Bloß Corona-Depris - oder echte Erkrankung?

Depression: Bei diesen Sätzen sollten Sie hellhörig werden

Niedergeschlagen wegen der Corona-Maßnahmen und Lockdown - oder echte Depressions-Erkrankung?
Niedergeschlagen wegen der Corona-Maßnahmen und Lockdown - oder echte Depressions-Erkrankung?
© iStockphoto, iStock, SvetaZi

18. März 2021 - 10:17 Uhr

Echte Depression oder Stimmungstief?

Mit der Corona-Krise haben wir alle zu kämpfen, der eine mehr, der andere weniger. Und sicher schlägt sie auch den meisten von uns ganz schön aufs Gemüt! Viele Menschen glauben jetzt an sich selbst festzustellen, dass sie im Laufe der letzten Monate depressiv geworden sind. Doch eine echte Depression ist viel mehr als bloß "depri" zu sein oder ein langes Stimmungstief zu haben. Professor Ulrich Hegerl ist Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und erklärt hier, was eine echte Depression ausmacht.

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Es gibt vermehrt depressive Symptome

Viele Menschen berichten nun aber, auch in den Sozialen Medien, dass sie glauben, im Laufe des vergangenen Corona-Jahres depressiv geworden zu sein. Aber handelt es sich dabei schon um eine echte Depression? "Dass es depressive Symptome vermehrt gibt, ist unbestritten", sagt uns Hegerl. "Aber wenn man vermehrt bedrückt und traurig ist und Ängste hat, dann heißt das noch nicht, dass man eine depressive Erkrankung hat. Das ist eine ganz normale menschliche Reaktion."

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Depression ist eine Volkskrankheit

Eine echte Depression beeinflusst Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen massiv. Sie geht mit Störungen von Körperfunktionen einher, verursacht erhebliches Leiden. In den letzten Jahren ist das, auch durch den Tod von Fußballprofi Robert Enke, immer mehr im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen. Depressionen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen, so die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. An Depression sind derzeit in Deutschland 11,3% der Frauen und 5,1% der Männer erkrankt. Frauen leiden damit etwa doppelt so häufig an Depression wie Männer.

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© Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Ohne Veranlagung wird keine Depression ausgelöst

Entscheidend ist das Vorliegen einer Veranlagung zu Depression. Diese Veranlagung kann genetisch bedingt sein, das heißt Menschen, bei denen nahe Angehörige depressiv erkrankt sind, haben ein etwa zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko selbst zu erkranken, informiert die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Auch durch Traumatisierungen oder Missbrauchserlebnisse in der Kindheit kann diese Veranlagung erworben sein.

"Depression ist eine weitgehend eigenständige Erkrankung, die weniger von äußeren Faktoren abhängt, als meist vermutet", erklärt Hegerl - und deswegen werde es auch keine Depressions-Epidemie geben. Jemand, der eine Veranlagung dazu habe, könne jetzt vielleicht durch die Belastungen, durch die Maßnahmen gegen Corona, in die Krankheitsphase hineinrutschen. "Aber wer keine Veranlagung dazu hat, wird keine Depression kriegen."

Trotzdem gilt es, die Symptome ernst zu nehmen. Wer das Gefühl hat, an einer Depression erkrankt zu sein, sollte auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen. Erste Anlaufstelle kann der Hausarzt sein, aber besser ist es, direkt einen Facharzt aufzusuchen.

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Gefühl der Gefühllosigkeit trotz permanenter Anspannung

Neben der gedrückten Grundstimmung leiden depressive Menschen in der Regel unter Antriebsstörungen. Sie fühlen sich erschöpft und alles erfolgt wie gegen einen bleiernen Widerstand. "Menschen mit einer Depression sind erschöpft bei innerer Daueranspannung", erklärt Hegerl. Die Betroffenen sind oft nicht in der Lage, kleinste Entscheidungen zu treffen.

"Es gibt auch das 'Gefühl der Gefühllosigkeit', das heißt die Menschen geben an, dass sie keine Gefühle mehr wahrnehmen können, auch keine negativen, wie zum Beispiel Trauer", so Hegerl, "sie fühlen sich wie abgestorben und versteinert." Es bestehen Konzentrationsstörungen, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Hinzu kommen in den meisten Fällen Schlafstörungen oder Appetitmangel, oft verbunden mit Gewichtsverlust. Fast alle Patienten mit schweren Depressionen haben zumindest Suizidgedanken.

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Diese Sätze sollten Sie aufhorchen lassen

Armin Rösl ist Sprecher der Deutschen Depressionsliga (DDL), er erkrankte 2010 selbst an einer Depression. "Es liegt am Krankheitsbild der Depression, dass Betroffene mutlos und traurig sind. Das spiegelt sich in negativen Formulierungen wider. Bei Verdacht auf eine Depression lohnt es sich, genauer hinzuhören", erzählt er bei T-Online.de. Neben der Verwendung negativer Begriffe würden depressive Menschen oft plötzlich Dinge sagen, die sie vorher so noch nie oder nur selten gesagt haben. Und das immer wieder. "Es läuft sozusagen stets die gleiche Schallplatte", so Rösl. Sätze wie "Ich mag nicht mehr", "Ich habe keine Ahnung, was mit mir los ist", "Ich bin sehr müde" oder "Ich bin nichts wert" seien für die Erkrankung typisch.

Die Depression vergrößert alles Negative im Leben

Die mit dem Coronavirus verbundenen Ängste, Sorgen und Einschränkungen stellen für aktuell an Depression erkrankte Menschen eine besonders große Belastung dar, bestätigte uns Psychiatrie-Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe schon im April des vergangenen Jahres. Denn: In einer Depression werde alles Negative im Leben vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum gerückt, so auch die Sorgen und Ängste wegen des Coronavirus. "In der Depression fehlt zudem die Hoffnung und Energie, sich auf die drastischen Veränderungen im Alltag einzustellen", so Hegerl vor einem Jahr.

Und im November des vergangenen Jahres mahnte er in Bezug auf den zweiten Lockdown: "Wir haben 5,2 Millionen Betroffene in Deutschland. Und wenn von den Befragten mit Depressionen 56 Prozent sagen, ihre Versorgung habe sich verschlechtert und wichtige Behandlungen seien ausgefallen, dann ist das etwas, was Grund zu sehr großer Sorge ist."

Hilfe finden Betroffene und Angehörige hier:

• Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt
• deutschlandweites Info-Telefon Depression 0800 33 44 5 33 (kostenfrei)
• Wissen, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression unter www.deutsche-depressionshilfe.de
• fachlich moderiertes Online-Forum zum Erfahrungsaustausch www.diskussionsforum-depression.de
• Hilfe und Beratung bei den sozialpsychiatrischen Diensten der Gesundheitsämter
• Für Angehörige: www.bapk.de und www.familiencoach-depression.de