Perez erbt Sieg, Vettel sensationell Zweiter!

Reifenplatzer-Drama in Baku: Verstappens Triumph fliegt in die Luft

Max Verstappen verlor in Baku kurz vor Schluss einen sicher geglaubten Sieg
Max Verstappen verlor in Baku kurz vor Schluss einen sicher geglaubten Sieg
© Getty Images, Bongarts, JB1 / AJB

06. Juni 2021 - 21:09 Uhr

Sergio Perez gewinnt Aserbaidschan-GP - Vettel auf dem Podest

Max Verstappens Triumph beim Großen Preis von Aserbaidschan ist im wahrsten Sinne des Wortes geplatzt. Vier Runden vor Schluss explodierte am Red Bull des Holländers urplötzlich der linke Hinterreifen, Verstappen krachte in die Mauer – das Aus! "Bullen"-Kollege Sergio Perez erbte den Sieg – auch, weil sich Weltmeister Lewis Hamilton im Mercedes bei einem stehenden Re-Start zwei Runden vor Ende kapital verbremste. Sebastian Vettel wurde im Aston Martin nach einer famosen Fahrt sensationell Zweiter, AlphaTauri-Pilot Pierre Gasly komplettierte das Podest.

Trostpflaster für Verstappen: Da auch Hamilton nach seinem Brems-Bock leer ausging, behielt der 23-Jährige die WM-Führung. Verstappens Reifenplatzer war nicht der einzige des Tages: Zuvor war schon Vettel-Teamkollege Lance Stroll jenseits der 300 km/h abgeflogen – auch am Aston Martin ging der linke Hinterreifen hoch.

Mick Schumacher fuhr mit Rang 13 nicht nur sein bisher bestes F1-Ergebnis ein. Der Haas-Pilot ließ auch seinen Stallrivalen Nikita Mazepin (14.) und Hamilton (15.) hinter sich.

Das Verstappen-Drama im Video

Hamilton vergeigt es beim Re-Start

Baku steht in der Formel 1 seit Jahren für den streckenbezogenen Irrsinn – so auch 2021. Verstappen cruiste souverän seinem dritten Saisonsieg entgegen, als es knallte: Reifenplatzer hinten links, null statt 25 Punkte.

Zunächst sah es so aus, als würde Perez hinter dem Safety Car vor Hamilton gewinnen, die Rennleitung entschied sich aber dazu, das Rennen nach dem Verstappen-Crash zu unterbrechen und zwei Runden vor Schluss stehend neu zu starten. Beim Re-Start kam Hamilton erst super vom Fleck, ging innen an Perez vorbei, stieg dann aber viel zu spät in die Eisen und schoss vor Kurve 1 geradeaus in den Notausgang. "Sorry, Jungs", funkte der Brite an sein Team, im Parc Fermé saß Hamilton minutenlang fassungslos im Cockpit. Perez feierte derweil ausgelassen den zweiten Grand-Prix-Sieg seiner Karriere.

Vettel behielt bei all dem Chaos kühlen Kopf. Erst pirschte er sich mit einer cleveren Strategie und dank konstanter Runden von Startposition 11 nach vorne. Beim fliegenden Re-Start infolge des Stroll-Crashs krallte sich Vettel Pole-Setter Charles Leclerc (Ferrari) und rückte auf Platz 5 vor. Am Ende profitierte der 33-Jährige von Verstappens Pech und Hamiltons Patzer. Es war Vettels erster Podestbesuch seit dem Türkei-GP 2020 am 15. November 2020.

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Aserbaidschan-GP | Rennergebnis

Der Baku-Wahnsinn im Zeitraffer

Start/1. Runde: Leclerc, Hamilton und Verstappen kommen ordentlich aus den Puschen, reihen sich im ersten Knick brav hintereinander ein. Gasly startet schlecht, Perez dafür umso besser. In Kurve 2 zieht der Mexikaner am AlphaTauri-Boliden vorbei auf Platz 4. Vettel legt stark los, krallt sich den Mercedes von Valtteri Bottas und McLaren-Mann Lando Norris, kommt als Neunter zurück auf Start/Ziel. Schumacher kriegt in Turn 1 hinten eine von Aston-Martin-Pilot Lance Stroll ab, bleibt aber vor Haas-Rivale Nikita Mazepin.

Runde 3/4: Dank des Windschattens auf der ellenlangen Geraden zieht Hamilton mühelos an Leclerc vorbei, übernimmt die Führung. Eine Runde später versucht Verstappen das Gleiche, packt den Ferrari aber noch nicht.

