80 Prozent der Bettler sind in den Fängen von Kriminellen

Ein Insider packt aus: Wie die Bettelmafia uns abzockt – und arme Menschen ausbeutet

5. Dezember 2019 - 10:10 Uhr

Tricks der Bettelmafia: Kriminelle Banden schicken Bettler in die Großstädte

Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Gerade jetzt ist die Bereitschaft, Menschen in Not zu helfen, groß wie nie. Das weiß auch die osteuropäische Bettelmafia. Und so schicken kriminelle Banden alle Jahre wieder arme Männer, Frauen und sogar Kinder zum Betteln in die Großstädte. Auch in Deutschland. Diese Menschen eint die Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber sie werden ausgebeutet. RTL-Reporter Michael Ortmann ist der Spur der Bettelmafia bis nach Bulgarien gefolgt und hat einen Insider getroffen: Iwan, 54 Jahre alt. Er musste jahrelang für die Mafia betteln.

von RTL-Reporter Michael Ortmann

Iwans wichtigster Moment ist die Rotphase an der Ampel. Sie kommt berechenbar wie ein Schweizer Uhrwerk, im Schnitt jede Minute einmal. Dann stürmt Iwan mit einem weiteren Kollegen los. Er legt eine unterwürfige Miene auf, hält eine Blechdose an die Fensterscheiben der wartenden Autos und bettelt.

Mal öffnet sich ein Fenster, ein paar Cent fallen in die Dose. Aber die meisten Fenster bleiben verschlossen, die Fahrer tun beschäftigt, schauen weg. So zieht Iwan, von giftigen Abgasen umnebelt, weiter von Fahrzeug zu Fahrzeug. 840 Mal am Tag geht das so. Nach 14 Stunden ist seine Schicht vorbei, er bekommt eine Dose mit Bohnen, Nudeln oder Billigsuppe als Stärkung. Und eine Flasche Wasser. Andere bekommen eine Flasche Billigwein.

Ein Tag im Leben von Bettler Iwan: Hoffnung auf ein besseres Leben

Hessen, Frankfurt/Main: Eine Frau bettelt auf der Zeil um Geld. Die Kontrolle der Bettlerszene gehört zum Aufgabenbereich der Stadtpolizei, deren Beamte hier regelmäßig Streife laufen.
Eine Bettlerin in Frankfurt: Gerade in der Vorweihnachtszeit hofft die Bettelmafia auf erhöhte Spendenbereitschaft.
© dpa, Boris Roessler, brx tba

Drei Jahre lang lebt Iwan so – oder besser: erträgt es, so zu leben. Danach, so ist zumindest das Versprechen, will der Roma-Clanchef ihm das erbettelte Geld auszahlen. Man wolle das Geld für ihn sparen, hat man ihm gesagt. Gewinnbringend, versteht sich.

Drei Jahre zuvor: Iwan, in seinen Fünfzigern, ist Melker in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens – und bitterarm. Da macht ihm ein Bekannter ein verlockendes Angebot. Zumindest klingt es damals verlockend: Ein bisschen betteln gehen im schönen Europa und dafür viel Geld verdienen.

Für Iwan die Erfüllung eines Traumes – und die Aussicht auf das Ende einer tristen Existenz. Doch Iwan gerät in den Fänge eines kriminellen Roma-Clans, wird ein Opfer der osteuropäischen Bettelmafia. Die Mafia erfüllt keine Träume. Sie zockt ab. Jeden. Uns, die Behörden – und eben auch Menschen wie Iwan.

Organisiertes Verbrechen: 80 Prozent der Bettler sind in den Fängen der Bettelmafia

20 Prozent der Bettler sind arm, betteln tatsächlich in die eigene Tasche. Aber die anderen 80 Prozent, die jetzt unsere Innenstädte und Weihnachtsmärkte füllen, sind in den Händen organisierter Banden – schätzt Norbert Ceipek. Der Österreicher hat sich in Wien im Auftrag der Regierung lange um die Ausgebeuteten gekümmert.

"Die Menschen, die zum Beispiel in den Ghettos von Sofia wohnen, haben nichts", sagt er. "Und dann kommt jemand und macht ihnen Hoffnung: 'Du kannst viel mehr erreichen, wenn du mit uns kommst. Einfaches Betteln in Europa. Du gibst uns ein kleines bisschen von deinem Verdienst und den Rest legen wir für dich an.'"

