Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen beim größten Versandhändler weltweit

"Team Wallraff - Reporter undercover": So sehr leiden die Angestellten bei Amazon

14. September 2021 - 8:48 Uhr

Im Video: Der Arbeitsalltag eines LKW-Fahrers für Amazons Subunternehmen

Amazon verschickt pro Minute etwa 10.000 Pakete weltweit. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat der Versandhändler seinen Umsatz allein in Deutschland versechsfacht. Genug Geld, um gerechte und menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu schaffen? Von wegen! Das System Amazon beruht auf Überwachung, Druck und Ausbeutung. Das Team Wallraff hat sich einen Blick hinter die Kulissen verschafft, sich undercover den Joballtag angeschaut und mit mehreren Mitarbeitern gesprochen – und die Geschichten, die sie erzählen, sind schockierend. So erzählt uns beispielsweise LKW-Fahrer Sergej von monatelanger Arbeit am Stück und zeigt uns seinen Schlafplatz, der etwa halb so groß wie eine Gefängniszelle ist. Mehr dazu sehen Sie im Video.

Urinieren in eine Flasche, da keine Möglichkeit für einen Toilettengang besteht

Wer zur Toilette muss, hat es als Mitarbeiter eines Amazon-Subunternehmens nicht leicht. Einer der Paketzusteller erzählt, dass der Großteil seiner Kollegen in eine Flasche urinieren soll: "Das ist zur Selbstverständlichkeit geworden, du sparst viel Zeit", erzählt er uns. Für "Team Wallraff"-Reporter Alex, der für einige Tage ebenfalls als Zusteller arbeitet, erklären sich somit auch die Flecken, die er auf dem Sitz seines Arbeitsfahrzeuges vorfindet. Für ihn kann es sich nur um Urin handeln.

Ähnlich problematisch ist der Gang zur Toilette auch bei den Fließbandmitarbeitern in den Logistikzentren, wie "Team Wallraff"-Reporter Daniel beobachtet. Muss jemand zur Toilette, so muss er sich um Ersatz kümmern. Und das kann dauern – ein Mitarbeiter klagt darüber, dass er teilweise bis zu 30 Minuten warten muss, bis er endlich Ersatz findet und für wenige Minuten auf die Toilette verschwinden darf.

Amazon äußert sich dazu auf Nachfrage: "Wir wissen, dass die Fahrer Probleme damit haben Toiletten zu finden wegen des Verkehrs oder ihren Routen, …wir werden versuchen eine Lösung zu finden. (…) Aber wir wissen zurzeit noch nicht wie."

Für vermeintlich verschwundene Pakete müssen die Zusteller büßen

So viele Pakte auf einmal wie möglich tragen - der hilfelose Versuch von Undercover-Reporter Alexander Römer, alle Pakete innerhalb seiner Schicht auszuliefern.
So viele Pakte auf einmal wie möglich tragen - der hilfelose Versuch von Undercover-Reporter Alexander Römer, alle Pakete innerhalb seiner Schicht auszuliefern.
© TVNOW

Erreichen Amazon Beschwerden von Kunden, die ihr Paket trotz angeblicher Zustellung nicht erhalten haben, trifft meist die Paketlieferanten die Schuld. Reporter Alex trifft auf einen Mitarbeiter mit genau diesem Problem: "Was soll ich jetzt machen? Wie soll ich das Gegenteil beweisen? Wie schützt Amazon Mitarbeiter vor diesen Vorfällen?", klagt er. Weiter erzählt er, dass Amazon in solchen Fällen im Zweifel dem Kunden recht gebe und nicht dem Fahrer. Könne der Fahrer nicht beweisen, dass er das Paket zugestellt hat, führe dies unter Umständen zur Kündigung.

Der Versandhändler entgegnet dieser Behauptung auf Nachfrage: "Wir fordern oder fördern nicht, dass einzelne Fahrer:innen in irgendeiner Weise für Kundenbeschwerden verantwortlich gemacht werden. Sollte dies der Fall sein, wäre dies nicht im Einklang mit unserer Firmenpolitik oder unseren Erwartungen und wir würden dies als Vertragsbruch betrachten, der zur Kündigung führt."

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

"Ich heule gleich" - extrem hohe Arbeitsbelastung führt zum Erreichen der Belastungsgrenze

Undercover-Reporter Daniel arbeitet bei Amazon am Band. Er kommt bei der Flut an Paketen kaum hinterher.
Undercover-Reporter Daniel arbeitet bei Amazon am Band. Er kommt bei der Flut an Paketen kaum hinterher.
© TVNOW

Die Arbeitsbelastung in den Lagern ist hoch, pro Nacht laufen bis zu 80.000 Pakete über die Bänder, die von Mitarbeitern sortiert werden müssen. Undercover-Reporter Daniel erlebt mit eigenen Augen, dass dies zum Erreichen der Belastungsgrenze führen kann. Eine zierliche Mitarbeiterin kämpft sichtlich mit schweren Paketen und ruft: "Mir ist das scheißegal, sollen die mich kündigen. Ich kann nicht mehr, ich heule gleich."

