Leben wie in einem Konzentrationslager

Alexej Nawalny: Diese harten Haftbedingungen drohen ihm im Straflager IK 2

Es ist amtlich: Kremlgegner Alexej Nawalny wurde nun in eines der gefürchteten Haftanstalten Russlands gebracht, dass Ähnlichkeit mit einem KZ aufweist.
Es ist amtlich: Kremlgegner Alexej Nawalny wurde nun in eines der gefürchteten Haftanstalten Russlands gebracht, dass Ähnlichkeit mit einem KZ aufweist.
© dpa, Uncredited, AZ aju flm

17. März 2021 - 12:13 Uhr

Nawalny in gefürchtetes Straflager verlegt: Zustände wie in einem KZ

Nach drei Tagen der Ungewissheit steht fest: Alexej Nawalny ist in das berüchtigte Straflager IK 2 verlegt worden. Die Kolonie gehört zu den gefürchtetsten Haftanstalten Russlands. Ehemalige Häftlinge berichten über perfide psychische Folter und physische Misshandlungen.

Angst um Russlands Oppositionspolitiker Alexej Nawalny wird zur Realität

Ein Polizeiwagen mit dem russischen Oppositionsführer Alexej Nawalny wird vor Beginn des Prozesses von weiteren Polizeifahrzeugen eskortiert.
Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny muss für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis.
© dpa, Alexander Zemlianichenko, SG pat

Seine Anhänger und Unterstützer haben es befürchtet. Nun ist aus der Furcht eine Tatsache geworden: Alexej Nawalny befindet sich in einem der brutalsten Straflager Russlands. Wenn es nach dem Willen der russischen Justiz geht, wird der führende Oppositionspolitiker des Landes die nächsten zweieinhalb Jahre seines Lebens in der Justizvollzugskolonie Nr. 2 der Föderalen Strafvollzugsbehörde der Region Wladimir, kurz IK 2 oder Pokrowskaja-Kolonie genannt, verbringen.

Nachdem weder seine Angehörigen noch Juristen drei Tage lang über seinen Aufenthaltsort im Bilde waren, teilte Nawalny am vergangenen Montag über seine Anwälte mit, dass er in das berüchtigte Gefängnis verlegt wurde. "Grüße an alle aus dem Sektor der besonderen Kontrolle A. Ich muss zugeben, dass mich das russische Gefängnissystem überrascht hat. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es möglich ist, ein echtes Konzentrationslager nur 100 Kilometer von Moskau entfernt, zu errichten", ließ er die Welt in der ihm eigenen lakonischen Manier wissen.

Den Anwälten Nawalnys war es nach mehreren Stunden Wartezeit gelungen, zu ihrem Mandanten vorgelassen zu werden. "Heute haben wir uns mit ihm getroffen. Er ist jetzt in Quarantäne", teilte die Anwältin Olga Mikhailowa laut der Nachrichtenagentur Interfax mit. Außer Nawalny befänden sich fünf weitere Gefangenen in der sogenannten Quarantäne, die für alle Neuankömmlinge vorgeschrieben ist. Nach zwei Wochen werde der Politiker in die allgemeine Zone der Haftanstalt verlegt, erklärte sein Anwalt Wadim Kobzew weiter.

Die Mitarbeiter der Kolonie würden höflich und ausschließlich unter Beobachtung von Videokameras mit dem Politiker kommunizieren, berichtete Mikhailowa. Da Nawalny als fluchtgefährdet eingestuft ist, werde er ständig überwacht. "Er wird tagsüber alle zwei Stunden und nachts jede Stunde kontrolliert und auf Kamera aufgenommen", sagte die Anwältin. "Nachts wache ich jede Stunde auf, weil ein Mann in einer Militärjacke neben meinem Bett steht. Er filmt mich sagt für die Kamera: Zwei Uhr, dreißig Minuten, verurteilter Nawalny. [...] Vor Ort.' Und dann schlafe ich beruhigt mit dem Gedanken wieder ein, dass es Menschen gibt, die an mich denken und mich niemals aus den Augen lassen werden. Großartig, nicht wahr?", beschrieb Nawalny das Kontroll-Prozedere sarkastisch.

Belege für Nawalnys Aufenthaltsort

Neben der Aussagen der Anwälte bestätigt auch ein Brief des 235. Garnisonsgerichts in Moskau den Aufenthalt Nawalnys in IK 2. In dem Schreiben, dass die Mitstreiter der Galionsfigur der russischen Opposition veröffentlich haben, wird der Leiter der Pokrowskaja-Kolonie gebeten, die Teilnahme des Politikers an einer Gerichtssitzung am 16. März per Videoschalte sicherzustellen. Die Teilnahme lehnte Nawalny jedoch am Dienstag ab.

