Nathalie Birli im exklusiven Interview

Entführte Triathletin spricht über die Stunden in Todesangst

31. Juli 2019 - 10:28 Uhr

Nathalie Birli bangte um ihr Leben

Es ist das erste Mal, dass Radsportlerin Nathalie Birli ihr Krankenzimmer verlässt. Unserer Reporterin erzählt die 27-Jährige über ihre Entführung, ihre Todesängste und die Verletzungen, die ihr ein geistig verwirrter Mann zugefügt hat. Sieben Stunden lang bangte die Österreicherin um ihr Leben und konnte ihrem Entführer wohl nur entkommen, weil sie ihn geschickt in ein Gespräch verwickelte. Die Polizei hat den 33-Jährigen später verhaftet. Bemerkenswert gefasst berichtet Nathalie Birli im Video über den schlimmsten Tag ihres Lebens.

Mit dem Knüppel zusammengeschlagen

Als die Triathletin am 23. Juli in der Nähe von Graz mit dem Fahrrad unterwegs war, fuhr der verwirrte Mann sie mit dem Auto an und schlug sie mit einem Knüppel zusammen. Dabei erlitt sie einen Bruch an der Elle, der jetzt operiert werden musste. Schmerzen spürte sie zunächst nicht. "Ich glaube, das war der Schock", sagt Nathalie Birli.

Der Entführer schlug ihr auf den Kopf und packte sie in sein Auto. Er fesselte die Triathletin und verband ihr die Augen. "Ab dann hab ich Todesängste gehabt", berichtet Nathalie. "Ich hab schon geglaubt, der bringt mich jetzt irgendwo in den Wald und vergräbt mich dort." Der Mann fuhr mit Nathalie Birli zu seiner Wohnung. Die Österreicherin kann sich noch erinnern, durch ein Treppenhaus geschleppt und in einen Schrank gesperrt worden zu sein – dann verlor sie das Bewusstsein. Als sie aufwachte, lag sie nackt auf dem Bett ihres Entführers. Ob er sie auch missbrauchte, ist noch unklar.

Entführer wollte Nathalie Birli in der Badewanne ertränken

"Ziemlich bald hat er dann gesagt: Er geht mich jetzt baden, dann ist das mit der Badewanne passiert." Weil sie sich weigerte, ins kalte Badewasser zu steigen, habe der Entführer versucht, sie zu ertränken. Dreimal drückte er die Triathletin unter Wasser – "zuerst ganz lang, dann hab ich kurz Luft schnappen können, und dann noch zwei weitere Male", erzählt Nathalie. "Er hat dann gesagt: Das ist quasi ein Vorgeschmack, wenn ich nicht das tue, was er mir aufträgt." Später habe der 33-Jährige ein weiteres Mal versucht, sie zu ersticken – dieses Mal mit zwei Tüchern.

Nathalie Birli bangte um ihren Sohn mehr als um sich

Entführte Radsportlerin Nathalie Birli
Die entführte Radsportlerin Nathalie Birli erzählt, wie sie die Stunden in Todesangst erlebte.
© RTL Interactive

Die Sorge um ihren drei Monate alten Sohn sei während der qualvollen Stunden größer gewesen als um sich selbst, sagt die Radsportlerin. "Ich hab wahnsinnige Angst um meinen kleinen Sohn gehabt, weil ich immer geglaubt hab, der muss jetzt ohne Mutter aufwachsen."

Eine Strategie, wie sie ihrem Peiniger entkommen könne, habe sie nicht gehabt. "Ich glaub, dass vieles instinktiv passiert ist", sagt Nathalie. Erfahrungen aus den Psychologiekursen ihres Studiums der Sportwissenschaften hätten ihr aber geholfen. "Das hat mir in dem Moment vielleicht das Leben gerettet, weil wir da immer gelernt haben: Empathie aufbauen; versuchen, die Menschen zu verstehen."

Radsportlerin gewann das Vertrauen ihres Peinigers

Nathalie Birli mit Lebensgefährten und drei Monate altem Sohn
Nathalie Birli mit ihrem Lebensgefährten und ihrem drei Monate alten Sohn.
© RTL Interactive

Das Blatt wendete sich, als Nathalie Birli ihren Peiniger auf die zahlreichen Orchideen im Haus ansprach. Daraufhin habe er begonnen, ihr seine Lebensgeschichte zu erzählen. Sie konnte sein Vertrauen gewinnen und schlug ihm vor, alles wie einen Unfall aussehen zu lassen, wenn er sie freiließe. "Wir haben sogar Handynummern ausgetauscht. Ich hab ihm dann versprochen, dass ich mich bei ihm melde, um ihm irgendwie zu helfen." Das sei anscheinend so glaubwürdig gewesen, dass der Mann sich darauf eingelassen habe, berichtet Nathalie.

Der Entführer fuhr sie schließlich mit dem Auto nach Hause, machte aber zwischendurch Halt an einem anderen Grundstück. "Da hab ich wieder geglaubt, er verbuddelt mich jetzt irgendwo oder erschlägt mich." Tatsächlich habe der 32-Jährige ihr aber nur das von seinen Großeltern geerbte Grundstück gezeigt und sie dann nach Hause gebracht. Sie sei schnell ins Haus gelaufen, habe die Tür verriegelt und ihre Schwiegermutter gebeten, ihren Freund und die Polizei anzurufen.

Entführer wollte "einfach seine Wut loswerden"

Was der Entführer von ihr überhaupt wollte? "Ich glaub, einfach seine Wut loswerden", erzählt Nathalie Birli. Ihr Peiniger habe ihr sogar selbst gesagt, sie sei ein Zufallsopfer. Seine Freundin habe ihn betrogen, und er wolle seiner Wut Luft machen. "Durch Gewalt anscheinend", ergänzt die 27-Jährige.