Putins Widersacher soll im Luxus leben

Russlands Propagandisten erdichten Alexej Nawalny eine Protz-Villa

Alexej Nawalny hat sich zum russischen Staatsfeind Nr. 1 katapultiert.
Alexej Nawalny hat sich zum russischen Staatsfeind Nr. 1 katapultiert.
© dpa, Moscow City Court Press Service, SG htf

16. Februar 2021 - 11:40 Uhr

Mit seinem Enthüllungsvideo hat Alexej Nawalny offenbar großen Schaden in Russland angerichtet

Während Alexej Nawalny sich in Moskau einem Prozess nach dem anderen stellen muss, bemüht sich der Kreml weiter verzweifelt, den Schaden zu begrenzen, den der Oppositionspolitiker zuletzt mit seinem Enthüllungsfilm über Wladimir Putins Palast, den er sich offenbar am Schwarzen Meer erbauen ließ, angerichtet hat. Allein auf dem offiziellen Youtube-Kanal von Nawalny haben in den vergangenen vier Wochen mehr als 112 Millionen Menschen das imperialistische Interieur aus Gold und Marmor bestaunt, das den Protzbau geschmückt hat – bis es nun wegen Schimmelbefalls rundum erneuert werden muss.

Putins Beteuerungen, der Palast gehöre nicht ihm, und das Lippenbekenntnis seines Freundes aus Kindheitstagen Arkadij Rotenbergs, der sich zum "Nutznießer" des Anwesens erklärt hat, verhallen scheinbar ungehört. Und so greift der Kreml wieder einmal auf eine Strategie zurück, die bereits seit Jahrzehnten im Einsatz ist: Wenn es nicht gelingt, das eigene Image aufzupolieren, muss man das des Gegners schädigen, so die Devise.

Propagandisten aus dem russischen Staatsfernsehen versuchen Kreml-Kritiker Alexej Nawalny zu diskreditieren

Der neueste Streich der Kreml-Propagandisten trägt den Titel "Das deutsche Leben Nawalnys: eine Villa in der prestigeträchtigsten Gegend Freiburgs". Für diesen Beitrag verschaffte sich ein Team des Staatssenders "Rossija 1" Zutritt zu der Wohnung, die Nawalny im vergangenen Jahr in Deutschland bewohnt hat, während er sich von dem Attentat mit dem Nervengift Nowitschok erholte.

Genüsslich präsentieren die Macher den "Luxus", in dem Nawalny angeblich geschwelgt hat, führen durch die Räumlichkeiten, mokieren sich über eine Obstschale und eine Flasche Wein, die wie sich herausstellt 2,50 Euro kostet, schauen im Bad vorbei und halten eine Klobürste in die Kamera – in Anspielung auf die mittlerweile legendären Exemplare zum Einzelpreis von 700 Euro auf dem Anwesen Putins.

Die Seitenhiebe Richtung Alexej Nawalny halten weiter an

Putins angeblicher Protz-Palast an der Schwarzmeerküste in der Nähe der Stadt Gelendschik.
Putins angeblicher Protz-Palast an der Schwarzmeerküste in der Nähe der Stadt Gelendschik.
© dpa, Uncredited, AZ jjk jai

Die Reporterin des Staatssenders, Anastasia Popowa präsentiert den Zuschauern "zwei luxuriöse Schlafzimmer mit Terrasse", eine eigene Küche "mit Kaffeemaschine" und "ein eigenen Dreckraum", in dem ein Staubsauger steht. "Keine Villa kommt ohne ein eigenes Zimmer für Dreck aus", kommentiert sie bissig – ebenfalls eine Anspielung auf die Enthüllungen Nawalnys über den Putin-Palast, der laut Grundriss über einen 18 Quadratmeter großen "Dreckraum" verfügt. Eine Whirlpool-Badewanne wird zum Inbegriff des ausschweifenden Lebensstils des Oppositionspolitikers – oder besser gesagt Bloggers, wie Nawalny abwertend in den russischen Staatsmedien bezeichnet wird – stilisiert.

