Robert Enke: "Ich spüre nichts mehr"

© dpa, Peter Steffen

10. November 2010 - 16:24 Uhr

"Liebe Terri, es tut mir leid"

Wenn ein schwarzes Loch alle Freude verschlingt, Stille zu schreien und jede Sekunde unerträglich scheint – geht einfach nichts mehr. So war es wohl auch bei Robert Enke.

"Wenn du nur einmal eine halbe Stunde meinen Kopf hättest, dann würdest du verstehen, warum ich wahnsinnig werde", hat er einmal zu seiner Frau Teresa gesagt. Es ist nur ein Satz von ganz vielen bewegenden Details, die hängen bleiben von der Biographie des verstorbenen Nationaltorwarts.

'Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben' von Ronald Reng verrät viel über das oft schwierige, aber nicht selten auch schöne Leben des einstigen Profis von Hannover 96. Es verrät auf 427 Seiten viel über den Profifußball. Und es versucht zu erklären, warum ein Fußball-Star, der scheinbar alles besaß, letztlich nur noch einen Ausweg aus diesem Leben kannte: den Selbstmord.

Eine der letzten Seiten beschreibt jenen 10. November 2009, als Teresa erfährt, dass ihr Mann den ganzen Tag unterwegs war, obwohl keine Trainingseinheit anstand. "Durchsuch sofort sein Zimmer, ob du einen Abschiedsbrief von ihm findest", sagt Manager und Freund Jörg Neblung am Telefon panisch. Teresa rennt die Treppe hoch ins Schlafzimmer, wischt die Zeitschriften vom Nachttisch, ein weißes Blatt fällt heraus. "Liebe Terri, es tut mir leid, dass..."

"Robert Enke hatte Depressionen"

Es ist ein Dienstagabend gegen halb sieben, als sich Robert Enke aus eigenem Willen an den Bahngleisen bei Eilvese in Niedersachsen das Leben nimmt. Zweieinhalb Kilometer von seinem Wohnhaus und nur wenige hundert Meter vom Grab seiner verstorbenen Tochter Lara entfernt, steigt er aus seinem schwarzen Mercedes, läuft noch ein paar Meter die Bahntrasse entlang, bevor er sich vor einen Regionalzug wirft.

Die Nachricht von seinem Tod schockt das ganze Land, lässt es erstarren. Niemand weiß so recht, wie er mit der Situation umgehen soll. Wie auch? "Wir müssen heute über ein Tabuthema in der Bundesliga sprechen. Robert Enke hatte Depressionen", sagt ein Sprecher von Hannover 96 bei der Pressekonferenz. Neben ihm auf dem Podium sitzt Teresa Enke. Nur 17 Stunden nach dem Tod ihres Mannes will sie über die Wahrheit sprechen. Die Wahrheit, die sie jahrelang für sich behalten musste.

"Robert hatte panische Angst. Angst davor, dass etwas ruchbar wird, dass alles herauskommt und er als Spieler und Mensch nicht mehr stattfinden würde", sagt Teresa mit Tränen in den Augen. Vor allem Adoptivkind Leila, das seit rund sechs Monaten Enkes Lebensmittelpunkt neben dem Sport bildete, hätte man ihnen wieder wegnehmen können, so die Angst von Enke. "Doch das ist gar nicht wahr", ruft sie verzweifelt.

Die Biographie, sie ist auch die Geschichte einer unglaublich starken Frau. Immer wieder fragt man sich beim Lesen: Wie schaffte es Teresa Enke nur ihren Robert ein ums andere Mal aus dem schwarzen Loch herauszuholen? Am Ende des Buches, zu der Zeit, als die Depression bei Enke das zweite Mal ausgebrochen war, beschreibt Reng, wie Teresa ihn zu jedem Training bei Hannover 96 begleitete. Wie sie ihn am Platz anfeuerte oder zwei Stunden lang im Auto saß und auf ihn wartete. Aus Angst Robert könnte sich etwas antun, wollte sie ihn nicht mehr alleine lassen.

Lesen Sie auf Seite 2: Enkes zweite Depressions-Phase - "Ich denke an S."

"Ich habe nur noch Angst"

Nationaltorwart Robert Enke hatte sich am 10.11.2009 im Alter von 32 Jahren das Leben genommen. Er litt unter Depression.
Nationaltorwart Robert Enke hatte sich am 10.11.2009 im Alter von 32 Jahren das Leben genommen. Er litt unter Depression.
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Angefangen hatte die Depression bei Robert Enke 2003. Er war nach drei glücklichen und erfolgreichen Jahren bei Benfica Lissabon zum FC Barcelona gewechselt. Doch unter dem heutigen Bayern-Trainer Louis van Gaal scheiterte der Torwart. "Er hat im ganzen Jahr nie mit mir geredet", schreibt Enke in seinen 'Depri-Ordner', wie er sein Tagebuch nennt.

Er geht dort zum ersten Mal zu einem Psychologen und Psychotherapeuten, wechselt kurz darauf zu Fenerbahce Istanbul, löst dort schnell seinen Vertrag auf. "Ich habe nur noch Angst", sagt er zu seinem Torwarttrainer Eike Immel. Er lässt sich behandeln.

Sportlich kommt Enke beim spanischen Zweitligisten Deportivo Teneriffa wieder auf die Beine, ehe er bei 96 in der Bundesliga die Nummer 1 wird und mit 29 Jahren doch noch bis in die Nationalmannschaft durchstartet. Seine Teresa wird schwanger. 2006 wird Tochter Lara herzkrank geboren und stirbt im Alter von nur zwei Jahren nach einer Ohrenoperation. Schon sechs Tage später steht Enke wieder zwischen den Pfosten.

"Ich habe geschaut, wo ich mich umbringen könnte"

Die zweite Depressions-Phase kommt 2009 – unvermittelt. Am 3. September 2009 schreibt Enke in sein Tagebuch: "Scheint alles sinnlos zu sein. Fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Denke an S." Das "S." steht für Selbstmord. Zu seinem Berater und Freund Jörg Neblung sagt Enke am Telefon: "Ich spüre nichts mehr. Keine Nervosität, keine Freude, nichts." Alles ist eine große Anstrengung für den damals 32-Jährigen, selbst die Wahl zwischen Pflaumen- oder Käsekuchen bei einem Kindergeburtstag.

"Robbi", sagt später sein Freund Marco Villa, hatte zwei Träume: "Die Weltmeisterschaft und sich outen. Und er wusste, beides ging nicht." Enke nimmt Stimmungsaufheller, kommt aber bei einem Nationalmannschafts-Lehrgang kaum aus dem Bett. Er fährt stundenlang durch Köln, sein Handy ist ausgeschaltet. Teresa erreicht ihn erst um 23.30 Uhr. "Ich habe geschaut, wo ich mich umbringen könnte", sagt Robert auf die Frage, wo er gewesen sei. Er weigert sich einweisen zu lassen: "Ich bin Nationaltorwart, ich kann doch nicht in eine Klinik gehen."

Enke lebte seit Beginn seiner Fußballerkarriere mit der Angst Fehler zu machen. Fehler, die über seine zukünftige Karriere entscheiden könnten. Er kämpfte um Anerkennung und selbst wenn er bejubelt wurde, hatte er das Gefühl, nie gut genug zu sein.

"Wie lebt es sich mit Depressionen oder nur mit der Ahnung, sie könnten jeden Moment wiederkommen? Mit der Angst vor der Angst? Die Antworten wollte Robert Enke gerne selber geben. Er wollte dieses Buch schreiben, nicht ich", schreibt Reng in der Biographie. Doch dazu kam es nicht.

(Tamara Lux)