Eine Psychologin klärt auf

Mutter überfährt eigenes Kind bei Mutprobe: Können Geschwister so ein traumatisches Erlebnis überwinden?

26. Juni 2019 - 11:33 Uhr

26-Jährige überfährt ihren Sohn vor den Augen seiner Geschwister

Dieser Fall aus Texas macht einfach nur fassungslos. Eine 26-jährige Mutter überfährt bei einer Mutprobe ihren dreijährigen Sohn. Ihre anderen beiden Kinder können sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Wie aber können die Geschwister mit dem Verlust des Bruders und dem Vertrauensverlust zur Mutter umgehen? Wie kann Kindern bei so einem traumatischen Verlust geholfen werden? Die systemische Familienberaterin Ruth Marquardt hat uns diese Fragen beantwortet.

Wie kann den Geschwistern geholfen werden, den Tod ihres Bruders zu verarbeiten?

"Was die beiden Geschwister nun dringend brauchen sind Menschen, vielleicht enge Verwandte, die ihnen in dieser Zeit viel Liebe, Verständnis und Zuneigung geben. Kinder verarbeiten ihre Trauer oft ganz anders als Erwachsene. Gerade wenn die Kinder noch so klein sind, erleben sie alles aus Gefühlen heraus. Der analytische Verstand, der wie bei Erwachsenen Dinge analysiert, mit anderen Erfahrungen vergleicht und schließlich einordnet, ist noch nicht entsprechend ausgeprägt.

Mitunter ist bei Kindern Trauer kaum zu erkennen. Häufig kommt es vor, dass sie scheinbar schnell wieder in das Spiel mit anderen Kindern einsteigen, als sei nichts Geschehen. Es  kann jedoch auch das Gegenteil eintreten und sie reagieren aggressiv. Wichtig ist, dass ihnen ihr Umfeld ihre Form der Trauer zugesteht. Nicht nur eine Woche oder einen Monat lang. Das kann unter Umständen Jahre dauern. Hilfreich ist ebenfalls, mit den Kindern kindgerecht über das Geschehene zu sprechen, ihre Fragen zu beantworten. Man sollte Kinder zu verstehen geben, dass sie keine Schuld an dem Vorfall tragen."

Sollte zusätzlich Hilfe von Experten in Anspruch genommen werden?

"Kinder brauchen definitiv noch die Unterstützung von Experten, beispielsweise von Traumatherapeuten. Das erleichtert häufig den Trauerprozess. Die kindgerechte Therapie in Form vom Malen, Basteln, Spielen oder das Sprechen mit Kuscheltieren hilft den Kindern, den eigenen Schmerz auszudrücken und zu durchleben. Sollten Familienangehörige verfügbar sein, kann es hilfreich sein, diese mit einzubeziehen."

Welche Langzeitfolgen können für die Kinder durch so ein traumatisches Erlebnis entstehen?

"Mit unterdrückter Trauer oder Schmerz verhält es sich häufig so, wie mit einem Wasserball, den man versucht, unter Wasser zu drücken. Das kostet Kraft. Je länger wir ihn unter Wasser halten müssen, desto weniger Kraft haben wir - bis irgendwann der Ball dann doch an die Oberfläche schießt. Genauso verhält es sich mit der Trauer bei Kindern: Diese müssen ihre Gefühle durchleben und nicht unterdrücken.

Wird die Trauer nicht verarbeitet, kann dies noch über viele Jahre, sogar Jahrzehnte zu Folgestörungen kommen: Ängste, Depressionen, Schlafstörungen, Panikattacken aber auch körperliche Schmerzen wie Herz-Kreislauf-Beschwerden können die Folge sein."

Können Traumata bei Kinder wieder ausgeglichen werden?

"Kinder können, je älter sie werden, lernen, mit diesen Verlusten zu leben. Die Wunde wird aber vermutlich für immer bleiben. Doch durch Geduld und eine liebevolle Begleitung von nahestehenden Menschen und Therapeuten, bleibt bei den Kindern "nur" eine Narbe zurück, mit der sie lernen können zu leben, auch wenn das Geschehene immer Teil ihres Lebens bleiben wird."

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel kann einen Besuch beim Arzt nicht ersetzen. Er enthält nur allgemeine Hinweise und darf daher keinesfalls zu einer Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung herangezogen werden.