So ernst ist die Lage in Italien

Wegen Coronavirus: Elf Seiten Todesanzeigen in der Lokalzeitung

Die Bestatter in Bergamo sind völlig überlastet, weil sie ununterbrochen Menschen beerdigen müssen.
© REUTERS, Flavio Lo Scalzo, THO/ZWO/CRH/FW1F/Simon Newman/FW

20. März 2020 - 10:34 Uhr

Bestatter in Bergamo arbeiten rund um die Uhr

Trotz aller Sperrmaßnahmen steigt die Zahl der Toten in Italien weiter. Inzwischen starben dort mehr Menschen am neuen Coronavirus als in China, von wo aus sich die Krankheit verbreitet hatte. Innerhalb eines Tages stieg die Zahl der Todesopfer um 427. Was das bedeutet, weiß Nicolas Facheris. Der Bestatter aus Madone in der Provinz Bergamo hat seit Tagen nicht geschlafen. Er arbeitet rund um die Uhr und kommt trotzdem kaum hinterher.

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Krematorien kommen nicht mehr nach, weil es zu viele Corona-Tote gibt

"Am Montag hatte ich einen Nervenzusammenbruch", erzählt er der Nachrichtenagentur Ansa. "Wir sehen kein Ende. Und wir leben in der Angst, dass das Telefon wieder klingelt." In Bergamo gibt es so viele Infizierte wie in keiner anderen Provinz in Italien. "Alleine letzte Woche hatten wir in der Stadt Bergamo 300 Tote", sagt Gloria Zavatta, Präsidentin der Hilfsorganisation Cesvi, der dpa. In der Lokalzeitung "Eco di Bergamo" gab es elf Seiten Todesanzeigen.

Die Krematorien in der Region kommen kaum noch nach. Das Militär musste jetzt schon Särge in andere Städte schaffen, damit die Leichen dort eingeäschert werden konnten. Die Toten werden nun sogar in Kirchen deponiert, weil die Bestattungsinstitute völlig ausgelastet sind. "Die Öfen der Krematorien laufen ununterbrochen, Beerdigungen werden nicht mehr gefeiert, und wir machen jede halbe Stunde eine Bestattung. Es ist unvorstellbar", sagte er Bürgermeister von Bergamo Giorgio Gori der Zeitung "La Repubblica".

„Hier hört man nur noch Sirenen der Ambulanzen und Totengeläut“

"Alle sterben wie die Hunde", erzählt Roberta Zaninoni in einem Video, das die Zeitung veröffentlichte. Auch ihr Vater starb an dem Virus. Er sei weder alt, noch krank gewesen und trotzdem kam es bei ihm zu einem schweren Verlauf. Alle hätten das Coronavirus unterschätzt. "Hier hört man nur noch Sirenen der Ambulanzen und Totengeläut", sagt die junge Frau in dem Video.

"Wir haben einen dramatischen psychologischen Stress", meint Cesvi-Präsidentin Zavatta. Die Familien könnten ihre Lieben im Krankenhaus nicht besuchen und sie beim Sterben nicht begleiten. Wegen der Ansteckungsgefahr dürfen sie nicht auf die Intensivstationen kommen.

 Bestattungsinstitut in Bergamo
In den Bestattungsinstituten in Bergamo ist kein Platz mehr für weitere Tote, die Krematorien kommen kaum noch nach.
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Bürgermeister von Bergamo warnt andere vor den Fehlern, die gemacht wurden

Der Bürgermeister von Bergamo rief darum nun die Verantwortlichen aller anderen Länder auf, nicht die gleichen Fehler wie Italien zu machen. Die Regierung wartete zu lange, bevor auch die Einwohner von Bergamo unter Corona-Quarantäne gestellt wurden. Seit dem 21. Februar wurde zwar die Provinz Lodi ganz in der Nähe zur Sperrzone erklärt. Bergamo war aber zu dem Zeitpunkt noch nicht abgeriegelt und die Infektionen explodierten förmlich. Laut John Hopkins University, die die aktuellen Zahlen erfasst, starben bisher 3.405 Italiener an dem Virus (Stand: 20. März, 9:30 Uhr).