Feuer-Katastrophe in Crans-Montana„Absolut falsch” – Anwälte der Todesbar-Betreiber weisen Vorwürfe zurück

Nach dem tödlichen Brand in Crans-Montana
Die Morettis in Begleitung ihres Anwalts auf dem Weg zu einer Befragung am 9. Januar (Archivbild)
Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

Welche Schuld trifft die Morettis?
Am Silvesterabend bricht in Crans Montana ein Flammeninferno in einer Bar aus. 40 überwiegend junge Menschen sterben, 116 werden teilweise schwer verletzt. Das Betreiberpaar Jacques (49) und Jessica Moretti (40) muss sich mit schweren Vorwürfen auseinandersetzen – nun haben ihre Anwälte erstmals in einem Interview dazu Stellung genommen.

40 Tote durch Silvestertragödie in der Schweiz

Das Inferno in der Schweizer Bar „Le Constellation” beginnt gegen 1.30 Uhr am Neujahrsmorgen, ausgelöst durch eine funkensprühende Partyfontäne. Sie setzt nach bisherigen Erkenntnissen schallisolierenden Schaumstoff an der Decke in Brand. Das Feuer breitet sich rasend schnell aus. Jessica Moretti sei laut ihres Anwalts Yaël Meier, der die tragische Nacht im Interview mit dem Westschweizer Fernsehen RTS schildert, eine der Ersten gewesen, die die Flammen bemerkt hätten. Sie sei die Treppe hinaufgestürmt und habe die Feuerwehr alarmiert.

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Genau diese Treppe ist bei Umbauarbeiten des „Le Constellation” im Jahr 2015 verkleinert worden, wie Social-Media-Beiträge belegen. Und genau sie wird offenbar zur tödlichen Falle für viele Feiernde in der Silvesternacht: Wie Il Giornale berichtet, seien hier die meisten der Leichen gefunden worden. 34 von 40 Toten. Anwältin Nicola Meier sagt im Hinblick auf die schmalere Treppe: „Die Morettis entschieden nicht über die Größe der Treppe oder über die Anzahl der Notausgänge. Es waren Normen, die ihnen auferlegt wurden.“ Wie verschiedene Kontrollen der Gemeinde gezeigt hätten, hätten sie diese eingehalten.

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Notausgang im „Le Constellation” versperrt?

Die zweigeschossige Bar „Le Constellation„ befindet sich im Erdgeschoss und im Keller eines Wohngebäudes und ist zugelassen für 300 Besucher sowie 40 weitere Personen auf der Terrasse, wie es auf der Website von Crans-Montana hieß. Mehrere Zeugen berichteten, dass es nur eine einzige Treppe zwischen dem unterirdischen Veranstaltungsraum, wo das Feuer ausbrach, und dem Erdgeschoss gab. Nach Angaben der Morettis waren zwei Notausgänge in den Räumlichkeiten vorhanden: einmal der Hauptausgang und ein zweiter Notausgang im Keller gegenüber der Toiletten, berichtet Blick.

„Wir möchten auf eine Verwirrung hinweisen”, erläutert Morettis Anwältin Nicola Meier im Gespräch mit RTS: „Im Untergeschoss befand sich ein Notausgang. Und im Erdgeschoss befand sich neben der Eingangstür eine sogenannte Servicetüre. Es wurde behauptet, Jacques Moretti habe bestätigt, dass der Notausgang im Untergeschoss geschlossen war. Das ist absolut falsch. Herr Moretti konnte eine solche Hypothese nie bestätigen. Der Notausgang war mit einem Panikgriff ausgestattet, den man nicht schließen kann.”

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Der Notausgang im Untergeschoss soll nach Zeugenaussagen versperrt gewesen sein. Belegt wird dies wohl auch durch ein Foto. Die Anwälte der Morettis fordern, dass geprüft wird, wann dieses Foto tatsächlich entstanden ist. Sie glauben nicht, dass der Notausgang nicht nutzbar gewesen sei.

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Polizei ermittelt gegen Jacques und Jessica Moretti

Morettis Anwälte erklären im Interview mit dem Westschweizer Fernsehen RTS, der von dem Jacques beim Umbau verwendete Schaumstoff war für „öffentliche Einrichtungen bestimmt”, danach habe sich Moretti beim Händler erkundigt. Der 49-Jährige gibt später bei Vernehmungen der Polizei an, er habe mit dem Dämmmaterial Tests durchgeführt. Das bestätigt sein Anwalt Patrick Michod: „Dieser hat seiner Meinung nach gezeigt, dass keine Gefahr vom Schaumstoff ausgeht.”

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Die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft zu der Silvestertragödie und welche Rolle das Betreiberpaar darin spielt, dauern an. Gegen Jacques und Jessica Moretti wird wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und Körperverletzung ermittelt. Wegen Fluchtgefahr sitzt der 49-Jährige in Untersuchungshaft. Die Französin Jessica Moretti darf die Schweiz nicht verlassen, muss ihren Pass und Ausweispapiere hinterlegen und sich täglich bei einer Polizeidienststelle melden, wie das Zwangsmaßnahmengericht in Sitten (Sion) mitteilt. Sie soll zudem eine Kaution hinterlegen, deren Höhe noch festgelegt werden müsse. Bis zu einer Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.

Morettis „von Trauer überwältigt”

Nach dem tödlichen Brand in Crans-Montana
Das Ausmaß der Tragödie bewegt über die Grenzen der Schweiz hinaus (Archivbild)
Cyril Zingaro/KEYSTONE/dpa

Die Morettis selbst haben bereits in kurzen Gesprächen mit verschiedenen Medien ihre Anteilnahme und ihr Bedauern ausgedrückt. Auch ein offizielles Statement gab das Betreiberpaar heraus. „Wir sind am Boden zerstört und von Trauer überwältigt. Unsere Gedanken sind unaufhörlich bei, den Angehörigen der Opfer, den Opfern, die so brutal und viel zu früh aus dem Leben gerissen wurden, und bei all jenen, die um ihr Leben kämpfen”, heißt es darin.

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Ihre Anwälte Yaël Meier, Nicola Meier und Patrick Michod nehmen 18 Tage nach der Katastrophe erstmals ausführlich Stellung zu den Vorwürfen gegen ihre Mandanten: „Wir haben uns zuvor nicht geäußert, weil es eine Zeit des Schweigens gibt. Aus Respekt vor den Toten, aus Respekt vor denen, die um ihr Leben kämpfen, aus Respekt vor den Angehörigen.” Aber es gebe auch eine Zeit für Worte.

Verwendete Quellen: RTS, dpa, Blick, AFP