Coronavirus

Pandemie-Plan der Bundesregierung von 2013: Es gab Warnungen!

Desinfektionsmittel ist in diesen Zeiten rar. Hätte die Bundesregierung besser vorbereitet sein können?
© dpa, Jens Büttner, jbu axs

25. März 2020 - 15:47 Uhr

von Philipp Sandmann

Es ist eine der wichtigsten Fragen in der Aufarbeitung der Corona-Krise: Hätte die Bundesregierung besser auf die Corona-Pandemie vorbereitet sein müssen?

Ein Papier, das im Jahr 2013 dem Bundestag vorgelegt wurde, bekommt nun Jahre später erst die nötige Aufmerksamkeit. Der Titel: "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012". Dort wird ein Pandemie-Szenario dargestellt, das mit dem echten Corona-Virus erstaunlich viele Gemeinsamkeiten hat. Federführend wurde der Bericht damals vom Robert-Koch-Institut erstellt. So richtig reagiert hat allerdings niemand. Ein Versuch der Aufklärung.

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6 Millionen Infizierte

Das Szenario, das in dem Bericht dargestellt wird, sieht folgendermaßen aus:

  • Es beschreibt ein "außergewöhnliches Seuchengeschehen, das auf der Verbreitung eines neuartigen Erregers basiert", so die Verfasser.
  • Auch in dem theoretischen Szenario ist die Rede von einem "von Asien ausgehenden" Virus ist, das den Namen "Modi-SARS-Virus" trägt.
  • "Zum Höhepunkt der ersten Erkrankungswelle nach ca. 300 Tagen sind ca. 6 Millionen Menschen in Deutschland an Modi-SARS erkrankt", heißt es weiter.
  • Auch die Symptome der hypothetischen Krankheit haben Ähnlichkeiten mit den Covid-19-Erkrankungen: Fieber, Husten, Übelkeit, Lungenentzündung.
  • Besonders spannend: Der Aspekt zu den Auswirkungen einer solchen Pandemie auf die kritische Infrastruktur und den Gesundheitssektor. So heißt es in dem Bericht: "Arzneimittel, Medizinprodukte, persönliche Schutzausrüstungen und Desinfektionsmittel werden verstärkt nachgefragt. Da Krankenhäuser, Arztpraxen und Behörden in der Regel auf schnelle Nachlieferung angewiesen sind, die Industrie die Nachfrage jedoch nicht mehr vollständig bedienen kann, entstehen Engpässe."

Engpässe bei Desinfektionsmitteln

Gerade die Desinfektionsmittel waren in den vergangenen Wochen tatsächlich knapp – die Preise stiegen enorm an. Auch wurde 2013 darauf hingewiesen, dass die "die personellen und materiellen Kapazitäten" nicht ausreichen würden, um die "gewohnte Versorgung aufrecht zu erhalten."

Bei der Bekämpfung des Coronavirus fehlt es an Masken und Materialien für Schutzkleidung in Krankenhäusern. Es mussten in den vergangenen Wochen Intensivbett-Kapazitäten geschaffen werden, um auf eine Vielzahl von schweren Fällen vorbereitet zu sein.

Hat die Bundesregierung damals reagiert?

Welche Schlüsse zog die Bundesregierung aus den Hinweisen von vor sieben Jahren? Auf Nachfrage der RTL/ntv Redaktion sagte Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts, am Mittwoch: "Der Bericht wurde damals sehr positiv aufgenommen, weil sehr viele Maßnahmen, die empfohlen wurden, als sinnvoll erachtet werden. Wir werden im Laufe der Zeit sehen, wie gut die ein oder andere Maßnahme umgesetzt wurde, wie gut sich auch Ärzte darauf vorbereitet haben." Wieler nimmt die Bundesregierung in Schutz: "Das ist eine Epidemie mit einem sehr großen Ausmaß. Es kann sicher niemanden geben, der auf so eine große Aufgabe optimal vorbereitet sein wird."

Kritischer sieht es der Virologe Prof. Timo Ulrichs. Im RTL/ntv "Frühstart" sagte er: "Bei Schutzkleidung, gerade bei Mund- und Nasenschutz, hätte man mehr Vorsorge treffen müssen." Gleichzeitig habe es in der Vergangenheit aber auch immer wieder sogenannte Katastrophenschutzübungen gegeben. "So auch zu einem Pandemie-Szenario – das wurde mehrfach geübt", sagt Ulrichs. (Das ganze Interview sehen Sie im Video)

"Haben eine schwierige Situation"

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Thorsten Frei spricht im Kontext der fehlenden Desinfektionsmittel von einer "schwierigen Situation". Weiter sagte er der RTL/ntv Redaktion: "Das gilt sowohl für die Desinfektionsmittel, als auch für die Schutzkleidung, insbesondere in den Kliniken und für die Pfleger – ob das jetzt Masken oder Kittel oder andere Sachen sind." Man müsse nach der Krise ebenfalls schauen, dass "die Produktion von manchen Medikamenten und dergleichen mehr in Deutschland und in Europa stattfindet, um in Krisenzeiten besser vorbereitet zu sein und weniger abhängig von externen Faktoren", so Frei.

Auch der Infektiologe und FDP-Bundestagsabgeordnete Andrew Ullmann sagt im Gespräch mit RTL/ntv: "Ein Pandemie-Plan ist nichts für die Schublade, er muss umgesetzt werden, muss gelebt werden und eine entsprechende Bevorratung muss auch existieren."