Militärexperte: Gegen Putins Übermacht wird das nicht reichen

Selenskyj plant Gegenoffensive mit einer Million Soldaten

"Keine große Chance für Rückeroberung" Militärexperte Ralph Thiele
04:00 min
Militärexperte Ralph Thiele
"Keine große Chance für Rückeroberung"

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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will die russischen Truppen aus der Ostukraine vertreiben. Bis zu eine Million Soldaten sollen eine Gegenoffensive starten, um die besetzten Landesteile zurückzuerobern. Doch Militärexperte Ralph Thiele sieht darin keine großen Chancen – zu groß sei die russische Übermacht.

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Ukraine: Selenskyj plant Großoffensive

Für ihre Offensive stelle die Ukraine eine Truppe aus einer Million Mann auf und statte sie mit westlichen Waffen aus, sagte der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Reznikow der britischen "Sunday Times". Den Befehl zur Rückeroberung habe Selenskyj bereits gegeben.

Welche Gebiete genau zurückerobert werden sollen, sagt der Verteidigungsminister nicht, Selenskyj habe aber die besetzten Küstengebiete ins Auge gefasst. Dazu gehört auch das nahezu zerstörte Mariupol, das vor dem Krieg eine wichtige Handelsstadt war. Diese Küstengebiete seien „überlebenswichtig“ für die ukrainische Wirtschaft.

Ukraine-Krieg: Nicht von Pause der Russen täuschen lassen

Nur weil Russland im Donbass aktuell eine operative Pause einlege, heiße das aber nicht, dass die ukrainischen Truppen jetzt leichtes Spiel hätten, erklärt Ralph Thiele, Oberst a.D., im RTL-Interview. Denn vor Ort werde weiterhin heftig gekämpft. „Die operative Pause deutet darauf hin, dass man jetzt etwas Neues beginnen möchte. Das heißt, Russland hat im Wesentlichen jetzt den Donbass im Griff. Aber die Grundfrage ist: Was passiert hinter der operativen Pause? Welche nächsten größeren Ziele setzt man sich zum Ziel?“, so Thiele.

Selbst wenn die Ukraine jetzt eine Gegenoffensive starte – ob sie Erfolg haben wird, zeige sich erst nach der operativen Pause, wenn die Russen wieder auf dem Vormarsch seien: „Man darf wahrscheinlich damit rechnen, dass nach dieser operativen Pause dann größere Angriffe dort wieder stattfinden.“

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Militär: Russen haben "überwältigende Überlegenheit"

„Hier haben wir ja unverändert das große Problem dieser überwältigenden Überlegenheit von Artillerie auf der russischen Seite“, erklärt der Militärexperte. Gerade bei der Artillerie herrsche ein „fundamentales Missverhältnis“, sagt Thiele. „Russland hat etwa tausend Artilleriegeschütze mehr als die Ukraine, und damit verfeuern sie etwa 20.000 Granaten pro Tag – die Ukraine etwa 6.000 pro Tag.“

Und selbst diese Zahl sei eher abnehmend, weil die ukrainischen Truppen vor einem Nachschubproblem stünden. „Denn wo kommt der Nachschub her für die russischen Systeme, die die Ukrainer haben? Sicherlich nicht aus Russland.“

Auch westliche Waffen sind kein "Game-Changer"

Zwar habe die Ukraine auch westliche Waffensysteme, für die sie Munition bekommen, aber „das sind ja so wenige, dass die letztlich den Unterschied auch nicht ausmachen.“

Außerdem könne die Ukraine die Systeme nur in „ihrer einfachsten Form“ einsetzen. Normalerweise würden die Systeme in Kombination mit Satelliten, Drohnen und elektronischer Kampfführung eingesetzt – doch darüber verfügt die Ukraine nicht. Ob die westlichen Waffen also für Selenskyjs Gegenoffensive zum Game-Changer werden? Der Experte ist kritisch: „Ich denke, wir werden taktische, also kleine Erfolge in einzelnen Gefechten sehen. Ich bin nicht davon überzeugt, dass das bezüglich Rückgewinnung auf großer Linie etwas ausmacht.“

Außerdem sieht Thiele nicht, dass Deutschland noch viel mehr schwere Waffen an die Ukraine liefern könne: „Wir sind leider eine nackte Truppe.“ Warum weitere Lieferungen die Verteidigungsfähigkeit Deutschland gefährden könnten, erklärt der Militärexperte hier. (rcl)

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