Vier Wochen nach Flut-Drama: Bad-Neuenahr-Ahrweiler hat wieder eine Apotheke

Erste Kundin kam mit Sekt: "Wir sind so froh, dass Ihr weitermacht"

13. August 2021 - 11:31 Uhr

Diese Geschichte aus dem Ahrtal macht Mut

Die Flut vom Juli hat das Leben tausender Menschen im Ahrtal für immer verändert. Mehr als 100 haben die Katastrophe nicht überlebt. Andere haben buchstäblich alles verloren. Vier Wochen nach der Katastrophe zeigt sich, dass der Wiederaufbau noch lange dauern wird. Doch dank des Einsatzes der Helfer und des ungebrochenen Willens der Einheimischen geht es auch voran. Eine, die ununterbrochen kämpft, ist Apothekerin Linda Wnendt aus Bad-Neuenahr-Ahrweiler. Gegen den anfänglichen Widerstand der Behörden konnte sie jetzt eine Not-Apotheke öffnen. Die Freude darüber ist auf allen Seiten groß.

Sanierung der eigenen Apotheke dauert mindestens sechs Monate

Ahrweiler
Die ursprüngliche Ahrtor-Apotheke ist völlig zerstört und muss von Grund auf saniert werden.

"Direkt am ersten Tag, als wir noch gar nicht richtig da waren, kam die Erste direkt mit einer Sektflasche und sagte: 'Wir sind so froh, dass Ihr weitermacht, dass Ihr wieder da seid'." Dass sie nur vier Wochen nach der Zerstörung der eigenen Apotheke wenigstens eine Übergangslösung gefunden hat, ist ein kleines Wunder. Denn anfangs hatten die Behörden in bürokratischer Engstirnigkeit etwas dagegen.

Nun sind Wnendt und ihre Mitarbeiterinnen in den ehemaligen Räumen des Bonner Generalsanzeigers untergekommen, bis ihre völlig zerstörte Ahrtor-Apotheke renoviert ist. Was mindestens ein halbes Jahr dauern wird.

Kunden "sind happy, dass wir wieder da sind"

Apotheken-Mitarbeiterin Eva Ulrich
Apotheken-Mitarbeiterin Eva Ulrich ist froh, wieder arbeiten zu können.

Die Kunden sind froh, dass mit der Not-Apotheke wenigstens ein bisschen Normalität einkehrt. "Die sind happy, dass wir wieder da sind und gewohnte Gesichter sehen", sagt Mitarbeiterin Eva Ulrich. Viele Kunden erzählten von traumatischen Erlebnissen in der Katastrophe, berichtet sie. Täglich sieht Ulrich mit eigenen Augen das Leid der Menschen. "Es ist fast unerträglich zu sehen, wie es vielen anderen Menschen geht", sagt sie nachdenklich.

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Wiederaufbau wird Jahre dauern und Milliarden kosten

Container
Der Container wurde aus dem Schwarzwald ins Katastrophengebiet gebracht.

Viele haben noch kein fließendes Wasser, keinen Strom. Große Teile der Infrastruktur sind zerstört, der Wiederaufbau wird Jahre dauern und Milliarden kosten. Unrat, umgestürzte Bäume, leere Heizöltanks und teils auch zerstörte Autos stapeln sich übereinander. Viele Straßen sind verschmutzt, andere kaputt. Noch immer sind Bundeswehr, Technisches Hilfswerk (THW), Feuerwehr, Polizei, geschädigte Anwohner und private Helfer im Großeinsatz.

Die Hilfsbereitschaft ist groß. Eine Firma aus dem Schwarzwald hat der Apotheke kurzerhand einen Container gebracht. Der wird gebraucht, damit Menschen auch einmal diskret beraten und Medikamente gelagert werden können. Isabell Selver, selbst Apothekerin aus der Nähe von Kassel, hat Mobiliar gebracht. Auch das Zusammenspiel mit den Behörden läuft jetzt besser, erzählt Linda Wnendt. Ihre Not-Apotheke soll jetzt auch Corona-Testcenter werden. Ein weiterer kleiner Schritt zurück zur Normalität. (uvo)

Video: "Ein Albtraum aus Schlamm und Fäkalien"

Aus der Sendung "RTL West" vom 30. Juli 2021: Linda Wnendt über das unendliche Leid vieler Mitmenschen in ihrer Gemeinde. Über eine Frau, die ihren Nachbarn tot in ihrem Garten treiben sah. Über andere, die keinen Ort mehr zum Trauern haben. Über ihr eigenes Schicksal sagt Wnendt: "Ich habe nur eine Apotheke verloren."