Keine falsche Loyalität

Darum muss Mercedes Russell holen – jetzt!

George Russell stehen die Mercedes-Farben gut.
George Russell stehen die Mercedes-Farben gut.
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09. Juni 2021 - 8:14 Uhr

Alles geben im WM-Kampf gegen Red Bull

Von Alessa-Luisa Naujoks

Es sind nur 26 Pünktchen – wahrlich nicht die Welt. Und doch ist es für Mercedes ein ungewöhnlich großer Rückstand. Ein Rückstand. Eben kein Vorsprung! Aktuell steht der Serien-Konstrukteursweltmeister nur auf Rang zwei der WM-Gesamtwertung. Hinter Rivale Red Bull. Und in der Fahrerwertung ist es eben auch nicht Lewis Hamilton, der an der Spitze lächelt, sondern Max Verstappen. Apropos lachen: Zu lachen hat Mercedes momentan herzlich wenig. Teamchef Toto Wolff spricht von den schwierigsten Wochen seiner Amtszeit und findet die Krise der Silberpfeile "einfach nicht akzeptabel". Und "akzeptabel" ist ein gutes Stichwort - ist es akzeptabel, weiterhin auf einen Nummer-2-Fahrer zu setzen, der derzeit nicht annähernd die Erwartungen erfüllen kann? Vor allem, wenn doch schon die ideale Neubesetzung parat steht. Mercedes muss handeln – und Bottas ehrenhaft entlassen.

Mercedes-Pilot Bottas: Rätselraten

Valtteri Bottas steht vor einem Rätsel. Noch immer hat der Finne nicht verstanden, was da eigentlich in Baku bei ihm los war. Dass er es im Qualifying überhaupt mit Hängen und Würgen ins Q3 geschafft hatte, war schon ein kleines Wunder. Von Punkten durfte er aber am Sonntag nur träumen. "Ich kann mich nicht erinnern, je so ein Wochenende gehabt zu haben", sagte Bottas nach einem "glorreichen" Rang zwölf – selbst durch das Aus von Verstappen und Hamilton rutschte er nicht weiter vor. Bitter.

"Ok, es gab mal Wochenenden, an denen ich schlechte Sessions hatte, aber irgendwann hatte ich dann die Pace. Aber dieses Wochenende lief es ständig schlecht und ich habe noch immer nicht verstanden, warum." Fragezeichen, die sich Mercedes in dieser Phase nicht erlauben kann. Nicht erlauben darf! "Ich kenne mein Limit, schneller als das kann ich nicht und dann ist man immer noch sechs, sieben, acht Zehntel hinten. Das ist nicht normal, das müssen wir verstehen, bevor wir nach Frankreich gehen."

Formula 1 2021: Azerbaijan GP BAKU CITY CIRCUIT, AZERBAIJAN - JUNE 05: Valtteri Bottas, Mercedes during the Azerbaijan GP at Baku City Circuit on Saturday June 05, 2021 in Baku, Azerbaijan. Photo by Steve Etherington / LAT Images Images PUBLICATIONxI
Valtteri Bottas erlebte in Baku ein Debakel.
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Bottas hat nicht mal mehr den Wasserträger-Status

Bottas am Limit. Komplett. Auch wenn ihn in Monaco nur eine Radmutter am Podiumsplatz hinderte – die ganze Wahrheit ist, dass der 31-Jährige davor nicht mit den WM-Rivalen Hamilton und Verstappen mithalten konnte. Ob Bahrain, Portugal oder Spanien: Bottas hatte immer das Nachsehen, fuhr mit mehr als ausreichend Corona-Sicherheitsabstand hinterher. Obwohl weit mehr in seinem Mercedes steckte.

Das Aus in Monaco und Italien ausgeklammert, konnte er nicht einmal die Aufgabe erfüllen, die gerade jetzt so entscheidend, so wichtig wäre: Als "Puffer" vor Verstappen ins Ziel zu kommen und damit nicht nur dem Holländer, sondern auch Red Bull WM-Punkte zu klauen.

Heißt im Klartext: Der als "Hamiltons Wasserträger" abgestempelte Finne ist nicht mal mehr dazu gut genug.

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Formula 1 2021: Azerbaijan GP BAKU CITY CIRCUIT, AZERBAIJAN - JUNE 06: Valtteri Bottas, Mercedes, and Sir Lewis Hamilton, Mercedes during the Azerbaijan GP at Baku City Circuit on Sunday June 06, 2021 in Baku, Azerbaijan. Photo by Steve Etherington /
Braucht Lewis Hamilton (re.) für seinen 8. Titel einen neuen Wasserträger?
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Mercedes, es wird Zeit zu reagieren!

Und das ausgerechnet in dem Moment, wo Neu-Bulle Checo Perez so richtig an Fahrt aufnimmt und für den Mercedes-Rivalen das darstellt, was sie sich so lange gewünscht hatten: Einen zweiten Top-Fahrer, der eine (Helfer-)Rolle im WM-Kampf spielen kann.

Deshalb sollte Mercedes den Tatsachen ins Auge schauen und nicht aus Loyalität den Kürzeren im WM-Kampf ziehen. Die Liebe zu Bottas, sie ist schön und gut – aber es wird Zeit. Zeit, dem Nachwuchs eine Chance zu geben, es besser zu machen. Zeit, George Russell ins Cockpit zu setzen.

Der Williams-Pilot ist Mercedes-Junior, Wolff glaubt an ihn. Und das Vertrauen hat er zurückgezahlt, als er 2020 beim Sakhir-GP als Ersatz für den corona-kranken Hamilton in der Wüste Bahrains direkt im ersten Mercedes-Versuch den Sieg vor Augen hatte und nur ein Fehler der Mercedes-Crew beim Boxenstopp ihm vom Podium schubste.

BAHRAIN, BAHRAIN - MARCH 26: Mercedes GP Executive Director Toto Wolff looks on in the Paddock during practice ahead of the F1 Grand Prix of Bahrain at Bahrain International Circuit on March 26, 2021 in Bahrain, Bahrain. (Photo by Mark Thompson/Getty
Toto Wolff muss mit Blick auf die Zukunft von Mercedes eine Entscheidung treffen.
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Diese zwei Aufträge müsste Wolff Russell mitgeben

Russell wäre der richtige Mann. Dass der Brite aus "unterlegenen" Autos das Maximum rausholen kann, beweist er Wochenende um Wochenende am Ende des Feldes. Dass Russell dennoch ein regelmäßiger Besucher von Q2 ist, spricht allein für ihn – nicht für den Williams. Und aktuell muss sich Mercedes nun mal der Realität stellen, die da heißt: Der Silberpfeil ist dem Red Bull auf so mancher Strecke unterlegen. Mit Russell könnte es dennoch klappen, vor den Bullen zu landen.

Der 23-Jährige ist außerdem der, den Wolff mit zwei klaren Aufträgen ins Cockpit setzen könnte. Jenen Aufträgen, die Bottas zuletzt nicht erfüllt hatte: Fahr für Lewis, fahr für unsere Team-WM.