Für jemanden, der gar nichts hat, ist die Aussicht auf ein klein wenig mehr schon Grund genug für kleine Träume – und für etwas Hoffnung. Iwan hat nichts. Nur Träume. Er sagt zu.

Perfide Bettel-Tricks: Wer gesund ist, simuliert Behinderungen – für mehr Mitleid

Bettlerbanden, Bettlermafia: Bettler täuscht Behinderung vor (links) - obwohl er tatsächlich gesund ist (rechts)
Diesen Bettler hat die Polizei Bochum im Jahr 2017 in Gewahrsam genommen. Er täuschte eine schwere Behinderung vor - obwohl er tatsächlich gesund ist.
© Polizei Bochum

Tage später sitzen die Willigen dann in Bullis und werden nach Frankreich oder Deutschland gekarrt. Iwan ist unter ihnen. Ihre Träume platzen spätestens bei der Ankunft. Schlafen muss Iwan in einer Bauruine, die nur notdürftig mit Pappe vor Wind und Regen schützt. Den Pass nimmt man Iwan ab. Wer flieht, droht man ihm, geht leer aus.

Iwan bettelt an Ampelanlagen, andere sitzen regungslos in unseren Innenstädten. Stundenlang. Wer Behinderungen hat, wird dort platziert, wo viel Publikumsverkehr ist. Wer gesund ist, der simuliert einfach Fehlstellungen. Andere bekommen Hunde an die Seite, um mehr Mitleid zu ernten. Sogar Kinder werden mit Selbstgebasteltem vor Kaufhäusern platziert. Dort schauen sie dann mit verzweifelten dunklen Augen den Deutschen beim Kaufrausch zu.

Und da wir Deutschen gerne spenden, fällt auch für die Ärmsten der Armen immer etwas ab. Zumindest kurzfristig. Bevor die Männer auftauchen, die die Bettler kontrollieren – und abkassieren. "Selbst nachts sind sie zu uns gekommen", sagt Iwan. "Sie haben unsere Behausung durchsucht und geschaut, ob wir Geld versteckt haben. Und wenn sie etwas gefunden haben, dann wurde man verprügelt."

Bettel-Betrug auf deutschen Straßen: Für die Hintermänner ein lukratives Geschäft

Das Geschäft ist lukrativ, sagt Experte Norbert Ceipek. "Eine kleine Organisation hat 100 Bettler. Und jeder dieser Bettler bekommt am Tag zwischen 50 und 100 Euro. Und das dann sechs Tage die Woche, über Monate hinweg. Da komme große Summen zusammen."

Nach drei Jahren platzt Iwans Traum. Die Polizei kommt der Bande auf die Schliche, die Hintermänner werden verhaftet. Die große Auszahlung, auf die er jahrelang hingeschuftet hat, bekommt Iwan nicht. Seinen Anteil haben die Hehler nicht gespart. Natürlich nicht. Stattdessen haben sie das Geld längst für den eigenen Gewinn angelegt, unter anderem in Immobilien.

Denn die Bettelmafia weiß: Arme Schlucker wie Iwan haben keine Chance, sich zu wehren. Drei Jahre – für nichts.

Betrüger und Bettelmafia: Sollen wir überhaupt noch spenden?

ARCHIV - 27.12.2017, Hessen, Wiesbaden: Eine Frau wirft einem Bettler ein Geldstück in einen Becher. Menschen ohne festen Wohnsitz sind nicht unbedingt die Wunschkunden vieler Banken. Mittlerweile haben sie aber das Recht auf ein Konto. (Zu dpa «Stud
Sollen wir überhaupt noch spenden? Ja, findet ein Experte – aber auf andere Weise.
© dpa, Andreas Arnold, arn fgj wst

Ob man bei alledem überhaupt noch spenden soll, wollen wir wissen. Nobert Ceipek hat dazu eine klare Meinung. "Man muss ihnen anders helfen. Man darf sie nicht da sitzen lassen und sagen: 'Ach, lasst sie doch betteln.' Nein. Dann machen wir uns mitschuldig."

Stattdessen, rät der Experte, sollten wir lieber Organisationen unterstützen, die Obdachlosen und Bettlern helfen. Dann komme das Geld auch tatsächlich dort an, wo es wirklich hilft. Und lande nicht in den Taschen der Bettelmafia.

Iwan ist inzwischen wieder zurück in Sofia. Er sieht es ähnlich, ist desillusioniert. Das Geld für die Ärmsten, sagt er, mache nur die Reichen reicher. Aber über etwas zu essen, meint der Bulgare – darüber hätte er sich damals doch sehr gefreut.