Genelle Guzman-McMillan im RTL-Interview

Terroranschläge vom 11. September: "Die letzte Überlebende" - 27 Stunden begraben unter Trümmern

11. September 2021 - 10:33 Uhr

20 Jahre nach 9/11: "Letzte Überlebende" spricht

27 Stunden lag Genelle Guzman-McMillan begraben unter den Trümmern des Nordturms des World Trade Centers. Sie ist die letzte Überlebende, die nach den terroristischen Selbstmord-Anschlägen vom 11. September 2001 gerettet werden konnte. Die Sekretärin arbeitete im 64. Stockwerk, als 30 bis 40 Etagen höher um 8:46 Uhr Ortszeit der "American-Airlines"-Flug 11 einschlug. RTL hat mit Genelle gesprochen. Wie sie die bangen Stunden in völliger Dunkelheit und ihre Rettung erlebte, und wie es ihr heute geht – im Video.

Terror in Amerika: World Trade Center-Mitarbeiter erfuhren aus TV von Anschlag

FILE PHOTO: Hijacked United Airlines Flight 175 flies toward the World Trade Center twin towers shortly before slamming into the South tower (L), as the North tower burns, following an earlier attack by a hijacked airliner in New York, U.S., Septembe
Der "United Airlines" Flug 175, kurz bevor das von Terroristen entführte Flugzeug in den Südturm des World Trade Centers kracht.
© REUTERS, Sean Adair, SV/HK/DH

Lange hätten sie und ihre Kollegen nicht gewusst, was draußen vor sich ging, was geschehen war. Was die heftige Erschütterung zu bedeuten hatte, die das gigantische Gebäude ins Wanken gebracht habe, die vielen Papierschnipsel, die plötzlich an den Fenstern im 64. Stock vorbei segelten. So schildert es die 9/11-Überlebende Genelle Guzman-McMillan im RTL-Gespräch.

Sie habe gerade einen Bagel gegessen, Kaffee getrunken und mit ihrer Kollegin Rosa gesprochen, als plötzlich alles wackelte. "Ich dachte in dem Moment, es sei ein Erdbeben." Dies sei "kein Notfall, die Lampen gingen noch", habe sie bei sich gedacht. Doch als ein Manager alle in einen Konferenzraum rief, sahen sie die Bilder des Anschlags live in den Nachrichten. Erfuhren, dass soeben ein Flugzeug gegen die nördliche Fassade des World Trade Centers gekracht war. Etwa in Höhe des 93. bis 99. Stockwerks. Nur 30 Etagen über ihren Köpfen.

Manche Bürokollegen verließen das World Trade Center - Genelle aber blieb

FILE PHOTO: People look out of the burning North tower of the World Trade Center in New York City, New York, U.S. September 11, 2001. REUTERS/Jeff Christensen/File Photo SEARCH 20TH ANNIVERSARY OF THE SEPTEMBER 11 ATTACKS FOR THE PHOTOS
Verzweifelte Menschen stehen an den Fenstern des brennenden Nordturms des World Trade Centers in New York City.
© REUTERS, JEFF CHRISTENSEN, JC/DH

"Rosa hielt meine Hand, sie sagte mir, dass sie ihre Tochter angerufen und eine Nachricht für sie hinterlassen hat", sagt Genelle und beginnt zu weinen. "Ich musste an meine eigene Tochter denken, Kimberley war zu der Zeit gerade 12 Jahre alt." Sie habe ihren Mann Roger angerufen und eine Voicemail hinterlassen, ihm gesagt, dass sie sich draußen treffen, dass sie ihn liebe. "Ich muss träumen, das muss ein Traum sein", habe sie nur denken können.

Einige Kollegen hätten ihre Sachen gepackt und das Gebäude verlassen, manche seien geblieben. Auch Genelle. "Ich weiß nicht, weshalb", sagt sie heute. "Vielleicht hatte ich Angst, ich war erst seit Januar desselben Jahres dort angestellt, war neu und hatte erst eine Feueralarmübung absolviert."

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9/11-Überlebende erinnert sich: "Es wird niemand kommen, um uns zu holen“

FILE - In this Sept. 11, 2001, file photo, smoke billows from one of the towers of the World Trade Center and flames as debris explodes from the second tower in New York. Relatives of the victims of the Sept. 11 attacks called Thursday, Sept. 2, for
Um 9:03 Uhr Ortszeit schlug der "United-Airlines"-Flug 175 in den Südturm der Twin Tower ein.
© AP, Chao Soi Cheong, XAG PK AS RJK PH BJS**NY** CRB**PH

Anweisungen, den Büroturm zu evakuieren habe es keine gegeben. Ein Mann, von Beruf Ingenieur, habe noch versucht, die Angestellten zu beruhigen, ihnen gesagt, dass die Skyscraper so gebaut seien, dass sie nicht kollabieren können. Es sei daher am sichersten, zu bleiben und abzuwarten. Zudem hätten Gerüchte kursiert, wonach bewaffnete Terroristen womöglich durch das Gebäude liefen und Menschen erschießen.