Außerdem gelang es Journalisten der unabhängigen Online-Zeitung "Open Media", Geld auf ein Konto von IK 2 zu überweisen, das dem Politiker persönlich zugeordnet ist. Dies ist nur möglich, wenn sich ein Häftling tatsächlich in der Kolonie befindet. 1312 Rubel (umgerechnet ca. 15 Euro) überwiesen die Journalisten, wie Kontoauszüge belegen. Anfang März sei eine Überweisung noch gescheitert. "Weil er da noch nicht bei uns war", erklärte die Buchhaltungsabteilung der Haftanstalt den Reportern. "Aber jetzt ist alles in Ordnung."

Jedem Gefangenen steht in russischen Haftanstalten ein persönliches Konto zu. Hier wird das Geld eingewiesen, dass durch die Arbeit in den Straflagern verdient wird. Aber auch Angehörige können kleine Summen überweisen. Von dem Geld können die Häftlinge Einkäufe in dem Gefängnis-Geschäft finanzieren, Schokolade oder Zigaretten bestellen, oder für die Nutzung von Elektrogeräten (Radio, Fernsehen) bezahlen. Bargeld ist hingegen verboten.

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Psychische Folter, physische Misshandlungen und strengstes Regime

Das Straflager in der Kleinstadt Pokrow, rund 200 Kilometer östlich von Moskau, ist eine der am meisten gefürchteten Haftanstalten in Russland. Ehemalige Häftlinge berichten von psychischer Folter, physischer Misshandlungen und strengstem Regime.

Auch der rechtsextreme Dmitrij Demuschkin saß in der Pokrowskaja-Kolonie seine Strafe ab. 2017 wurde er "wegen Anstiftung zu Hass und Feindseligkeit" zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. "Manche Verurteilte schlitzen sich den Bauch oder schneiden sich die Pulsadern auf, nur um nicht in dieser Kolonie zu landen", erzählte er in einem Interview mit dem unabhängigen TV-Sender Dozhd. Die Haftanstalt diene zwei Zwecken: Die Häftlinge psychisch zu brechen und sie vollkommen von der Außenwelt zu isolieren. "Die Pokrowskaja-Kolonie ist die brutalste in Russland", so Demuschkin.

Aus diesem Grund würden die Häftlinge oft auch nicht über ihre Verlegung in diese Haftanstalt informiert werden. Eine Methode, die offenbar auch im Fall von Nawalny zur Anwendung gekommen ist.

Ex-Häftlinge berichten von psychischer Folter

Die sogenannte Quarantäne im Spezial-Sektor der Haftanstalt wird am meisten gefürchtet. "Hier muss man den ganzen Tag stehen, die Hände auf dem Rücken, den Kopf nach unten geneigt", erzählte Demuschkin. "Man darf sich nicht bewegen, man darf nicht reden, man darf nicht einmal zur Seite schauen oder sich die Nase kratzen." Alternativ könne einem befohlen werden, den ganzen Tag im Sitzen zu verbringen: Beine zusammen, Hände auf dem Schoß und Kopf nach unten. Wegen dieser Praktiken werde in der Kantine kein Salz dem Essen zugesetzt. "Damit die Beine nicht noch mehr anschwellen als ohnehin schon."

Acht Monate verbrachte Demuschkin in diesem Spezial-Sektor. Physische Folter habe er nicht ertragen müssen. Dies stehe nach seiner Ansicht auch Nawalny nicht bevor. "Ihm wird es viel schlimmer ergehen", warnte er jedoch. "Ich habe das ein oder andere Mal gedacht, dass es besser gewesen wäre, man hätte mich wie all die anderen geschlagen." Die psychische Folter sei viel schwerer zu ertragen. "Versuchen Sie mal 48 Stunden lang kein einziges Wort zu sagen, und Sie werden sehen, wie sich ihre Persönlichkeit deformiert. Oder versuchen Sie, acht Stunden ohne Unterbrechung zu stehen."

"Unser freundliches Konzentrationslager"

In seiner Botschaft versicherte Nawalny tatsächlich, dass er bislang keine Gewaltanwendungen erlebt oder Hinweise auf solche Praktiken gesehen habe. Aber "aufgrund der angespannten Haltung der Sträflinge, die Angst haben, auch nur den Kopf zu drehen, glaube ich die Geschichten gern, dass hier in IK 2 noch bis vor Kurzem Menschen mit Holzhämmern fast zu Tode geprügelt wurden", so Nawalny.

