Top-Virologe Hendrik Streeck schätzt die Lage ein

Corona-Lage in China eskaliert! Müssen wir uns Sorgen machen?

China, Peking: Ein Patient wird in die Fieberklinik eines Krankenhauses gebracht. Die Gesundheitskommission meldete am Montag (19.12.2022) nur zwei Covid-Tote. Nach ausländischen Presseberichten verzeichnen Krematorien in Peking allerding
In China droht die Situation aufgrund der Corona-Lockerungen völlig aus dem Ruder zu laufen.
AW alf, dpa, Andy Wong

von Vera Dünnwald

Mit Schrecken blickt die Welt derzeit nach China, einige Bilder in den sozialen Netzwerken erinnern an das Corona-Jahr 2020 und an Städte wie Bergamo und New York, die besonders viele Corona-Tote zu verzeichnen hatten. Hintergrund: Das chinesische Regime hatte erst vor wenigen Wochen seine harte Null-Covid-Strategie aufgeben, die Konsequenz: Nach den Lockerungen infizieren sich immer mehr Menschen mit dem Virus, viele sterben, und die Krankenhäuser geraten an ihre Grenzen.

Angesichts dieser Entwicklungen drängt sich bei vielen die Frage auf, ob wir uns auch in Deutschland ernsthaft Sorgen machen müssen. Könnte hierzulande eine ähnliche Situation entstehen? Wir haben beim Top-Virologen Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Bonn, nachgefragt.

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Hohe Infektionszahlen, überlastete Krankenhäuser: Corona hat China fest im Griff

Nach Angaben der Nationalen Gesundheitskommission verzeichnet China 2.722 neue Corona-Fälle mit Symptomen im Vergleich zum Vortag (19. Dezember 2022), die Gesamtzahl der offiziell übermittelten Corona-Toten steigt auf 5.242 insgesamt. Aber es gilt auch festzuhalten: Nach den jüngsten Lockerungen der Maßnahmen werden landesweit weniger Tests durchgeführt, die offiziellen Zahlen geben daher derzeit kein zuverlässiges Bild über die Lage in China.

Schenkt man den Bildern in den sozialen Netzwerken Glauben, wird schnell klar: Die Lage scheint noch dramatischer. Bilder von Leichen, die sich auf Krankenhausfluren stapeln, machen die Runde. Ausländischen Presseberichten zufolge sollen Krematorien in Peking einen starken Anstieg von Toten verzeichnen – zum Teil vier- bis fünf Mal so viel wie normalerweise.

Nachdem Maßnahmen wie Lockdowns, Zwangsquarantäne und Massentests von der kommunistischen Regierung für beendet erklärt worden waren, explodierten die Infektionszahlen, Krankenhäuser erleben nun einen Ansturm, Menschen werden reihenweise krank. Viele Geschäfte, Restaurants oder Unternehmen in Peking sind geschlossen, weil Mitarbeiter fehlen. Behörden rufen die Bürger dazu auf, nicht in die Hospitäler zu strömen und die Krankheit möglichst zu Hause auszukurieren.

Die Kehrtwende in der Corona-Strategie wurde von China damit begründet, dass die neuen Omikron-Varianten weniger ansteckend seien.

Welche Auswirkungen könnte das auf uns in Deutschland haben?

Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Bonn, steht in einem Labor seines Institutes. Der Virologe rechnet mit einem Anstieg von Infektionserkrankungen, wenn im Winter vie
Virologe Hendrik Streeck erklärt im RTL-Interview, dass man die Situation in China erst einmal beobachten müsse.
dpa, Rolf Vennenbernd

Was genau hat das für uns hier in Deutschland zu bedeuten? Schwappt jetzt eine neue Corona-Welle aus China zu uns rüber? „Wir müssen das beobachten, aber uns keine Sorgen machen“, erklärt Streeck. „Natürlich steigen die Infektionszahlen in China jetzt an, nachdem die Maßnahmen fallen gelassen wurden.“ Der Grund: Das Virus treffe eine immunnaive Bevölkerung, sprich eine Bevölkerung, die kaum Immunabwehr hat, sodass es logisch sei, dass es zu mehr Ansteckungen kommt. „Das ist erst mal nichts Ungewöhnliches“, so der Virologe.

Aus epidemiologischer Sicht müsse die Situation jedoch weiter beobachtet werden: „Wenn rund 1,5 Milliarden Chinesen, also ein großer Teil der Bevölkerung, bisher noch keinen Kontakt mit dem Virus hatte, besteht die Möglichkeit, dass sich neue Varianten entwickeln könnten.“ Sollte dies geschehen, geht Hendrik Streeck allerdings davon aus, dass es sich eher um eine mildere Variante handeln könnte, wie zum Beispiel der dort derzeit vorherrschende Omikron-Subtyp BF.7. „Auch wenn eine solche Variante nicht mehr so weit in die Lunge und tiefen Atemwege rückt, würde es in China Menschen treffen, die eben noch nicht mit dem Virus in Berührung gekommen sind. Selbst ein relativ harmloses Virus kann dann für ältere Leute tödlich sein.“

Wie viele Menschen tatsächlich sterben werden, sei aufgrund der schwierigen Datenlage aus China schwer einzuschätzen: „Es herrscht eine große Diskrepanz zwischen dem was man aus offizieller Quelle weiß und dem was man auf Social Media sieht. Man muss beides mit Vorsicht genießen und nicht in Panik verfallen.“ Hierzulande habe Streeck keine allzu großen Bedenken: „Wir müssen die Situation weiter beobachten und ernst nehmen. In Deutschland haben wir derzeit eine Variantensuppe, aber auch eine hohe Immunität in der Bevölkerung. Selbst wenn eine neue Variante kommen sollte, werden wir noch immer eine Teilimmunität in der Bevölkerung haben.“ Lediglich die Wahrscheinlichkeit, sich erneut zu infizieren, steige dann wieder, sagt der Virologe im RTL-Interview.

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Wie geht es in China weiter?

Epidemiologen erwarten, dass bis Mitte März drei Infektionswellen durch das bevölkerungsreichste Land der Erde rauschen werden:

  1. Die jetzige erste Welle werde bis Mitte Januar dauern und vor allem die städtischen Gebiete betreffen, sagte der Chef-Epidemiologe des Gesundheitsamtes, Wu Zunyou, laut Staatsmedien.
  2. Die zweite Welle erwartet der Experte bis Mitte Februar mit der Reise-Zeit um das chinesische Neujahrsfest am 22. Januar, wenn viele Millionen Chinesen traditionell in ihre Heimatdörfer reisen.
  3. Mit der Rückkehr der Reisenden sei dann die dritte Welle von Ende Februar bis Mitte März zu erwarten, sagte Wu Zunyou.

(mit dpa)

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