Runde 5: Hamilton kann sich von Leclerc nicht wirklich absetzen. Weil der Monegasse im DRS-Fenster des Briten klebt, kommt Verstappen auf der Geraden nicht am Ferrari vorbei.

Runde 7/8: Kaum ist Leclerc aus dem DRS-Fensterchen raus und darf den Flügel nicht mehr aufmachen, fliegt der Holländer am roten Renner vorbei auf 2, eröffnet die Jagd auf seinen WM-Rivalen. "Hamilton hat ein paar Probleme", motiviert der Red-Bull-Kommandostand Verstappen. Gut für die Team-Strategie: Auch Perez schnupft Leclerc früh auf, zwei "Bullen" hetzen Hamilton durch Baku. Weil Alonso zurückgefallen ist, rangiert Vettel mittlerweile auf 8.

Verstappen und Perez schnappen Hamilton in der Box

Runde 10/11: Die ersten Boxenstopps: Leclerc und Yuki Tsunoda (AlphaTauri) holen sich frische, harte Walzen, Vettel rückt so auf Position 6 vor. Eine Runde nach Leclerc kommt Scuderia-Kollege Carlos Sainz zum Service. An der Spitze liegt Hamilton hauchdünn vor Verstappen, der Holländer winkt immer wieder durchs DRS-Fenster.

Sainz' Reifen sind kurz nach den Stopp noch nicht auf Temperatur. Der Spanier muss vor der superengen Kurve 8 in den Notausgang, verliert viel Zeit und fällt ins Mittelfeld zurück.

Runde 12/13: Gurken-Stopp bei Hamilton! Weil Mercedes kein Unsafe Release (gegen Gasly) riskieren will, steht der Weltmeister geschlagene 4,6 Sekunden. Sofort drückt Verstappen auf den Pinsel, um in der Box vorbei zu huschen. Der WM-Leader stoppt in sagenhaften 1,9 Sekunden, kommt locker vor Hamilton wieder auf die Piste zurück. "Warum ist er so weit vor mir?", wundert sich der Engländer.

Runde 14-16: Es kommt immer dicker für Hamilton. Obwohl die Red-Bull-Crew bei Perez 4,2 Sekunden für vier frische Pneus braucht, kommt "Checo" knapp vor Hamilton wieder raus. Und wer führt auf einmal? Ja: Vettel im Aston Martin! Der 33-Jährige fährt konstante Runden, bleibt lange draußen, um so Tsunoda in der Box zu schlucken. Hamilton kommt Perez auf Start/Ziel derweil ganz nah – der Mexikaner kontert sofort mit einer schnellsten Rennrunde. Verstappen setzt sich vorne ab, liegt 2,8 Sekunden vor seinem Stallkollegen.

Bei Vettel läuft's

Runde 19: Vettel in der Box, ein guter Stopp (2,4s). Der Aston-Martin-Pilot gibt als Siebter wieder Stoff, hat sich durch den "Overcut" an Tsunoda vorbeigearbeitet. Mehr noch: Dank seiner Konstanz und dem späten Stopp ist Vettel bis auf 2,5 Sekunden an Polesetter Leclerc dran und hat jetzt wesentlich frischere Reifen als der Ferrarista. Ein starkes Rennen des viermaligen Weltmeisters.

Hamilton gibt sich im Kampf um Platz 2 nicht geschlagen, hängt Perez auf der langen Geraden immer wieder im Bullen-Nacken. Noch reicht es aber nicht, vor allem im kurvigen Mittelsektor verliert der Mercedes zu viel Zeit.

Runde 20: Vettel-Kollege Stroll – von 19 auf harten Reifen gestartet – ist als einziger noch nicht in der Garage gewesen, hat sich so auf Rang 4 geschoben. Ein weiteres Indiz, dass die Rennpace des Aston Martin in Baku richtig gut ist.

Runde 23: Sainz arbeitet sich in Kurve 1 noch an Antonio Giovinazzi ab, auf der Gegengeraden packt er den Alfa Romeo dann aber. Rang 13 für den Spanier, der nach seinem Bock weit zurückgefallen ist. Vorne muss Hamilton abreißen lassen. Rückstand auf Perez: 2,5 Sekunden.

Runde 25/26: Mazepin muss in Turn 5 in den Notausgang. Der junge Russe ist als 19. Letzter, auf Haas-Rivale Schumacher fehlt ihm nach dem Schnitzer mehr als eine halbe Minute. Fast schon Baku-untypisch: Noch kein Safety Car und mit Esteban Ocon (Alpine) nur ein Ausfall. Der Franzose hatte wegen Hydraulik-Problemen früh die Segel gestrichen.

