Säugling ging bei Evakuierung am Flughafen Kabul verloren

Wirbel um afghanisches Baby: War der Taxifahrer gar nicht sein Retter?

13. Januar 2022 - 22:46 Uhr

Eigentlich sah alles nach einer Heldengeschichte aus, aber jetzt steht plötzlich der Vorwurf der Erpressung und Entführung im Raum. Während der überstürzten Evakuierung aus Afghanistan im August 2021, nachdem die Taliban die Macht übernommen hatten, kam es am Flughafen von Kabul zu chaotischen Szenen. Bilder von mehreren Babys gingen um die Welt, deren Eltern sie verzweifelt über den Stacheldrahtzaun hoben und ausländischen Soldaten übergaben. Eines davon war der damals zwei Monate alte Sohail Achmadi.

Baby Sohail wurde bei der Evakuierung von seiner Familie getrennt

Hamid Safi, a 29-year-old taxi driver who had found baby Sohail Ahmadi in the airport, cries as he hands over Sohail to his grandfather Mohammad Qasem Razawi in Kabul, Afghanistan, January 8, 2022. Picture taken January 8, 2022. REUTERS/Ali Khara
Hamid Safi cries as he hands over Sohail to his grandfather Mohammad Qasem Razawi in Kabul
© REUTERS, ALI KHARA, AH

Als es die Familie schließlich ebenfalls auf das Flughafengelände schaffte, konnte sie ihren Sohn nicht mehr finden. Die Achmadis wurden in die USA ausgeflogen – ohne ihr Kind. Nach Monaten der Suche endlich ein Lebenszeichen: Ein afghanischer Taxifahrer hatte den Jungen bei sich aufgenommen. Auch RTL hatte über die Familienzusammenführung berichtet. Aber jetzt kam heraus, dass der 29-Jährige eine äußerst mysteriöse Rolle spielte, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete – und möglicherweise gar nicht sein Retter war.

Gerettetes Baby am Flughafen Kabul: Welche Rolle spielte der Taxifahrer?

Sohail wurde fünf Monate lang vermisst.
Sohail wurde fünf Monate lang vermisst.
© REUTERS, ALI KHARA, AH

Dass sie ihr Baby über den Zaun hoben und US-Soldaten übergaben, sahen Mirza Ali Ahmadi und seine Frau Suraya in dem Chaos am Flughafen als einzigen Ausweg. Die Eltern hatten Angst, dass der Kleine in der Menge zerquetscht werden könnte. Umso größer der Schock, ihn dann nicht wiederzufinden und ohne ihn fliehen zu müssen. Die Familie lebt seither im US-Bundesstaat Michigan. Die Hoffnung, ihr Sohn würde in einer späteren Maschine ausgeflogen, zerschlug sich schnell. Fünf endlose Monate suchten sie nach Sohail. Da es in Afghanistan keine US-Botschaft mehr gab und internationale Organisationen überlastet waren, gestaltete sich das schwierig.

Die Geschichte, die bisher bekannt war, ging mehreren Medienberichten zufolge so: Irgendwann konnte Taxifahrer Hamid Safi ausfindig gemacht werden. Der 29-Jährige sagte dem TV-Sender "ToloNews", er habe das weinende Baby am Boden des Flughafens gefunden. Der kleine Junge habe Kratzer auf der Brust gehabt. Er habe ihn zum Arzt gebracht und wie ein eigenes Kind behandelt. Dessen Eltern ausfindig zu machen, sei ihm nicht möglich gewesen. Doch an seiner Version der Geschichte gibt es inzwischen erhebliche Zweifel.

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Strei um Afghanistan-Baby: Wollte der Taxifahrer das Kind behalten?

Der Taxifahrer nannte das Baby Mohammad Abed und postete Bilder von allen Kindern zusammen auf Facebook. Nachbarn teilten und kommentierten diese. So wurde auch sein Aufenthaltsort bekannt. Der noch in Afghanistan lebende Großvater Sohails wurde schließlich darauf aufmerksam und bemühte sich dem Reuters-Bericht zufolge, Kontakt zu der Familie in der nordöstlichen Provinz Badakhshan aufzunehmen.

Doch die soll sich geweigert haben, den Jungen zurückzugeben. Die Familie hat drei Töchter. Angeblich sei es Hamid Safis sehnlichster Wunsch gewesen, auch einen Sohn zu haben. Der 67-jährige Großvater des Jungen versuchte zwei Tage lang, die Familie mit Geschenken umzustimmen, darunter ein geschlachtetes Schaf, mehrere Pfund Walnüsse und Kleidung –vergeblich.

Drama um Sohail: Diente das Kind aus Afghanistan als Druckmittel?

Baby Sohail Ahmadi sitzt im Haus des Taxifahrers in Kabul.
Baby Sohail Ahmadi sitzt im Haus des Taxifahrers in Kabul.
© REUTERS, ALI KHARA, AH

Dann soll die Familie laut den Recherchen von Reuters plötzlich darauf bestanden haben, Sohail nur freizulassen, wenn sie selbst ebenfalls in die USA ausgeflogen würden. Der 67-Jährige sah nach diesem Erpressungsversuch keinen anderen Weg mehr, als die örtliche Taliban-Polizei um Hilfe zu bitten und den Taxifahrer wegen Kindesentführung anzuzeigen.

Schließlich erklärten sich die Ahmadis bereit, der Familie des Taxifahrers eine Entschädigung von rund 950 US-Dollar zu zahlen und damit für die Kosten aufzukommen, die ihr durch die Aufnahme ihres Sohns entstanden seien. Im Beisein der Polizei und unter vielen Tränen wurde der Kleine am Ende dem Großvater übergeben. Per Video-Chat konnten auch die Eltern in den USA daran teilhaben. Für Sohail und seine Familie ein Happy End. Das Bild von der glücklichen Familienzusammenführung und dem selbstlosem Retter, das um die Welt ging, scheint aber eine Illusion gewesen zu sein. (Reuters / sbl)