Ihre Träume starben in den TrümmernIhre Schicksale bleiben unvergessen! Die Deutschen, die in der 9/11-Hölle ums Leben kamen

Es ist der Tag, der die Welt für immer veränderte!
Vor genau 25 Jahren, am 11. September 2001, starben fast 3.000 Menschen bei den Terroranschlägen in Amerika – unter ihnen auch elf Deutsche. Hinter jedem Namen steht ein geraubtes Leben, ein zerstörter Traum und Familien, die bis heute mit dem Schmerz kämpfen. Doch in der tiefen Trauer des heutigen 25. Jahrestags keimt auch eine leise, unbändige Hoffnung.
Christian Wemmers: Der Freigeist aus Hamburg
Christian Hans Rudolf Wemmers war ein Glückskind, ein wilder Typ und ein Freigeist. Mit 16 Jahren verliebt er sich bei einem Schüleraustausch in die USA – und kommt im Grunde nie zurück. Als Softwareentwickler baute er sich in San Francisco ein Leben am Meer auf, wanderte gern und bestieg die Berge Nepals. Doch am Morgen des 11. September 2001 führt ihn eine Dienstreise nach New York – direkt in den 106. Stock des Nordturms.
Als um 8.46 Uhr die erste Boeing einschlägt, ist Christian Wemmers gefangen. Er stirbt mit 42 Jahren. Seine Schwester Sibylle Dircks erfährt am 11. September 2001 im verregneten Hamburg aus dem Radio von der Katastrophe. Zunächst ist es nur eine schockierende Nachricht. Erst Stunden später wird daraus ihr persönlicher Albtraum.
Von Christian bleibt nichts. „Keine Zelle ist von ihm übrig geblieben“, sagt seine Schwester im Gespräch mit NDR. Nur der Mantel, den er am Morgen des 11. September im Hotelzimmer gelassen hatte, hängt noch 22 Jahre lang in der Garderobe der Familie – das einzige greifbare Stück dieses letzten Tages. Erst nach über zwei Jahrzehnten übergab sein Neffe das Kleidungsstück dem Memorial-Museum am Ground Zero. Wemmers Name ist in Bronze graviert, zwischen den 2.977 anderen Opfern der Terroranschläge.

