich habe den Eltern erklärt, dass natürlich die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung besteht. Allerdings ist die vorzeitige Entlassung geknüpft an gewisse Mitarbeit bei ihm. Wenn er sich da weiter sperrt, oder da irgendwelche anderen Sachen auffällig sind, dann gibt es natürlich auch die Möglichkeit, bis zum Ende zu vollstrecken.“

Für die Familie geht das Leben weiter – ohne ihre Tochter. Zukowski zufolge werden sie in Deutschland bleiben. Wiktorias kleine Schwester gehe zur Schule, sie seien sozial eingebunden. „Jetzt muss weiter aufgearbeitet werden, es gibt weitere psychologische Gespräche, allerdings auch nur einmal im Monat. Mit Sprachbarriere, das ist schwierig. Wir hoffen auch, dass der Vater wieder in Arbeit kommt. Der war ja seit dem Tötungsdelikt krankgeschrieben.“

Anwalt des Täters: "Ich glaube, ein konkretes Motiv gibt es nicht"

Der Verteidiger des Angeklagten sprach von einem „fairen Urteil“. Es entspreche dem gestellten Antrag, insofern sei man zufrieden und werde voraussichtlich auch nicht in Revision gehen, sagte Carsten Brunzel. Das Geständnis sei nicht aus prozesstaktischen Gründen später und nicht wie sonst üblich zu Beginn des Verfahrens erfolgt. Vielmehr sei der Anwalt des 16-Jährigen an Corona erkrankt und konnte zunächst nicht teilnehmen. „Der Angeklagte hat darauf bestanden, diese Einlassung, das Geständnis nur in meinem Beisein abzugeben. Deshalb gab es diese zeitliche Verzögerung.“

Sein Mandant habe „verstanden, was er da getan hat“, so Brunzel. „Es war nicht einfach, mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen und auch für ihn war es nicht einfach, darüber zu sprechen.“ Das sei ausschließlich mit psychologischer Betreuung möglich gewesen. Derzeit befinde er sich in einer geschlossenen Einrichtung, werde aber nach Rechtskraft des Urteils seine Strafe in der Jugendstrafanstalt antreten. „Das kennen viele nicht: Im Jugendstrafrecht gibt es die Möglichkeit, die sogenannte Untersuchungshaft zu vermeiden. Das ist trotzdem eine geschlossene Einrichtung, in der aber sehr intensiv und sehr individuell mit den Jugendlichen bereits gearbeitet wird“, erklärt der Anwalt. Freizeitaktivitäten, Schule, alles finde in diesem Rahmen statt. Die Zeit dort werde mit der Haftzeit verrechnet, „weil es eine der Untersuchungshaft ähnlichen Einrichtung ist. Er darf also nicht frei sich bewegen und kann sagen, ich gehe jetzt nach Hause oder ich gehe heute mal ins Schwimmbad. Sondern er ist an einen konkreten Plan gebunden, es ist eine geschlossene Einrichtung“. Freiheit sei das nicht, „das muss man ganz klar sagen“. Auf die Frage nach dem Warum, antwortet der Verteidiger: „Ich glaube, ein konkretes Motiv gibt es nicht oder muss er noch aufarbeiten.“ Derzeit stelle es sich so dar, dass das Gespräch mit Wiktoria in einen Streit übergegangen sei, der eskaliert ist.

Video: Familie nimmt in Polen Abschied von Wiktoria (16)

Das Verfahren hatte auch in Polen, der Heimat der Familie, großes Medieninteresse ausgelöst. Ihre letzte Ruhe fand die Schülerin Dank vieler Spenden im Oktober 2021 in ihrer Heimatstadt Gorzów Wielkopolski in Polen.

Wiktoria in Polen beerdigt Nach Tod in Großröhrsdorf
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Nach Tod in Großröhrsdorf
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