Verstappen im WM-Finale

Mit der Brechstange und dem Kopf durch die Wand

Max Verstappen nach dem GP in Saudi-Arabien.
Max Verstappen nach dem GP in Saudi-Arabien.
© imago images/PanoramiC, FLORENT GOODEN via www.imago-images.de, www.imago-images.de

08. Dezember 2021 - 6:12 Uhr

Verstappen zeigt Nerven

Max Verstappen gibt alles, um WM-Dominator Lewis Hamilton zu entthronen. Das ist sein gutes Recht und eigentlich sollten ihm die Fan-Herzen dafür zufliegen. Doch das teils überharte und unsportliche Verhalten führt zu Rissen in der Sympathie-Fassade. Der Red-Bull-Fahrer zeigt Nerven, das kostet Punkte in der WM- und Beliebtheitswertung.

Die Rückkehr von "Mad Max"

Lange Zeit wirkte es so, als habe Max Verstappen in den "Zen-Modus" geschaltet. Mit für seine Verhältnisse imposanter Ruhe und Gelassenheit strich er gerade anfangs und Mitte der Saison Sieg um Sieg ein. Der Verstappen im Jahr 2021 behielt die Nerven. Er, jener Verstappen, der früher als Heißsporn und "Mad Max" verschrien war, zeigte sich abgebrüht, abgezockt. Und Mercedes war in der ungewohnten Jägerrolle irritiert. "Was passiert hier?", konnte man häufig in den Gesichter von Lewis Hamilton und Co. ablesen.

Verstappen sammelte Strategie-, Willenskraft- und Talent-Siege ein. Endlich hatte der Rennstall ihm mit dem RB16B einen Wagen hingezaubert, der mehr als mithalten konnte mit dem Schwarzpfeil-Dienstwagen von Hamilton. Eine Einheit, die das einst übermächtige Mercedes-Team in die Knie zwingen könnte. Und natürlich – ein Großteil der Fans hält zu Verstappen, drückt ihm die Daumen. Es ist ja auch eine sympathische Erzählung. Der in die Jahre gekommene Champ dominiert, und der wilde Junge bittet zum PS-Duell. Da hält man eher zum Herausforderer.

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Kompromisslos all-in

Mit der WM-Führung im Rücken schwor Verstappen auf Coolness. In Interviews sagte er: "Für mein Leben ändert sich nichts, wenn ich nicht Weltmeister werde". Allein: Auf der Strecke tut er gerade alles dafür, um das gegenteilige Bild zu erwecken. Jüngstes Beispiel: das Chaos von Dschidda. Dazu gleich mehr.

Seit Imola, dem zweiten Rennen der Saison, und dem ersten ganz nahen Rad-an-Rand-Duell zwischen Verstappen und Hamilton deutete sich an: Da kommt noch was auf uns zu. Hamilton zog damals noch zurück und verlor. Der Herausforderer hatte sein Revier erfolgreich markiert. Schon in Silverstone änderte sich das – Hamilton hielt dagegen, voll rein – mit bekannten Folgen. Verstappen rauschte bei 280 km/h im Copse Corner ab und landete volle Karacho im Reifenstapel. Kurze Zeit später dann in Monza gab der Niederländer nicht nach und ruckelte über Hamiltons W12. Verstappen kassierte im Nachgang eine Grid-Strafe.

So spitzte sich das enge Duell immer weiter zu. Doch seit den vergangenen Rennen – in denen Mercedes immer näher, bedrohlich näherkommt, liegt das Nervenkostüm bei den Bullen offenbar blank. Das Team gab sich bissig ob des neuen Motors und des Heckflügels bei Mercedes. Teamchef Christian Horner teilte kräftig aus ("Muss nicht Totos Hintern küssen"). Und auf der Strecke übernahm Verstappen dieses Verhalten. In Austin streckte er Hamilton im Training den Mittelfinger entgegen, in Brasilien verteidigte er extrem hart und verließ dabei die Piste, um die Position zu halten. Er kam mit Glück um eine Strafe herum.

Schneller Podiumsabgang sorgt für Diskussionen

Und jetzt eben Saudi-Arabien. Fahrerisch ist Verstappen ohne Zweifel ein Ausnahmetalent. Doch erneut nahm er sich mehrmals abseits der Strecke einen Vorteil, drängte den Mercedes-Mann ab. Als er Hamilton dann vorbeilassen sollte, eskalierte es. Verstappen bremste für Hamilton überraschend ab, der 36-Jährige krachte hinten rein. Anschließend dauerte es lange, bis Verstappen seinen Konkurrenten wirklich vorbei ließ, nur um dann direkt wieder anzugreifen. Erst als die Reifen hinüber waren, war der Kampf der Titanen fürs Erste vorbei. Insgesamt gab's 15 Sekunden Zeitstrafe für den WM-Leader.

Unsportlicher Höhepunkt: Bei der Siegerehrung stiefelte er schnurstracks vom Podium runter. Zwar löste er es hinterher mit einem gekonnten Witzchen auf ("Mit Champagner macht es keinen Spaß"), trotzdem: souverän ist anders.

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Welchen Verstappen sehen wir am Sonntag?

Man wird den Eindruck nicht los: Er will es zu sehr: den Titel, die Entmachtung von Hamilton. Mit Biegen und Brechen. Verstappen ist bei dieser Herkulesaufgabe wortwörtlich nicht zu bändigen. Man möchte ihm einflüstern, die Brechstange doch auch mal einzupacken. Es wird Zeit, dass er sein unfassbares Talent, sein Können in den Vordergrund stellt – ohne Foulspiel.

Auch bei vielen neutralen Fans kommt das nicht gut an. Viele fürchten den Titelcrash im letzten Rennen. Und plötzlich wirkt der ewige und abgedroschene Champion wieder als die fast schon sympathischere Option. Klar: Auch Hamilton ist kein Kind von Traurigkeit und auch nicht immer astrein unterwegs. Siehe Silverstone. Trotzdem: In den vergangenen Rennen fiel vor allem Verstappen negativ auf.

Am Sonntag geht der Vorhang auf für den ultimativen Königsklassen-Showdown. Die große Frage ist: Packt Verstappen wieder die Brechstange aus? Gibt es gar ein Crash-Finale wie einst zwischen Senna und Prost?

Alles hängt wohl davon ab, welchen Verstappen wir sehen - den im Zen-Modus oder den auf Attacke getrimmten. (msc)