Belastete Beziehung zwischen Russland und Tschechien

Geheimdienstaffäre: Russische Agenten unter Terrorverdacht

Die tschechische Polizei veröffentlichte dieses Foto und fahndet nach einem "Ruslan Boshirow" und "Alexander Petrow".  Auch britische Behörden fahden seit 2018 mit diesen Fotos nach den beiden Männern.
Die tschechische Polizei veröffentlichte dieses Foto und fahndet nach einem "Ruslan Boshirow" und "Alexander Petrow". Auch britische Behörden fahden seit 2018 mit diesen Fotos nach den beiden Männern.
© policie.cz

22. April 2021 - 12:59 Uhr

Zwei Attentäter von 2018 stehen erneut unter Verdacht

Eine Geheimdienstaffäre belastet die Beziehungen zwischen Russland und Tschechien: Zwei Männer, die im dringenden Tatverdacht stehen, den Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal verübt zu haben, sollen in Tschechien Waffenlager in die Luft gejagt haben.

Tschechien hat "eindeutige Beweise" und beschuldigt russische Agenten

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlug in Tschechien die Nachricht ein: Russische Spione sollen für die Explosion eines Waffenlagers im Nato-Bündnisstaat im Jahr 2014 verantwortlich sein. Dabei kamen zwei Beschäftigte einer Rüstungsfirma ums Leben. Die tschechische Führung macht nun russische Geheimdienste dafür verantwortlich. Ministerpräsident Andrej Babis sprach von "eindeutigen Beweisen". Tschechien wies deshalb umgehend 18 Beschäftigte der russischen Botschaft aus – angeblich alles Agenten der Geheimdienste SWR und GRU.

"Tschechien ist ein souveräner Staat und muss auf diese nie dagewesenen Enthüllungen in entsprechender Form reagieren", sagte Babis. Der Präsident des Senats, Milos Vystrcil, sprach von "Staats-Terrorismus".

Zwei Männer stehen im Fokus der schweren Anschuldigungen. Die tschechische Polizei veröffentlichte Fahndungsfotos der beiden Tatverdächtigen – und sie sind keine Unbekannten. 2018 gingen bereits Bilder der zwei Männer um die Welt. Damals leiteten die britischen Behörden eine Fahndung nach ihnen ein. Sie stehen im dringenden Verdacht, am 4. März 2018 das Attentat auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter im britischen Salisbury verübt zu haben, die beide dem Nervengift Nowitschok ausgesetzt wurden.

Das Recherchenetzwerk Bellingcat und das investigative russische Magazin "The Insider" identifizierten damals nach einer aufwendigen Recherche die beiden mutmaßlichen Attentäter als GRU-Agenten Anatolij Chepiga und Alexander Mischkin. Russland weigert sich jedoch bis heute sie auszuliefern.

"Alexander Petrow" und "Ruslan Boschirow": Tschechien fahndet nach zwei Scheinidentitäten

Nach Erkenntnissen der britischen Behörden reisten die beiden Agenten im März 2018 unter falschen Identitäten nach Großbritannien ein, um den Anschlag zu verüben. Die Pässe waren auf die Namen Alexander Petrow und Ruslan Boschirow ausgestellt. Unter denselben Scheinidentitäten sollen die beiden Männer nach Darstellung der tschechischen Generalstaatsanwaltschaft im Oktober 2014 auch nach Tschechien eingereist sein. Aus dem Ziel ihrer Reise hätten sie dabei kein Geheimnis gemacht, teilte der Generalstaatsanwalt Pawel Zeman mit. Sie würden im Rahmen einer Geschäftsreise Waffendepots in Vrbetica besuchen wollen, hätten sie demnach bei der Überquerung der Grenze angegeben.

Ihren Besuch hätten die beiden Agenten mit der Rüstungsfirma Imex Group abgesprochen, der die Waffenlager gehörten. Allerdings verwendeten sie dafür andere Namen. Hier haben sie sich nach Angaben der tschechischen Staatswirtschaft zwei weiterer Scheinidentitäten bedient und sich unter den Namen Ruslan Tabarow und Nikolaj Popa angemeldet.

Als Beleg präsentierten die Behörden in Prag Scans von zwei Ausweisen, die in Tadschikistan und der Republik Moldau ausgestellt worden sein sollen. Ob es sich um Fälschungen handelt oder die Behörden der beiden Länder mit den russischen Geheimdiensten kooperiert haben, bleibt vorerst unklar. Was jedoch augenscheinlich ist: Auf den Fotos sind dieselben Männer zu sehen, nach denen die britischen Behörden seit 2018 fahnden und die sich als Alexander Petrow und Ruslan Boschirow ausgegeben haben.

2014: Zwei Explosionen in tschechischen Waffenlagern

Am 11. Oktober 2014 reisten die beiden Männer nach Erkenntnissen der tschechischen Polizei nach Tschechien aus Russland ein. Am 16. Oktober verließen sie wieder das Land über Österreich, von wo sie zurück nach Moskau flogen.