"Nun haben sich die Methoden geändert, und um ehrlich zu sein, erinnere ich mich an keinen Ort, wo alle so höflich – um nicht zu sagen freundlich – miteinander sprechen", erklärte der 44-Jährige. Sein "neues Zuhause" nenne er daher "unser freundliches Konzentrationslager".

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So läuft der Alltag im Straflager ab

Der Alltag in der Haftanstalt ist geprägt von absoluter Kontrolle. Auch das Leben außerhalb des Spezial-Sektors ist einem strengen Regime unterworfen: 60 Mann pro Zelle. Zwei Quadratmeter pro Häftling. Ein Platz in einem zweistöckigen Bett, ein Nachttisch, ein Stuhl. Einmal in der Woche ist der Besuch der Duschräume und der Kirche gestattet.

"Man steht um 6 Uhr morgens auf und geht um 22 Uhr ins Bett", berichtete der Aktivist Konstantin Kotow über den Alltag in der Haftanstalt im Gespräch mit dem Stab von Nawalny. Er verbrachte mehr als anderthalb Jahre in der Kolonie und wurde im Dezember 2020 freigelassen. Kotow war 2019 bei einer Protestaktion der russischen Opposition in Moskau festgenommen und später wegen angeblicher Verstöße "gegen das festgelegte Verfahren zur Organisation oder Abhaltung von Protesten, Demonstrationen oder Streiks" verurteilt worden.

"Morgens und abends wird zum Appell angetreten", erzählte Kotow. In der Zwischenzeit schuften die Insassen. "Es gibt eine Nähproduktion, eine Werkstatt zur Holzbearbeitung, eine Lackiererei, eine Montagewerkstatt. In der restlichen Zeit muss jeder fernsehen. Wenn du dabei einschläfst, wirst du umgehend geweckt", so der 36-Jährige. Das staatliche Fernsehprogramm sei Pflicht.

Freizeit ist in der Kolonie ein Fremdwort. "Mit viel Glück bekommen man eine Stunde zugebilligt, in der man vielleicht ein Buch lesen kann. Doch politische Gefangene bekommen diese Freiheit nicht", berichtete der Stab von Nawalny.

Politische Häftlinge in totaler Isolation

Kommunikation zur Außenwelt gebe es so gut wie keine. Eine Viertelstunde in der Woche bekommen die Insassen, um Briefe zu schreiben. "Dabei schaut dir permanent ein Aufseher über die Schulter. Wenn ihm etwas nicht gefällt, das du schreibst, wird der Brief schlichtweg zerrissen", erzählte Demuschkin.

Briefe aus der Außenwelt erhalten die Insassen höchst selten. So manches Mal habe er auf einen Brief aus Moskau einen Monat lang warten müssen, erzählte Kotow. Telefonate seien höchstens alle zwei Wochen gestattet, wobei diese Möglichkeit mit jeden erdenklichen Mitteln verzögert oder verhindert werde.

Für politische Gefangene gelte eine noch strengere Isolation, berichtet seine Anwältin Maria Eismont. Den Mithäftlingen wird verboten mit diesen Insassen zu sprechen. "Das heißt: Die 50 bis 60 Männer, mit denen du dir eine Baracke teilst, reden kein Wort mit dir. Und dieses Verhalten entspringt offensichtlich nicht dem eigenen Unwillen, sondern aufgrund eines Verbots von oben", so Eismont im Gespräch mit den unabhängigen Medien Dozhd und "Open Media". "Dort wird alles getan, um politische Gefangene zu isolieren. Mit Kotow durften nur ein oder zwei Sträflinge reden." Von der totalen Isolation politischer Häftlinge berichtete auch Demuschkin. Diejenigen, die sich bei der anfänglichen Befragung negativ über Wladimir Putin äußerten, würden besonders brutal behandelt.

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Verlegung von Alexej Nawalny versetzt Häftlinge in Unruhe

Seit die Leitung der Haftanstalt vor einiger Zeit wechselte, sollen die schlimmsten physischen Misshandlungen ein Ende gefunden haben. Doch die Verlegung Nawalnys versetzt die Insassen in Unruhe. Sie befürchten, dass das Regime verschärft werden könnte. "Häftlinge haben Angst vor dem Unbekannten, nicht alle sind froh über die Ankunft Nawalnys", berichtete einer der aktuellen Insassen gegenüber der Stiftung "Russland hinter Gittern". "Ihr Leben ist gerade besser geworden und nun geht die Angst um, dass die Schrauben wieder angezogen werden."

Hinweis: Dieser Artikel von Ellen Ivits erschien zuerst an dieser Stelle bei stern.de.