Bei Vettel läuft's weiterhin. Er knallt eine persönlich beste Runde nach der anderen hin, ist bis auf 1,3 Sekunden an Leclerc dran.

Stroll kracht in die Mauer

Runde 31: Böser Stroll-Crash! Jenseits der 300 km/h platzt am AMR 21 der linke Hinterreifen, der Kanadier kracht erst frontal, dann seitlich in die Mauer. Das Safety Car rückt sofort aus – die Boxengasse wird geschlossen. Nach bangen Augenblicken steigt Stroll eigenständig aus dem Wrack, wird im Medical Car in seine Garage gebracht. Vater Lawrence erkundigt sich, der Sohn nickt – Zum Glück ist Stroll nichts passiert.

Die Frage jetzt: Wer nutzt die Safety-Car-Phase für einen Satz neue Reifen, wenn die Pit Lane öffnet? "Ich werde diese Jungs mit diesen Reifen nicht überholen", funkt Hamilton unterdessen durch. Die Strategie-Hirne sind gefordert. Frische Pneus aufziehen und nochmal angreifen, dafür Plätze verlieren? Oder weiterfahren und die Position halten?

Runde 35: Alonso, Giovinazzi, Russell und Schumacher probieren es mit frischen Pneus. Mick wird losgelassen, obwohl sein linkes Vorderrad noch nicht festsitzt. Die Mechaniker schieben ihn zurück und setzten den Schlagschrauber nochmal an. Trotz der Panne bleibt Schumi jr. vor Mazepin.

Runde 36/Fliegender Re-Start: Verstappen wartet lange ab, gibt erst spät Gummi und bleibt vorne. Hamilton schafft es nicht an Perez vorbei, dafür lässt es Vettel krachen: Der viermalige Champion bremst sich in Kurve 1 clever an Leclerc vorbei, schnappt sich kurz darauf fast auch noch Gasly.

Runde 37: Jetzt aber! Vettel nutzt seinen Windschatten und schießt auf der Geraden am AlphaTauri vorbei an 4. "Das ist nicht möglich, das ist nicht möglich!", schimpft Gasly am Funk. Doch Monsieur! An der Spitze zieht Verstappen direkt wieder davon.

Runde 39: Hamilton will es nochmal wissen, macht Druck auf Perez. Am Ende von Start/Ziel zuckt er kurz raus, für ein Überholmanöver reicht es aber nicht.

Erst Verstappen, dann Hamilton k.o. - Vettel "Driver of the Day"

Runde 47: Das gibt's doch nicht! Auch bei Verstappen geht der linke Hinterreifen hoch, mit Highspeed knallt der Red Bull auf Start/Ziel in die Mauer. Wütend schmeißt Verstappen sein Lenkrad weg, gibt dem geplatzten Reifen noch einen Tritt. "Das kam ohne jede Vorwarnung", gibt Red-Bull-Teamchef Christian Horner durch.

Das Safety Car kommt zunächst raus, wenig später wird das Rennen mit Roter Flagge abgebrochen, die Fahrer kommen in die Box. Alle 17 verbliebenen Piloten ziehen Soft-Pneus auf, nach mehr als einer halben Stunde Pause geht es mit einem stehenden Re-Start weiter. Ein ultrakurzer Sprint zur Schwarz-Weiß-Karierten Flagge.

Runde 49/Stehender Re-Start: Hamilton katapultiert sich an Perez vorbei, steigt vor Kurve 1 aber zu spät in die Eisen und schießt geradeaus in den Notausgang. "Checo" sagt gracias, Vettel schlüpft auf 2 durch. Dahinter liefern sich Gasly und Leclerc einen heißen Fight ums Stockerl – der Franzose macht sich breit und verteidigt seine Position wie ein Löwe. Im Hinterfeld verliert Schumacher seine Position an Stallrivale Mazepin.

Ziel: Perez gewinnt völlig unerwartet vor Vettel. Der Aston-Martin-Pilot wird wie schon in Monaco von den F1-Fans zum "Fahrer des Tages" gewählt. Gasly jubelt über Rang 3, es folgen Leclerc und Norris. Alpine-Altmeister Fernando Alonso macht als Sechster fette Beute, ebenso AlphaTauri-Rookie Tsundoa, der seine ersten Punkte einfährt. Sainz (Ferrari), Daniel Ricciardo (McLaren) und Kimi Räikkönen (Alfa Romeo) machen die Top 10 voll.

Auf der Zielgeraden schlägt Mick wieder gegen Mazepin zurück, fährt als 13. das bisher beste F1-Ergebnis seiner Karriere heraus. (mar)