"Da wackelte das Gebäude wieder, mein Herz setzte einen Schlag aus, ich schwankte hin und her. Jemand sagte, wir müssen gehen, wir sind schon zu lange hier. Es wird niemand kommen, um uns zu holen." Also schnappten sie und circa 50 Kollegen ihre Sachen und gingen los, "da drang schon der Rauch in die Büroräume ein". Das Treppenhaus sei erleuchtet gewesen, sie seien nicht gerannt, sondern normal gelaufen. Genelle habe jede einzelne Stufe gezählt, gedacht: "Ich komme hier raus. Ich muss hier raus." Die Worte seien wie ein Mantra gewesen. "Rosa und ich hielten uns bei den Händen, haben uns gegenseitig getröstet." Beim 37. Stockwerk seien ihnen schließlich Feuerwehrmänner entgegengekommen, die fragten, "ob wir okay seien, dass wir weitergehen sollen. Also sind wir weitergegangen".

Um 10:28 Uhr kollabierte der Nordturm des World Trade Centers

September 11, 2001 - New York, New York, U.S. - The south tower of the World Trade Center, left, begins to collapse in New York Tuesday 9/11. In the most horrifying attacks ever against the U.S., terrorists crashed two airliners into the World Trade
Um 09:59 Uhr Ortszeit stürzte der Südturm ein (Bild), eine halbe Stunde später, um 10:28 Uhr kollabierte der Nordturm und begrub Genelle Guzman-McMiller und Hunderte weitere Menschen unter sich.
© imago/ZUMA Press, imago stock&people

Auf Höhe des 13. Stockwerks wollte Genelle sich die Schuhe ausziehen. Sie habe sich an Rosas Schulter festgehalten, doch "bevor ich mich wieder gerade hinstellen konnte, zerfielen die Wände zu Staub. Sie (Rosa, Anm. d. Red.) ließ meine Hand los und lief wieder nach oben", sagt Genelle Guzman-McMiller. "Alles passierte so schnell und es hörte schnell wieder auf. Etwas traf mich, riss mich zu Boden und dann war es vorbei." Totenstille. Völlige Dunkelheit. Damals habe sie Rosa zum letzten Mal gesehen. Ihre Kollegin überlebte den Terroranschlag nicht.

Genelles letzte Erinnerung vor der Bewusstlosigkeit sei eine gedämpfte Stimme gewesen, die um Hilfe rief. "Ich wusste, dass ich wach bin, aber ich dachte, dass ich träume. Das hier passiert nicht, das ist nur ein furchtbarer Albtraum." Als sie wieder aufwachte, sei der Staub überall gewesen, im Mund, den Augen, den Nasenlöchern. Sie habe auf der Seite gelegen und konnte nichts sehen. "Ich sagte mir, das war's. Ich werde jetzt einschlafen und nicht mehr aufwachen, den Schmerz nicht mehr spüren. Aber es geschah nicht, der Schmerz blieb", schildert Genelle. "Der Schmerz war in meinem Kopf. Es fühlte sich an, als würde er explodieren. Meine Beine standen unter Druck, etwas ruhte darauf, ich konnte sie nicht bewegen. Metall stach in meine Seite, aber ich war nicht in der Lage, die Position zu ändern." Auch habe sie nicht um Hilfe rufen können, "aus irgendeinem Grund konnte ich nicht sprechen, meine Stimme ließ es nicht zu".

Rettung aus den Trümmern des World Trade Centers: „Plötzlich nahm jemand meine Hand"

FILE PHOTO: New York City firefighters pour water on the wreckage of 7 World Trade Center in New York, U.S., early September 12, 2001. REUTERS/Mike Segar/File Photo SEARCH 20TH ANNIVERSARY OF THE SEPTEMBER 11 ATTACKS FOR THE PHOTOS
Ein Foto, das die ungeheuerlichen Dimensionen zeigt: Feuerwehrleute vor den riesigen Trümmerbergen des World Trade Centers am 12. September 2001.
© REUTERS, MIKE SEGAR, MS/HK/DH

"Ich hatte Angst, gleichzeitig ging mir viel durch den Kopf. Ich wusste, dass ich noch lebe, nur nicht, wie lange noch. Ich dachte an meine Familie, weil ich wusste, dass das Gebäude eingestürzt war und sie doch davon erfahren mussten, dass ich noch lebe", erzählt Genelle. "Ich bereitete mich darauf vor, zu sterben – aber ich wollte leben." Mehrmals sei sie in den 27 Stunden weggenickt, und habe nie gewusst, ob sie wieder aufwachen würde. "Ich hatte keinen Hunger, keinen Durst, mir war kalt, irgendwann fing ich an zu zittern."