Kurz nachdem sie Tschechien verließen, explodierte das Waffenlager in Vrbetica. Die Waffen, die dabei zerstört wurden, gehörten nach Informationen tschechischer Medien und Bellingcat dem bulgarischen Geschäftsmann Jemeljan Gebrew. Vertreter der Imex Group erklärten, dass die gelagerten Maschinengewehre und Artilleriegeschosse nicht von alleine hätten explodieren können, was für eine Einwirkung von außen spricht. Tschechische Medien berichteten, dass das Gelände zum Zeitpunkt der Explosion nicht ordnungsgemäß überwacht wurde und es für jedermann ein Leichtes gewesen wäre, hineinzukommen, da der Zaun an einigen Stellen schlicht fehlte.

Am 3. Dezember 2014 kam es zu einer weiteren Explosion, obwohl das Lager von der Polizei bewacht wurde. Auch dieses Mal wurden offenbar Waffen aus den Beständen des Geschäftsmanns Gebrew zerstört. Mitarbeiter der Imex Group vermuteten, dass der Sprengstoff früher angebracht und im Dezember zur Detonation gebracht worden sein könnte.

Giftanschlag: Russischer Militärgeheimdienst GRU hätte ein Motiv

Kein halbes Jahr später fiel Gebrew einem Anschlag zum Opfer. Er, sein Sohn und der Produktionsdirektor seines Unternehmens wurden mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet. Die bulgarischen Strafverfolgungsbehörden beschuldigen den russischen Militärgeheimdienst GRU, das Attentat verübt zu haben. Das Motiv: Der bulgarische Unternehmer hat nach eigenen Angaben Waffen in die Ukraine, nach Georgien und Syrien geliefert – an die Gegner Russlands.

Dasselbe Motiv könnte auch hinter der Zerstörung der Waffenbestände Gebrews stecken. Noch haben die tschechischen Behörden keine eindeutigen Beweise für die Beteiligung von Chepiga und Mischkin an den Explosionen vorgelegt. Doch die Indizien mehren sich: die Verwendung gefälschter Pässe und mehrerer Scheinidentitäten, der kurze Aufenthalt, die schnelle Abreise aus der Tschechischen Republik und das scheinbare Talent der beiden, immer dort aufzutauchen, wo es nach Geheimdienst-Anschlägen riecht.

Aus seinem Aufenthalt in Prag machte zumindest Anatolij Chepiga, der als Ruslan Baschirow agierte, kein Geheimnis. Auf einem frisch ins Leben gerufenen Facebook-Account auf den Namen seiner Scheinidentität postete er am 11. Oktober 2014 einen Schnappschuss aus der Prager Innenstadt. Interessanterweise sind auf dem Bild die spitzen Türme des ikonischen Rathauses zu sehen.

Nach dem Anschlag auf die Skripals hatten Chepiga und sein Kollege Mischkin behauptet, eigens für zwei Tage nach Großbritannien gereist zu sein, um sich die Kathedrale in Salisbury anzusehen, erzählten sie in einem mittlerweile berüchtigten Inerview mit dem Propagandasender RT. Dafür wollen die beiden am 2. März 2018 von Moskau nach London geflogen und am nächsten Tag nach Salisbury gereist sein – nur um zwei Stunden später wieder nach London zurückzukehren. Und deswegen wollen sie am 4. März nochmals nach Salisbury gefahren sein, um dort eine Stunde herumzulaufen, ohne die Kathedrale zu besichtigen, um danach wieder nach London zurückzukehren und schnurstracks wieder nach Moskau zu fliegen.

Es drängt sich der Verdacht auf, die Vorliebe für spitze Türme könnte auch für die mutmaßlichen Aktivitäten in Tschechien als Deckung gedient haben.

Ein anderes Detail mutet ebenfalls verdächtig an: Sergej Skripal soll sich im Oktober 2014 ebenfalls in Prag aufgehalten haben – zur selben Zeit wie die Männer, die ihn vier Jahre später allem Anschein nach vergiftet haben.

Tschechien stellt für die Rückkehr von 20 Diplomaten ein Ultimatum

Der Skandal belastet das tschechisch-russische Verhältnis so schwer wie nie zuvor seit dem Zusammenbruch des Sozialismus. Russland verliert durch die Spionageaffäre nun ein Milliardengeschäft. Das auf den Bau von Kernkraftwerken spezialisierte Unternehmen Rosatom hatte sich an der Ausschreibung für eine Modernisierung des tschechischen Atomkraftwerks Dukovany beteiligt und die besten Aussichten, den Zuschlag zu bekommen, Inzwischen hat die tschechische Regierung erklärt, der russische Anbieter sei nicht mehr im Wettbewerb. Auch Verhandlungen über einen Vertrag zur Lieferung von Sputnik V sind vom Tisch.

Umso brüsker fiel die russische Antwort auf die Vorwürfe aus. Moskau wies umgehend 20 tschechischen Diplomaten aus. Der tschechische Außenminister Jakub Kulhanek stellte Russland ein Ultimatum bis Donnerstagmittag für die Rückkehr aller 20 ausgewiesenen tschechischen Diplomaten nach Moskau. Andernfalls werde er die Zahl der russischen Botschaftsmitarbeiter in Prag so weit reduzieren, bis sie der "aktuellen Situation" in der Botschaft seines Landes in Moskau entspreche, warnte Kulhanek am vergangenen Mittwoch. Moskau wies das Ultimatum sofort zurück.

Hinweis: Dieser Artikel von Ellen Ivits erschien zuerst an dieser Stelle bei stern.de.

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