Gnadenlose SelbstoptimierungGefährlicher Trend im Netz! Wie „Looksmaxxing“ junge Männer in den Schönheitswahn treibt

Was ist gesunde Selbstoptimierung und wo beginnt ein krankhafter Schönheitswahn?
Im Netz grassiert ein viraler Trend, der vor allem junge Männer und Teenager ins Visier nimmt. „Looksmaxxing“ verspricht ihnen durch radikale Selbstoptimierung den Schlüssel zu Erfolg, Anerkennung und Liebe. Doch hinter den vermeintlichen Erfolgsgeschichten verbirgt sich eine gefährliche Welt aus toxischen Männlichkeitsbildern, knallharten Bewertungen und extremen Ideologien.

Der Wahn vom perfekten Gesicht

Der Begriff „Looksmaxxing“ bedeutet, das eigene Aussehen zu maximieren. Die Botschaft: Erfolg im Job, Respekt von anderen Männern, Aufmerksamkeit von Frauen – all das hänge vor allem von perfektem Aussehen ab. Auf Plattformen wie TikTok und Instagram zeigen junge Männer in millionenfach geklickten Videos, wie sie ihr Äußeres innerhalb kürzester Zeit drastisch verändert haben. Die Community bewertet sich gegenseitig auf einer Skala, stuft Gesichter als „Sub-Human“ (Untermensch) ein oder feiert sie als Ideal. Schönheit wird nach vermeintlich exakten Kriterien festgelegt: Gesichtsproportionen, Körperfettanteil, Kieferwinkel, Augenabstand.

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RTL-Reporter Sascha Winkel hat Enzo getroffen, einen der bekanntesten deutschen „Looksmaxxing“-Vertreter im Netz. Die Verwandlung des 22-Jährigen ist groß: ein definierter Körper, ein markantes Gesicht. Er selbst sagt, er sei früher „sehr unsicher“ gewesen und habe ständig nach der Meinung anderer gefragt. Heute ist er überzeugt, dass sein besseres Aussehen ihm Vorteile verschafft, ein Phänomen, das als „Pretty Privilege“ bekannt ist. Studien deuten darauf hin, dass attraktivere Menschen tatsächlich mehr verdienen und schneller befördert werden.

Radikale Methoden: Von Fitness bis zur Selbstinjektion

Selbstoptimierung ist zunächst nichts Schlechtes: Sport, gesunde Ernährung, Pflege – all das kann sinnvoll und gesund sein. „Looksmaxxing“ aber treibt diese Idee in eine extreme Richtung. Der Weg zum optimierten Ich kennt kaum Grenzen. In der Szene kursieren Methoden wie „Bone Smashing“, bei denen durch Schläge auf das Gesicht angeblich die Knochenstruktur verändert werden soll.

Enzo gibt im RTL-Interview sogar zu, sich selbst Filler an Kinn und Wangenknochen injiziert zu haben – mit der Hilfe von YouTube-Tutorials und Recherchen zur Gesichtsanatomie. Er habe sich angeschaut, „wo ungefähr welcher Nerv liegt“, erklärt er. Ein lebensgefährliches Vorgehen, vor dem die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie ausdrücklich warnt. Ohne medizinische Ausbildung riskiert man Entstellungen, Nervenschäden und schwere Komplikationen.

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Die Psyche hinter dem Wahn: „Du bist nicht gut genug“

Was treibt junge Männer zu solch riskanten Schritten? Oft ist es die schmerzhafte Erfahrung, nicht gut genug zu sein. Enzo erzählt von einem Schlüsselmoment, als er wochenlang nicht in einen Club kam – bis ein attraktiverer Freund dabei war und die Türen sich plötzlich öffneten. „Die Beweise waren aus meiner Sicht einfach, wie Menschen mit mir umgegangen sind“, sagt er. Der 22-Jährige ist überzeugt, dass seine radikale Veränderung im viele Vorteile verschafft hat ‒ auch beruflich.

Der Psychotherapeut Matthias Stinn, spezialisiert auf Rollenbilder, sieht hier ein tiefgreifendes Problem. „Das Absurde entsteht dann dadurch, wenn viele Jungen und viele Männer probieren, diesem nicht erreichbaren Ideal zu folgen. Da kann ja nur Schaden entstehen im Selbstwert.“ Die ständige Bewertung, oft durch andere Männer, führt zu einem vergifteten Konkurrenzkampf auf einer Leiter, auf der man nur nach oben kommt, indem man andere abwertet. Der Experte warnt, dass beim „Looksmaxxing“ keine nachhaltige Zufriedenheit mit dem eigenen Körper und mit dem eigenen Selbstwert entstehe.

