Sie soll mindestens sieben Frühchen auf dem Gewissen habenBabymörderin oder Sündenbock? Neue Dokumente werfen Fragen im Fall Lucy Letby auf

Hat sie es getan oder ist es eine Verschwörung?
Lucy Letby aus Chester in England sitzt wegen des Mordes an sieben Babys im Gefängnis. Doch jetzt sorgen interne Klinikunterlagen für neue Diskussionen. Laut Berichten sollen ausgerechnet jene Ärzte, die sie belasteten, zuvor selbst im Fokus einer Beschwerde gestanden haben.
Lucy Letby wurde wegen Mordes verurteilt
Sie gilt als eine der berüchtigtsten Kindermörderinnen Großbritanniens. Lucy Letby wurde zu mehreren lebenslangen Haftstrafen verurteilt, weil sie zwischen 2015 und 2016 sieben Neugeborene ermordet und sieben weitere Babys getötet haben soll. Doch Jahre nach dem Urteil tauchen nun neue Dokumente auf, die die Debatte um den Fall erneut anheizen.
Wie die britische Zeitung The Sun berichtet, wurden Unterlagen veröffentlicht, die im Rahmen der Thirlwall-Untersuchung zum Fall Letby zugänglich gemacht wurden. Die Dokumente stammen aus dem Jahr 2016 und betreffen interne Vorgänge im Countess of Chester Hospital.
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Interner Bericht erhebt schwere Vorwürfe gegen Ärzte
Demnach soll Lucy Letby damals selbst Beschwerde gegen die beiden leitenden Ärzte Dr. Stephen Brearey und Dr. Ravi Jayaram eingereicht haben. Hintergrund waren Spannungen auf der Neugeborenenstation, nachdem Letby nach Angaben der Zeitung auf mögliche Versorgungsprobleme hingewiesen haben soll.
Ein Entwurf eines internen Untersuchungsberichts kommt laut The Sun zu einem bemerkenswerten Schluss. Darin heißt es übersetzt: „Pflegekräfte und Mitglieder der Klinikleitung vertreten die Ansicht, dass der Drang, Lucy Letby für den Anstieg der Sterblichkeit verantwortlich zu machen, von Stephen Brearey und Ravi Jayaram ausging.“
Weiter wird in dem Dokument gewarnt, die Vorwürfe gegen Letby würden auf einem „Bauchgefühl“ beruhen. Wörtlich heißt es dem Bericht zufolge: „Ich halte es für besorgniserregend, dass diese Bedenken auf einem Bauchgefühl basieren.“ Deshalb stelle sich die Frage, ob die Angelegenheit sogar unter die Richtlinien zu Mobbing und Belästigung falle.
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War Letby häufiger bei Notfällen im Dienst, weil sie mehr arbeitete?
In dem Papier wird außerdem darauf hingewiesen, dass Letby als besonders erfahrene und flexible Pflegekraft galt. Sie habe häufig die schwersten Fälle betreut und zusätzlich regelmäßig Extraschichten übernommen.
Dadurch sei die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass sie bei kritischen medizinischen Zwischenfällen im Dienst gewesen sei. Im Bericht heißt es sinngemäß, ihre hohe Präsenz auf der Station könne erklären, warum ihr Name überdurchschnittlich oft in Verbindung mit Notfällen auftauche.
Nach Angaben der Zeitung soll die Klinik Letbys Beschwerde damals sogar teilweise bestätigt haben. Bevor jedoch weitere Schritte gegen die Ärzte eingeleitet werden konnten, hatten diese bereits die Polizei eingeschaltet.
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Anwalt spricht von völlig neuer Perspektive
Mark McDonald, der Anwalt von Lucy Letby, sieht in den Unterlagen eine wichtige Entwicklung. Gegenüber britischen Medien erklärte er: „Dieses Material wirft ein völlig neues Licht darauf, warum Lucy dieser schrecklichen Verbrechen beschuldigt wurde.“
Dann stellt er Fragen, die im Vereinigten Königreich inzwischen heftig diskutiert werden: „War sie eine Whistleblowerin? War sie ein Sündenbock?“ Diese Fragen müsse das Krankenhaus eines Tages beantworten, sollte Letby rehabilitiert werden.
McDonald kritisiert zudem die damaligen Zustände auf der Frühchenstation. Nach seiner Darstellung habe sich die Klinik in einer Krise befunden und die Station sei für die Behandlung schwerkranker Kinder nicht ausreichend ausgestattet gewesen.
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Der Fall spaltet Großbritannien weiter
Trotz der neuen Dokumente bleibt die Verurteilung von Lucy Letby bestehen. Die ehemalige Kinderkrankenschwester verbüßt derzeit 15 lebenslange Freiheitsstrafen. Letby bestreitet weiterhin alle Vorwürfe. Zwei Anträge auf Berufung scheiterten bereits. Dennoch kämpfen ihre Anwälte weiter für eine erneute Überprüfung des Falls.
Erst vor wenigen Wochen reichte ihre Verteidigung laut britischen Medien hunderte Seiten neuer Gutachten bei der zuständigen Kommission für mögliche Justizirrtümer ein. Die Experten stellen unter anderem die Zuverlässigkeit einiger medizinischer Beweise infrage.
Besonders umstritten bleibt ein handschriftlicher Zettel, den die Staatsanwaltschaft als Geständnis wertete. Darauf schrieb Letby unter anderem: „Ich bin böse. Ich habe das getan.“ Ihre Verteidiger argumentieren jedoch, der Satz sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Auf demselben Blatt habe auch gestanden: „Ich habe nichts falsch gemacht.“
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Zudem melden Fachleute Zweifel an einzelnen medizinischen Gutachten an. So wird inzwischen diskutiert, ob bestimmte auffällige Insulinwerte bei Neugeborenen möglicherweise auch durch Infektionen erklärt werden könnten. Ob die neuen Dokumente tatsächlich zu einer Neubewertung des spektakulären Falls führen werden, ist offen. Sicher ist nur: Der Fall Lucy Letby beschäftigt Großbritannien auch Jahre nach dem Urteil weiter. (ajo)
Verwendete Quellen: The Sun


