Dann, als sie schon gar nicht mehr damit gerechnet habe, sei Rettung gekommen. "Ich hatte den Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr wollte, ich konnte meine Beine nicht mehr bewegen, mein Kopf explodierte fast", sagt sie. "Plötzlich nahm jemand meine Hand. Er nannte mich bei meinem Namen, sagte: "Genelle, wir haben Sie. Mein Name ist Paul." Der Mann sei ihr wie ein "Engel" vorgekommen. Die ganze Zeit über habe er mit ihr gesprochen, ihr wieder und wieder versichert, dass bald Rettung da ist, das alles gut werden würde. "Ich habe seine Hand so fest gedrückt, aber ich konnte sein Gesicht nicht sehen."

Anschlag vom 11. September: Applaus, als Genelle Guzman geborgen wird

Genelle Guzman, 32, of Brooklyn, N.Y., recuperates from Tuesday's terrorist attack on the World Trade Center, in Bellevue Hospital Center in New York, Friday, Sept. 14, 2001. Guzman was on the 64th floor when the attack occurred. She made it to the 1
9/11 Opfer Genelle Guzman-McMiller am 14. September 2001 verletzt im Krankenhaus.
© DPA PA

Dann kamen die Retter, sie packten Genelle, bargen sie aus dem Schutt. "All diese Hände, die an mir zogen, mir den Staub vom Kopf wischten. Ich lächelte, weil ich dachte, dass ich jetzt heim kann." Draußen sei es hell gewesen, Menschen hätten geschrien, spontaner Applaus sei aufgebrandet. Genelle kam in einen Rettungswagen. "Ich konnte meine Beine nicht spüren, alles war taub und ich fragte, ob ich jetzt nach Hause könne. Und sie sagten: 'Nein, Honey, jetzt bringen wir Sie erstmal ins Krankenhaus.'"

"Ich fühlte mich großartig, war wie verwandelt, habe gelächelt." Sie habe geglaubt, sie sehe aus wie noch am Morgen, als sie mit der Bahn nach Manhattan gefahren war - bloß voller Staub. Erst als ihre Familie ins Krankenhaus kam und "sie mich nicht mehr erkennen konnten", habe ihr gedämmert, wie entstellt sie war. "Mein Schädel war gebrochen, mein ganzer Körper angeschwollen, mein Auge war lilablau und ich war weiß vor Staub." Zu diesem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, dass sie der letzte Mensch ist, der lebend aus den Überresten der Twin Tower geborgen werden konnte.

Terror am 11. September 2021: So geht es Genelle Guzman-McMiller heute

Menschen laufen nach dem Anschlag auf die Twin Tower in New York durch die Trümmerlandschaft, überzogen von weißem Staub.
Menschen laufen nach dem Anschlag auf die Twin Tower in New York durch die Trümmerlandschaft, überzogen von weißem Staub.
© imago/ZUMA Press, imago stock&people

Später hat Genelle versucht, den Retter namens Paul ausfindig zu machen und startete einen Aufruf via CNN. "Ich habe ihn bis heute nicht getroffen", sagt sie. "Er war ein Engel, vielleicht ein Zeichen Gottes, ein Wunder, um das ich gebeten hatte. (...) Ich habe nie verstanden, weshalb er sich nie zu erkennen gegeben hat."

Den Moment, als er ihre Hand genommen habe, werde sie nie vergessen. Das Gefühl von "Trost und Freude im Herzen". Genelle ist seit 20 Jahren mit Robert verheiratet, sie hat drei Kinder. Es gehe ihr gut, sie werde nicht von Ängsten, Depressionen oder Albträumen geplagt. Vielmehr sei es so, als sei sie "mit einem anderen Mindset aus den Trümmern gestiegen", als habe sie im Angesicht des Todes "Erlösung gefunden". Ihr Glaube gebe ihr Kraft. "Ich werde für immer dankbar sein für die zweite Chance, die mir gewährt worden ist."

Insgesamt 19 Terroristen der Terrorgruppierung Al-Qaida hatten am 11. September 2001 vier Verkehrsflugzeuge koordiniert entführt und in zivile und militärische Gebäude in den Vereinigten Staaten von Amerika gesteuert. Zwei Maschinen krachten um 8:46 Uhr und um 09:03 Uhr in die Türme des WTC, eins ins Pentagon. Das vierte Flugzeug wurde nach Kämpfen zwischen Terroristen und Passagieren vom Pilot bei Shanksville (US-Bundesstaat Pennsylvania) gezielt zum Absturz gebracht.

Bei den Anschlägen, die als terroristischer Massenmord eingestuft wurden, starben mindestens 2.996 Menschen aus 92 Ländern – unter den Opfern waren auch elf deutsche Bundesbürger.

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