Amazon weist die Vorwürfe zurück: "Wir haben Vorkehrungen und Regelungen, die Mitarbeiter:innen vor Überlastung schützen. Niemand muss einen zu schweren Gegenstand alleine heben. Unsere Sicherheitsschulungen stellen sicher, dass die Mitarbeiter:innen das Gewicht der Pakete prüfen, bevor sie sie anheben, und dass sie bei Bedarf um Hilfe bitten."

Im offiziellen "Team Wallraff"-Podcast auf AUDIO NOW spricht Daniel noch einmal ausführlich zu seinen Erlebnissen im Amazon-Werk.

Krankheit kann zur Kündigung führen

Krankheitsfälle sollen bei Amazon nicht gerne gesehen sein, vor allem nicht, wenn es um eine Verlängerung nach der Probezeit geht, erzählen Undercover-Reporter Daniel mehrere Mitarbeiter. Ein Mitarbeiter erzählt, dass er sich für eine wichtige Operation extra Urlaub genommen habe, um sich nicht krankmelden zu müssen. Er habe Angst gehabt, ansonsten nach der Probezeit gekündigt zu werden. Scheinbar nicht zu unrecht – eine weitere Mitarbeiterin erzählt uns von mehreren Fällen, in denen Mitarbeiter aufgrund eines zu langen Ausfalls wegen Krankheit gekündigt worden seien. Außerdem soll ab dem ersten Tag einer Erkrankung ein Attest gefordert werden. Dazu Amazon: "Wir verlangen keine Krankmeldung bis zum vierten Krankheitstag, außer in den seltenen Fällen, in denen wir begründete Zweifel haben. Diese Ausnahmefälle sind nach deutschem Recht zulässig."

Trotz Arbeit in Deutschland wird den LKW-Fahrern weniger als der Mindestlohn gezahlt

Auf Rastplätzen und vor einem Amazon-Werk macht sich Reporter Alexander Römer (Mi.) ein Bild von den katastrophalen Lebensumständen der Fahrer, die für den Großkonzern ausliefern.
Auf Rastplätzen und vor einem Amazon-Werk macht sich Reporter Alexander Römer (Mi.) ein Bild von den katastrophalen Lebensumständen der Fahrer, die für den Großkonzern ausliefern.
© TVNOW

Harte Arbeit, guter Lohn? Leider nicht. Viele der für Amazon tätigen Fahrer sind im Ausland angestellt, sodass ihnen kein Mindestlohn gezahlt wird. So auch zwei LKW-Fahrer, Vater und Sohn aus Weißrussland, mit denen einer unserer Undercover-Reporter spricht. Sie arbeiten für eine Spedition in Litauen und werden von dort 1600 Kilometer nach Deutschland gefahren, um dort für Amazon auszuliefern. Bezahlt werden sie erst ab dann. Eigentlich steht ihnen dabei der deutsche Mindestlohn von 9,60 Euro pro Stunde zu, doch da sie für eine litauische Firma arbeiten, wird ihnen weniger gezahlt. Zum Vergleich: Ein Fahrer in Litauen kostet die Spedition nur 8,89 Euro in der Stunde, während ein deutscher Fahrer mit allen Spesen und Nebenkosten 25,13 Euro in der Stunde kosten würde.

Fahrer werden während ihrer gesamten Schicht von einer App getrackt

Die Arbeitstage der Zusteller sind streng durchgetaktet: 15 Minuten für die Beladung. Acht Stunden zum Ausfahren der Pakete und 30 Minuten zum Zurückbringen der leeren Taschen und übrig gebliebenen Pakete. Wie die "Team Wallraff"-Recherchen zeigen, ist dies kaum zu schaffen. Falls doch, kommt es auch vor, dass man einem Kollegen oder einer Kollegin unter die Arme greifen muss – so war es zum Beispiel bei Team Wallraff-Reporter Alexander. Zudem werden die Fahrer während ihrer Schicht durch eine App überwacht: wie sie fahren, wie aufmerksam sie sind, wie schnell sie in die Kurve fahren oder wann sie eine Pause machen. Fährt man zu rasant und beschädigt dabei vielleicht sogar Pakete, gibt das auch wieder "Strafpunkte" auf dem persönlichen Fahrer-Account. (jos)

„Team Wallraff - Reporter undercover" auf TVNOW

Die komplette neue Folge "Team Wallraff - Reporter undercover" ist auch nach der TV-Ausstrahlung auf TVNOW und in der TVNOW App verfügbar.