Besonders bitter: Die Stadt, in der der Wahl-Amerikaner aufwuchs, ist auch die Stadt, in der seine Mörder ihre Pläne schmieden. Mohammed Atta und andere Piloten der Terrorflieger lebten, studierten und beteten in Hamburg, schrieben dort ihr Drehbuch für den Anschlag, der Wemmers das Leben kosten sollte.
Hamburg wurde zur Täterstadt – und gleichzeitig zur Opferstadt. Für Sibylle Dircks bleibt diese Verbindung schicksalhaft. Ihr Bruder und seine Mörder, zwei Lebenswege, die sich nie kreuzten und doch unauflöslich miteinander verknüpft sind. Sie zog eine radikale Lehre aus dem Verlust: „Wenn ich einen Plan habe, einen Wunsch, dann mache ich das sofort. Ich warte nicht mehr.“
Sebastian Gorki lebt in seinem Sohn weiter
Es ist eine der tragischsten und zugleich hoffnungsvollsten Geschichten dieses Tages: Sebastian Gorki (27) aus Iserlohn hatte als Banker bei der Deutschen Bank in New York Karriere gemacht. Er stand kurz vor der Hochzeit mit seiner großen Liebe, der Brasilianerin Paula Bellini. Sie erwarteten ein Kind. Am 11. September vertritt Sebastian spontan einen Kollegen im 94. Stock des Südturms.
Paula, die ebenfalls im World Trade Center arbeitet, fühlt sich an diesem Morgen wegen der Schwangerschaft unwohl und verspätet sich. Es ist ihr ungeborenes Kind, das ihr das Leben rettet. Um 9.01 Uhr spricht Sebastian ein letztes Mal auf den Anrufbeantworter: „Ich wollte nur sichergehen, dass es dir gut geht. Ich bin im 94. Stock des Südturms. Wir sprechen später.“ Zwei Minuten später rast Flug UA 175 in den Südturm. Während Paula seine Nachricht abhört, stürzt im Fernsehen der Turm ein. Alles, was der Familie bleibt, ist ein kleines Knochenstück aus den Trümmern, das in Iserlohn bestattet wird, und sein Ausweis.
Doch Sebastians Vermächtnis lebt weiter: Sieben Monate nach der Katastrophe, am 25. April 2002, bringt Paula ihren Sohn Nicholas zur Welt. Heute, am 25. Jahrestag der Anschläge, ist Nicholas 24 Jahre alt und arbeitet als Softwareentwickler in Chicago. Er hat seinen Vater nie kennengelernt. Seine Beziehung zu ihm beschreibt er im Gespräch mit Zeit fast wie die zu einem Prominenten: „Als wäre Michael Jackson gestorben. Man kennt die Fotos, und andere erzählen einem, wie er gewesen ist. Ich vermisse ihn nicht. Aber ich sehne mich manchmal nach ihm. Nach dem, was hätte sein können.“
Für Nicholas ist der Ground Zero kein reines Denkmal, sondern ein Friedhof. Wenn er vor der Brüstung mit den eingravierten Buchstaben Sebastian Gorki steht, spürt er die tiefe Verbindung. Seine Mutter Paula sieht die Ähnlichkeit täglich: „Es steckt im Gewebe“, sagt sie über Nicholas’ große Hände, seine schlaksige Art zu laufen und die Geste, wie er beim Lachen den Mund nach rechts verzieht.
In der Schule wurde Nicholas jedes Jahr mit dem 11. September konfrontiert. Als Neunjähriger sprach er am zehnten Jahrestag auf einer Bühne am Ground Zero vor Tausenden Menschen zu seinem abwesenden Vater. Heute geht Nicholas seinen eigenen Weg – er wurde Cheerleader, lebt offen schwul und blickt trotz gelegentlicher Panikattacken und der Angst vor dem Tod nach vorn.
Er weiß: Wäre sein Vater damals nicht im Turm gestorben, wäre sein ganzes Leben anders verlaufen. Er wäre in einem anderen Viertel aufgewachsen, und seine geliebte Halbschwester Carolina gäbe es heute nicht. Nicholas ist sich bewusst, dass er ohne diese Tragödie ein völlig anderer Mensch wäre – und er hat gelernt, Frieden mit diesem Schicksal zu schließen. Je näher er dem Alter seines Vaters bei dessen Tod (27) kommt, desto bewusster lebt er. Er plant Roadtrips, will die Bisons im Yellowstone beobachten und die Milchstraße leuchten sehen. Denn das Leben siegt am Ende über den Terror.
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Zerstörte Träume: Neun weitere deutsche Schicksale
Neben Christian Wemmers und Sebastian Gorki und verlieren neun weitere Deutsche ihr Leben in den Flammen und Trümmern des 11. September. Jeder von ihnen steht für einen eigenen Traum, eine eigene Geschichte – und für Familien, die bis heute mit der Lücke leben.
Heinrich Ackermann (39): Der Versicherungswirt arbeitete im 101. Stock des WTC und hatte Heimweh nach Deutschland. Besonders bitter: Einer der Terror-Helfer, Mounir al-Motassadeq, hatte Jahre zuvor als Küchenhilfe im Gasthof von Ackermanns Eltern im Münsterland gearbeitet.
Klaus Bothe (31): Der Entwicklungschef saß in der Todesmaschine UA 175, die in den Südturm gelenkt wurde – ausgerechnet am dritten Geburtstag seiner Tochter Lara. Ein Jahr später, an Laras viertem Geburtstag, wurde ein Knochenstück von ihm an die Familie überführt.
Heinrich Kimmig (43): Der visionäre Ingenieur und Geschäftsführer von BCT-Technology war gemeinsam mit Klaus Bothe auf dem Weg nach Los Angeles, um die Zukunft seiner Firma zu planen.
Wolfgang Menzel (60): Der Personalchef und Jurist wollte eigentlich bald in den Ruhestand auf Sylt gehen. Er saß auf dem Flug UA 175 neben seinen Kollegen Bothe und Kimmig.
Christian Adams (37): Der Exportdirektor des Deutschen Weininstituts wollte zu einer Weinmesse. Er starb an Bord des Heldenflugs UA 93, der nach dem Widerstand der Passagiere bei Shanksville abstürzte. Er hinterließ eine Frau und zwei Kinder.

Sigrid Wiswe (41): Die gebürtige Offenbacherin leitete erfolgreich eine Abteilung bei American Express im 93. Stock des Nordturms. Ihr Leichnam wurde nie gefunden.
Klaus Sprockamp (42): Der unermüdliche Unternehmer hatte gerade erst den Hautkrebs besiegt und eine Familie gegründet. Er war am Morgen von 9/11 zu einem Meeting im Nordturm verabredet.
Barbara Edwards (58): Die leidenschaftliche Deutsch- und Französischlehrerin machte nach einem Autounfall Urlaub in New York. Sie saß in der Maschine, die die Terroristen ins Pentagon steuerten.
Ingeborg Joseph (60): Die gebürtige Berlinerin liebte das freie Leben in New York. Sie befand sich im Treppenhaus des WTC, als die Feuerwand sie traf. Zwar wurde sie gerettet, verstarb jedoch vier Wochen später im Krankenhaus an einer Infektion – während im Zimmer die klassische Musik lief, die sie so sehr liebte.

Das Weiterleben im Schatten der Apokalypse
25 Jahre nach den Anschlägen sind es nicht die Mörder und die Zerstörung, die das letzte Wort behalten. Es sind die Menschen wie Christian Wemmers, Sebastian Gorki und die vielen anderen Opfer, deren Namen am Ground Zero in Bronze graviert sind und deren Geschichten weitererzählt werden.
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Die Angehörigen haben über die Jahrzehnte gelernt, mit dem Unbegreiflichen zu leben. Sie tragen die Erinnerung weiter – nicht nur in tiefer Trauer, sondern als tägliche, kraftvolle Mahnung, das Leben im Hier und Jetzt ganz bewusst zu feiern. In Nicholas Gorkis Zimmer stand jahrelang ein Spruch über den Bildern seines Vaters, der heute, am 25. Jahrestag, als tröstende Botschaft für uns alle dienen kann: „Live. Love. Laugh.“ – Lebe. Liebe. Lache. Denn genau dieses JA zum Leben ist der größte Triumph über den Hass.


