Kita-Leitung sieht mangelhafte Geschlechtsidentität bei Elias (6)

Mit Puppen spielen und sich als Prinzessin verkleiden: Ist das schädlich für Jungs?

Elias spielt gerne mit Puppen - war das der wahre Grund für seinen Kita-Rauswurf?
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28. Juli 2020 - 14:30 Uhr

Wutausbrüche wegen mangelnder Geschlechtsidentität?

Ein Junge fliegt aus seiner Kita, weil er lieber mit Puppen als mit Autos spielt? So scheint es im Fall des kleinen Elias aus der Nähe von Gummersbach zu sein. Die Kita-Leitung ist überzeugt davon, dass der Sechsjährige ein Problem mit seiner Geschlechtsidentität hat - und deshalb oft Wutausbrüche bekommt. Jetzt muss er deswegen sogar die Kita wechseln – ein Schock für die Familie. Aber stellt ein solches Verhalten überhaupt ein Problem dar? Wir haben mit der Sachbuch-Autorin und Diplom-Psychologin Sonja Tolevski darüber gesprochen.

Kita-Leitung fällt klares Urteil

Elias spielt gerne mit Barbiepuppen und verkleidet sich auch schonmal als Prinzessin - zuhause und auch in der Kita. Doch dann der Eklat: Elias bekommt Wutausbrüche in der Kita, stößt Regale um und verletzt andere Kinder. Für die Kita-Leitung ist klar: Elias hat Probleme mit seiner Geschlechtsidentität und hat deswegen Wutausbrüche. 

Wenn Jungs mit Puppen spielen - ist das schädlich?

Aber haben Kinder in diesem Alter überhaupt schon eine gefestigte Geschlechtsidentität? Dürfen Jungs nicht mit Puppen spielen und sich als Prinzessin verkleiden - ist das schädlich? "Nein, das ist überhaupt nicht schädlich", sagt Diplom-Psychologin Sonja Tolevski. "Eine Geschlechtsidentität wird ja eigentlich über Modell-Lernen angeeignet, das heißt, man lernt immer mehr dazu, wie man sich als Junge zu verhalten hat. Es ist also eher eine Frage von Etikettierung: 'Wie habe ich mich als Junge zu verhalten?'" 

Diplom-Psychologin Sonja Tolevski
Für Sachbuch-Autorin und Diplom-Psychologin Sonja Tolevski ist klar: Auch 6-Jährige haben ein Recht auf Wutausbrüche - erst recht, wenn sie sich nicht angenommen fühlen.
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Psychologin sieht überforderte Erzieher

Die Expertin vermutet hinter der Aktion eher die persönliche Angst der Erzieherinnen oder Erzieher, damit nicht umgehen zu können. "Man muss da natürlich nach den Erziehern fragen", sagt sie uns, "und ob sie damit überfordert sind. Keinen beunruhigt es, wenn ein Mädchen ein Feuerwehrmann werden will - da zuckt keiner", erklärt die Expertin, "nur bei dem Jungen, der Prinzessin sein will, da zucken sie zusammen."

Wann ist die Geschlechtsidentität abgeschlossen?

Wann ist denn überhaupt die Entwicklung der Geschlechtsidentität abgeschlossen? Die meisten Studien gehen von einem Alter von vier bis sechs Jahren aus. "Wobei man dabei ja auch immer sagen muss: Es handelt sich um ungefähre Richtwerte. Das kann dann auch sieben Jahre sein oder schon mit drei." Kinder stellen demnach schon sehr früh fest, dass sie anders sind und aussehen, als das jeweils andere Geschlecht, so die Expertin.

Auch 6-Jährige dürfen Wutanfälle haben

Für den Wutanfall, den Elias an den Tag gelegt hat, hat die Expertin eine einfache Erklärung: "Vielleicht durfte er nicht mitspielen, da würde ich auch Wutanfälle bekommen. Und auch ein 6-Jähriger darf Wutanfälle haben. Und gerade, wenn ich das Gefühl habe, ich werde nicht angenommen, können die sehr heftig sein."