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Das Geschäft mit der Unsicherheit von Männern

Eine Schlüsselfigur der Szene ist Bramal. In seinen Videos inszeniert er sich im weißen Kittel vor medizinischen Postern als „Looksmaxxing-Experte“. Sein Geschäftsmodell: Er bewertet während kostenpflichtiger Coachings schonungslos die Gesichter anderer Männer. Für ein 30-minütiges Interview mit Bewertung verlangt er 1.000 Euro. Der RTL-Reporter stellt sich dem Urteil und wird hart getroffen. Bramal bemängelt seinen Körperfettanteil, ein beginnendes Doppelkinn und Tränensäcke. Das Ergebnis: eine Bewertung von 4,3 von 10 – „unterdurchschnittlich“.

Konfrontiert mit der Frage nach seiner Qualifikation, gibt Bramal zu, dass er sich das meiste Wissen selbst angeeignet hat. Seine Legitimation? Die Informationen seien online frei verfügbar. Die wissenschaftlichen Grundlagen, auf die er sich beruft – etwa Studien zu Symmetrie und Durchschnittsgesichtern – existieren tatsächlich. Aber: Einen objektiven, allgemeingültigen Schönheitswert gibt es nicht.

Bramal vergleicht seine Tätigkeit mit der eines Klavierlehrers, der Geld für Klavierstunden nimmt. Damit macht er es sich einfach, denn er verdient Geld an den Unsicherheiten, die er mit seinen gnadenlosen Bewertungen selbst schürt – ohne jegliche medizinische oder psychologische Ausbildung. „Ich gebe eine Lösung für Leute, die es interessiert. Ich zwinge ja niemanden dazu“, sagt der Influencer.

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Von Schönheits-Tipps zu Frauenhass: Der Weg in die „Manosphere”

Für viele hört Looksmaxxing nicht bei der Optimierung des Aussehens auf. Die Frage „Wie werde ich attraktiver?“ wandelt sich schnell zu „Warum habe ich keinen Erfolg bei Frauen?“. Die Antwort, die in diesen Kreisen oft gegeben wird, ist simpel und gefährlich: Die Frauen seien schuld.

Hier öffnet sich das Tor zur sogenannten „Manosphere“, einer Online-Welt, in der Männer für ihre Probleme einfache Schuldige finden – und das sind oft Frauen. Figuren wie der umstrittene Influencer Andrew Tate, gegen den wegen Vergewaltigung und Menschenhandel ermittelt wird, verbreiten ein toxisches Männerbild, in dem Frauen als „Ware“ gelten und Stärke alles ist. Aus dem Wunsch, besser auszusehen, wird eine gefährliche Ideologie.

„Die Abwertung, die Männer erleben, kommt zu ganz großen Teilen von anderen Männern“, sagt Psychotherapeut Stinn. Nicht Frauen seien das Hauptproblem – sondern männliche Konkurrenz. Doch statt über Unsicherheit, Angst oder Scham zu sprechen, greifen viele auf starre Ideologien zurück.

Wenn Selbstoptimierung zur Selbstablehnung wird

Der Wunsch, an sich zu arbeiten und sich wohlzufühlen, ist nicht das Problem. Gefährlich wird es, wenn dieser Wunsch in Selbstablehnung umschlägt und von einer Ideologie unterfüttert wird, die einfache Antworten auf komplexe Probleme gibt. Psychotherapeut Stinn betont, dass Jungen und jungen Männern oft gesunde Vorbilder fehlen, die auch Schwäche und Unsicherheit zulassen. Stattdessen orientieren sie sich an den „vergifteten Vorbildern“ aus dem Netz.

Am Ende zeigt sich: Gegen das Gefühl, nicht gut genug zu sein, helfen weder Filler noch teure Eingriffe. Wahres Selbstbewusstsein entsteht durch Akzeptanz, Charakter und eine Haltung, die nicht auf der Abwertung anderer beruht.

Verwendete Quellen: RTL Extra