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30.000 Euro soll der Aufenthalt in dieser Wohnung gekostet haben, behaupten die Kreml-Propagandisten, offenbar von dem Tagespreis ausgehend, für den das Apartment in Freiburg über Booking.com als Ferienwohnung angeboten wird. Fast zwei Monate soll Nawalny in der Wohnung zu einem Preis von 530 Euro gewohnt haben, heiß es in dem Beitrag, der unter anderem auch im Rahmen des beliebten Format "Nachrichten der Woche" am vergangenen Wochenende ausgestrahlt wurde, moderiert von einem der wichtigsten Propagandisten des Kremls Dmitri Kiselew.

Eine glatte Lüge, sagte Nawalnys Mitstreiter und Direktor des Anti-Korruptions-Fonds (FBK) Leonid Wolkow in einem Interview mit dem unabhängigen TV-Sender "Dozhd". 15.580 Euro für sechs Wochen habe man an Miete bezahlt, weil man für einen langen Aufenthalt einen Sonderpreis ausgehandelt habe. Beglichen wurde die Rechnung von dem in London lebenden Geschäftsmann Jewgeni Chichwarkin, der diese Summe gegenüber dem Wirtschaftsmagazin RBK bestätigte.

Unterdessen soll sich der Besitzer des Apartments an die deutsche Polizei gewandt haben, berichtete Wolkow. Auch die belgischen Behörden sollen informiert sein, da die Reporterin Popowa durch eine Ehe die belgische Staatsbürgerschaft besitzt. Das Kamerateam von "Rossija 1" habe nach Darstellung des Besitzers sich als Interessenten ausgegeben und sich so Zutritt zu der Wohnung verschafft. Gefilmt wurde zudem offenbar ohne die Einwilligung des Besitzers mit versteckter Kamera, was illegal ist. Ebenso die nicht genehmigten Drohnenaufnahmen von außen. "Er schämt sich sehr für diese Geschichte", sagte Wolkow, der mit dem Eigentümer in Kontakt steht.

Die gewünschte Wirkung bleibt aus: Kreml-Propagandisten ernten Hohn und Spott auf Social Media

Die Führung der Kreml-Propagandisten durch die "Villa Nawalnys" entfaltet jedoch nicht die erhoffte Wirkung. In den sozialen Netzwerken hagelt es Spott – mal wieder.

"Ich brülle vor Lachen", schrieb etwa eine Nutzerin auf Twitter. "Zwei Sofas, ein Fernseher, eine Schale mit Obst auf dem Tisch, eine Küche mit Kaffeemaschine. Nun ja, anscheinend sollten die Russen beim Anblick eines solchen Reichtums erbleichen."

"Keine abgeschabten Wände, keine undichte Decke, kein Schimmel. Wie es sich herausstellt, lebte Nawalny luxuriöser als Putin", schrieb ein anderer in Anspielung auf die im Staatsfernsehen präsentierten Aufnahmen, die den Palast im Status eines Rohbaus präsentiert hatten.

"Das ist regelrecht ein neues Genre des Journalismus: Den Spuren des unbekannten Bloggers Nawalny folgen und die Toilettenschüssel nach seinem Besuch besehen", kommentierte ein dritter Nutzer den Beitrag.

Andere vergleichen ihre eigenen Apartments mit dem Mietobjekt. "Ich habe mir mal meine Gemächer angesehen. Was kann ich sagen: Eine Toilettenbürste habe ich. Keine Kaffeemaschine. Aber dafür habe ich eine Flasche Champagner für 125 Euro gefunden! Wann kommt "Rossija 1" zu mir, um eine Geschichte über einen Agenten des US-Außenministeriums zu drehen?", schrieb ein Nutzer ironisch und griff damit das Mantra des Kremls auf, Nawalny sei ein Agent der USA.

Im russischen Staatsfernsehen ist Alexej Nawalny stets Thema Nr. 1

Auch wenn der erneute Versuch, Nawalny zu diskreditieren, den stümperhaften Charakter seiner Vorgänger trägt, zeigt er doch deutlich, als welch eine Gefahr Nawalny im Kreml empfunden wird. Es ist noch nicht lange her, als die Existenz Nawalnys ignoriert oder geleugnet wurde. Nun ist er – zumindest im russischen Staatsfernsehen zum Thema Nr. 1 aufgestiegen. Auch wenn Putin sich weiter partout weigert, seinen Widersacher beim Namen zu nennen. Nawalny bleibt sein Voldemort.

Hinweis: Dieser Artikel von Ellen Ivits erschien zuerst an dieser Stelle bei stern.de.